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01.09.2017

„Anders als Trump behauptet hat NAFTA möglicherweise die US-Autoindustrie sogar gerettet“, meint Sintje Boie.

Am 1. Januar 1994 ist das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North American Free Trade Agreement – NAFTA) zwischen den USA, Mexiko und Kanada in Kraft getreten, im Rahmen dessen bis 2008 alle Zölle zwischen den Ländern abgebaut werden sollten. Mit dem Abkommen waren große Erwartungen verbunden: Die Freihandelszone sollte den Handel zwischen den beteiligten Staaten erhöhen, Arbeitsplätze schaffen und den Einwanderungsdruck aus Mexiko in die USA mindern, sprich zu neuem Wohlstand in der Region führen.

Mehr als 20 Jahre nach Inkrafttreten von NAFTA wird Bilanz gezogen und man versucht, den tatsächlichen Erfolg von NAFTA zu bewerten. Für US-Präsident Donald Trump scheint die Sachlage ganz klar zu sein: Die Freihandelszone hat zu einem kräftigen Beschäftigungsrückgang in der US-Industrie – vor allem in der Autobranche – geführt und einstige Hochburgen wie im Bundesstaat Michigan wurden dadurch in den Ruin getrieben. Der Vorwurf: Produktionsstätten aus den USA sind aufgrund der dortigen niedrigen Löhne nach Mexiko verlagert worden. Trump bezeichnet NAFTA als schlechten „Deal“ für die USA und möchte in Neuverhandlungen mit Kanada und Mexiko bessere Konditionen für die USA herausschlagen (nächste Gesprächsrunde 1. bis 5.9.). Gelingt letzteres nicht, soll das Freihandelsabkommen aufgekündigt werden.

Was ist dran an den Vorwürfen von Trump? Fakt ist, dass es tatsächlich zu einer Verlagerung von Produktionsstätten aus den USA nach Mexiko seit Bestehen von NAFTA gekommen ist. Die Handelsströme zwischen den drei Ländern haben sich spürbar erhöht, allerdings hat sich auch die Zusammensetzung des Handels stark verändert. Der Warenaustausch innerhalb großer multinationaler Unternehmen über Ländergrenzen hinweg nimmt einen immer größeren Anteil am Gesamthandel ein. Zwischenprodukte werden aus den USA nach Mexiko importiert, dort zu Endprodukten zusammengesetzt und in die USA reexportiert. Es findet eine Art Arbeitsteilung statt, wobei die billigen Arbeitskräfte in Mexiko die einfacheren Arbeitsschritte durchführen, während in den USA Prozesse mit einer nötigen Höherqualifizierung der Arbeitnehmer getätigt werden.

Diese Arbeitsteilung hat Auswirkungen für beide Länder, die nicht wünschenswert sind. Doch Trump kann man entgegenhalten, dass NAFTA möglicherweise sogar die US-Autoindustrie gerettet hat. Denn die Möglichkeit, auf billige Arbeitskräfte in Mexiko zurückzugreifen, dürfte der US-Industrie geholfen haben, global wettbewerbsfähig zu bleiben. So sind geringqualifizierte Arbeitsplätze in den USA abgebaut worden und nach Mexiko verlagert worden. Andererseits sind wahrscheinlich durch diesen Schritt auch Arbeitsplätze in den USA gesichert worden, denn der Wegfall der Zölle durch NAFTA hat diese Art der Arbeitsteilung erst möglich gemacht und die Produktivität der Unternehmen erhöht. Was für die Autoindustrie gilt, trifft auch auf andere Wirtschaftssektoren wie Nahrungsmittelproduktion, Textilien oder Elektronik zu. Auch Firmen aus Drittländern versuchen, von diesen integrierten Lieferketten Gebrauch zu machen.

Eine Gesamtbewertung von NAFTA erscheint schwierig. Es gibt sicherlich eine ganze Reihe von Einzelentwicklungen durch NAFTA, die nicht wünschenswert sind. Die Integration der Lieferketten kann jedoch nur schwer wieder rückgängig gemacht werden und neue Zölle wären daher mit erheblichen Risiken für die US-Industrie verbunden. Die Deindustrialisierung in den USA könnte sich dadurch beschleunigen.