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21.08.2017

„Marktwirtschaftliche Reformen könnten neue Wettbewerbskräfte frei setzen und Chinas Wachstum für die nächste Dekade sichern“, so Marius Schad, Analyst der HSH Nordbank

In der makroökonomischen Theorie kursiert eine Vielzahl von volkswirtschaftlichen Kennzahlen, die den wirtschaftlichen Fortschritt von Nationen wiedergeben. Internationale Finanzmarktakteure, Ökonomen und Analysten messen besonders dem BIP-Wachstum eine besondere Bedeutung zu. Im vergangenen Jahrzehnt wuchs diese Kennziffer für das bevölkerungsreichste Land der Erde durchschnittlich jährlich fast atemberaubende 10 %. Bedingt durch enorme Infrastrukturinvestitionen und eine breite Industrialisierung hat China ein bemerkenswertes Wachstum erzielt und den Wohlstand der Bevölkerung steigern können. Doch die Zeiten von zweistelligen Wachstumszahlen sind lange vorbei. Für das zurückliegende Quartal meldete Peking nur ein Wachstum von 6,9 % gegenüber dem Vorjahr, für europäische Verhältnisse jedoch ein immer noch gigantischer Wert. Ist das schwächere Wachstum ein Grund zur Besorgnis? Und sollten wir den Fokus wirklich auf das BIP-Wachstum legen?

Mit der unter Deng Xiaoping 1978 eingeleiteten Öffnung Chinas nahm die wirtschaftliche Belebung endgültig Fahrt auf. Dies hat ausländisches Kapital und Know-How nach China gebracht, welche eine beispiellose Industrialisierung einleiteten und die Infrastrukturentwicklung erst ermöglichten. Doch die Möglichkeiten des alten Wachstums sind begrenzt. Erkennbar ist dies in der bereits spürbar abnehmenden Wachstumsdynamik im Vergleich zu den 2000er Jahren. Dabei haben vor allem die westlichen Provinzen und Städte Chinas fernab der Küste immer noch gewaltigen Aufholbedarf. Insgesamt reicht ein Fokus auf Infrastrukturinvestitionen, Industrieproduktion und BIP-Wachstum nicht mehr aus. Denn das Potential der chinesischen Wirtschaft und das Wirtschaftswachstum werden zukünftig vermehrt von qualitativeren Faktoren gespeist werden. Besonders die Steigerung der Produktivität muss zum Hauptaugenmerk der Entscheider in Peking werden, soll der chinesische Wachstumstraum in seine Verlängerung gehen. Und hier bietet sich ein Blick auf die Totale Faktorproduktivität an, welche das Wirtschaftswachstum ohne die Wachstumsbeiträge der Faktoren Arbeit und Kapital erklärt und den Teil des Wirtschaftswachstums durch technologischen Fortschritt wiedergibt.

In den Jahren der Industrialisierung hat der Einsatz von Maschinen, Computern und Robotern wesentliche Produktivitätssteigerungen erbracht. In den Jahren von 2001 bis 2007 laut renommierten Unternehmensberatungen alleine durchschnittlich jährlich 4,7 %. Dieses Produktivitätswachstum hat sich jedoch auf westliche Verhältnisse, sprich eine Rate von 0,5 bis 1,0 %, abgeschwächt. Speziell die staatseigenen Betriebe haben großen Spielraum für Produktivitätssteigerungen. Eine Fokusierung der Wirtschaftspolitik auf strukturelle Reform der staatseigenen Betriebe und mehr privatwirtschaftliche Wettbewerbselemente könnten enorme produktivitätssteigernde Impulse freisetzen. In dieser Diskussion um Chinas Wachstum lohnt auch ein Blick in die Geschichtsbücher: Vor Chinas Beitritt zur WTO im Jahr 2001 unternahm die Regierung eine Reihe von marktwirtschaftlichen Reformen, u.a. die Eliminierung von Importzöllen, die teilweise Öffnung der Kapitalmärkte und eine breit angelegte Konsolidierung innerhalb der staatseigenen Betriebe. Mit einer neuen Liberalisierung könnte die Xi-Administration genau diese Wettbewerbskräfte erneut entfachen und Chinas Wachstum für die nächste Dekade sichern. Vielleicht wird der 19. Parteikongress im Oktober hierzu bereits erste Andeutungen beinhalten.