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12.01.2018

„Langfristige Renditen profitieren vom erfreulichen Konjunkturumfeld und abebbenden politischen Spannungen “, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Kapitulation. Das war der vorherrschende Eindruck, den man in den vergangenen Monaten im Gespräch mit Anlegern gewinnen konnte, wenn es um die Aussichten für die Zinsen ging. Mit den Worten „die steigen nie mehr, Zero4Eva, die Renditen sind wie festgenagelt“ wurde diese Resignation beschrieben. Auf der Jagd nach Rendite werden für Unternehmensanleihen Risikoprämien akzeptiert, die diesen Namen nicht verdient haben; Kryptowährungen erfahren eine an die holländische Tulpenmania erinnernde Spekulationswelle; und die als alternativlos dargestellten Aktien jagen unter anderem in den USA von einem Rekord zum nächsten.

Aber Sie kennen das Sprichwort, das sich hier auf die Zinsentwicklung anwenden lässt: Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist die Dämmerung am nächsten. Der jüngste Anstieg der Staatsanleiherenditen lässt ahnen, dass die Sonne bald aufgehen könnte. So sind die zehnjährigen T-Notes-Renditen aus den USA auf über 2,50 % gestiegen, immerhin 50 Basispunkte seit September 2017 und das höchste Niveau seit März 2017. Und auch die Bunds zeigen wieder Lebenszeichen.

Sie werden sagen: Das ist eine von den vielen Warnungen vor höheren Zinsen, die in den letzten Jahren von verschiedenen Seiten immer wieder geäußert wurden. Am Ende entpuppte sich der angebliche Trend stets als ein vorübergehendes Strohfeuer. Kann man diesen Irrtum dieses Mal ausschließen? Nein. Statt zu kapitulieren, sollte man sich jedoch mit drei Fragen auseinandersetzen. Kommt die Inflation? Was machen die Notenbanken? Und schließlich: Bleiben die Anleger risikofreudig?

Kommt die Inflation? Die Inflationszahlen sind bislang ernüchternd. Die Kernraten (ohne Lebensmittel und Energie) liegen bei 1,3 % in den USA und 0,9 % in der Eurozone und somit weit von den 2 Prozent-Zielmarken entfernt. Laut dem DPI-Onlinepreisindex von Adobe ist die Digitalwirtschaft teilweise dafür verantwortlich, dass die Teuerungsrate trotz boomender Konjunktur nicht in Gang kommt. Mit dem steigenden Auslastungsgrad der Volkswirtschaften, der sich in fallenden Arbeitslosenraten dies- und jenseits des Atlantiks sowie einer zunehmenden Kapazitätsnutzung in der Industrie äußert, sollte die Inflation in den USA vermutlich noch in diesem Jahr auf über 2 % steigen und auch in der Eurozone ist mit einer leicht höheren Teuerungsrate zu rechnen.

Damit kann man sich der Frage zuwenden, was die Notenbanken machen. In den USA ist der Pfad vorgezeichnet. Mit drei Zinserhöhungen dürfte in diesem Jahr das Straffungstempo von 2017 beibehalten werden. Innerhalb des EZB-Rates mehren sich gleichzeitig die Stimmen, die für eine baldige Beendigung des QE-Programms plädieren. Selbst in Japan macht man sich Gedanken über die Zukunft des Staatsanleihenankaufprogramms. Kurz: Die Unterstützung der Bondmärkte durch die Notenbanken wird geringer und wird in absehbarer Zeit in Gegenwind umschlagen.

Bleibt die Risikofreude der Anleger. Gemessen an der Kaufbereitschaft an den Aktienmärkten, ist diese derzeit hoch. Natürlich könnte US-Präsident Donald Trump oder der nordkoreanische Staatschef Kim Jong-un hier einen Strich durch die Rechnung machen. Auch ein Platzen der vermutlichen Bitcoin-Blase würde für Nervosität sorgen. Die erfreulichen Konjunkturdaten, die US-Steuerreform und die größere politische Stabilität in der Eurozone sprechen jedoch dafür, dass die Anleger weiterhin bereit sind, Risiken einzugehen und von Staatsanleihen in andere Vermögensklassen umschichten werden.

Die Nacht geht zuende und den Anlegern dämmert, dass Renditen auch steigen können.