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06.07.2018

Es gibt sie noch keine zehn Jahre, doch sie ist in aller Munde: die Kryptowährung Bitcoin. Wo sind ihre Entwicklungspotenziale? Wo liegen ihre Stärken und Schwächen? Ein Kommentar.

„Krypto-Token (wie Bitcoin) erfüllen derzeit nicht die ökonomischen Funktionen von Geld“, so schreibt die Bundesbank in ihrem jüngsten Finanzmarktstabilitätsreport. Die Begründung dafür, dass Bitcoin kein Geld darstellt, ist aus der Perspektive der Notenbank und Deutschlands nachvollziehbar: Weder lassen sich mit Bitcoin einfache Transaktionen durchführen, da die damit verbundenen Kosten sehr hoch sind, noch bietet sich Bitcoin angesichts der enormen Wertschwankungen als Wertaufbewahrungsmittel an. Nimmt man eine globalere Perspektive ein, kann man jedoch durchaus zu einem anderen Ergebnis kommen.

Versetzen Sie sich beispielsweise in die Lage eines Bürgers von Simbabwe, Brasilien, Venezuela oder Indonesien. Die Währungen dieser Länder – und weitere Dutzend könnten hinzugefügt werden – haben innerhalb einer Generation zwischen 95 und 99,9 Prozent ihres Wertes verloren. Die Bürger von Simbabwe bündeln den Simbabwe-Dollar in Paketen, wenn sie Brot und Gemüse einkaufen. In Venezuela liegt die monatliche Inflation bei über 2000 Prozent. Und in Argentinien bewahren die Menschen ihr Geld in US-Dollar auf, nicht in Peso. Erfüllen diese Währungen die Funktionen des Geldes?

Für die Bürger dieser Länder wird Bitcoin zu einer ernsthaften Alternative. In Venezuela gibt es Familien, die ihre Ersparnisse in Bitcoin umtauschen, um dann das Leben in diesem gescheiterten Staat hinter sich zu lassen und in Kolumbien oder Europa auf ihr Erspartes wieder zurückzugreifen. Selbst in Griechenland mussten Menschen erfahren, dass ihnen der Zugriff zu ihrem Geld verwehrt wurde, als im Jahr 2015 die Bankkonten eingefroren wurden. Einige vorausschauende Sparer hatten zuvor Bitcoin erworben und waren so der Kontosperre entgangen.

Bitcoin noch zu schwerfällig für entwickelte Länder

Umgekehrt stimmt es, dass im Vergleich zu den gut funktionierenden Zahlungssystemen der entwickelten Länder das Bitcoin-System als schwerfällig, kompliziert und anwenderunfreundlich daherkommt. Pro Sekunde können lediglich drei bis fünf Transaktionen abgewickelt werden. Das vergleicht sich höchst ungünstig mit Kreditkartensystemen, die im selben Zeitraum ohne Schwierigkeiten über 1000 Transaktionen verarbeiten. Richtig ist auch, dass die Gefahr der Geldwäsche, der hohe Energieaufwand beim Schöpfen von Bitcoin sowie das Hacken von Bitcoin-Börsen große Herausforderungen darstellen. Aber dann denken Sie zurück an die Anfänge des Internets. Erfunden in den 1970er-Jahren, Gehversuche Ende der 1980er, wilder Westen zu Beginn der 1990er-Jahre, erste funktionierende Geschäftsmodelle auf der Basis des Internet in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre und erst heute – eine geplatzte Blase und viele Unternehmenskonkurse später – kommt das Internet in vielen Bereichen zur vollen Entfaltung. Bei Bitcoin befindet man sich möglicherweise im Internet zu Beginn der 1990er-Jahre. Schon in einigen Jahren könnten jedoch Bitcoin-Zahlungen über das Smartphone selbstverständlich werden.

Das Entscheidende ist, dass sich nach der Überwindung einer Reihe technischer und regulatorischer Schwierigkeiten eine Währung etablieren kann, die den Staaten, die in der Vergangenheit ihr staatliches Geldmonopol missbraucht haben, als eine ernsthafte und unbestechliche Konkurrenz erwachsen kann. Gleichzeitig ist es auch denkbar, dass sich Bitcoin als Internetwährung etabliert, mit der man nicht nur Güter einkauft, sondern auch Programmierer, Webdesigner und andere Online-Dienstleister bezahlt. Bitcoin hat viele Schwächen und wird umstritten bleiben. Aber: Die global genutzten Tokens existieren seit nunmehr neun Jahren, haben sich als äußerst robust gegen Angriffe auf das Bitcoin-Netzwerk erwiesen und als Benchmark für Kryptowährungen etabliert. Sie abzuschreiben, wäre kurzsichtig.