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Wochenkommentar
02.03.2017

Überschüsse in der Leistungsbilanz haben für sich gesehen keinen Wert, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Überschüsse in der Leistungsbilanz sind gut, Defizite hingegen schlecht. Das ist die einfache Denkweise des US-Präsidenten Donald Trump. Aber Hand auf’s Herz: Sind die meisten Bürger unseres Landes nicht auch der Überzeugung, dass die Überschüsse in der deutschen Handelsbilanz eine prima Sache sind, ein Zeichen von Stärke und Macht? Sind wir nicht alle kleine Merkantilisten?

Vielleicht, und vermutlich aus Unwissenheit. Dazu ein Beispiel. Nehmen wir zwei Jungen, die mit Matchboxautos spielen, Peter und Paul. Während Paul laufend von seinem reichen Onkel neue Modelle geschenkt bekommt, hat Peter nur ein paar Exemplare, von denen der Lack abblättert und die Türen kaum noch aufgehen. Er schlägt Paul vor, ihm ein paar von seinen Modellen zu verkaufen. Allerdings müsste er noch auf sein Taschengeld warten und fragt, ob er ihm trotzdem die Autos jetzt schon geben könnte. Paul willigt ein. Das Ergebnis sind nach jeder Spielrunde steigende Schulden, die Peter bei Paul hat. Oder: Peter hat ein Handelsbilanzdefizit, Paul dagegen einen Handelsbilanzüberschuss. Steht jetzt Paul besser da als Peter? Er hat weniger Autos und hohe Forderungen gegenüber Peter, die dieser vermutlich nie einlösen wird. Umgekehrt kann Peter die ganze Zeit mit neuen Autos spielen, die er sich von seinem Taschengeld nicht leisten könnte.

Ein abwegiges Beispiel? Deutsche Finanzinstitute haben jahrelang das Geld ihrer Kun-den und Aktionäre in US- Wertpapiere angelegt, die mit Hypothekenkrediten unterlegt waren und sich nach 2007 als wertlos herausstellten. Anleger aus Deutschland haben also lange Zeit Konsumverzicht geübt und das Ersparte im Ausland angelegt und dabei Vermögensverluste erlitten. Die Amerikaner dagegen hatten in dieser Zeit ein Konsumniveau, das über die heimische Produktion hinausging und daher einen Wohlfahrtsgewinn gehabt. Wer war jetzt smarter?

Nun ist ein daraus abgeleiteter Ratschlag an Deutschland, die Überschüsse im Inland zu investieren. Zwei Probleme gibt es hier: Erstens, wenn ein deutsches Unternehmen US-Dollar-Erlöse hat und davon im Inland eine neue Produktionshalle aufbauen möchte, muss die Firma die US-Dollar in Euro tauschen. Die Dollar verschwinden dadurch nicht, sondern werden – ganz gleich wie häufig sie den Besitzer wechseln - am Ende in den USA angelegt. Kurz: Leistungsbilanzüberschüsse wandern per Definitione ins Ausland. Zweitens könnte es sich als riskante Strategie erweisen, alles Geld im Inland anzulegen, wie beispielsweise die Bauinvestitionen in den 1990er Jahren in Ostdeutschland gezeigt haben. Der eigentliche Ratschlag muss lauten: Lassen Sie Vorsicht walten, wenn Sie ihr Geld anlegen, ganz gleich ob im Inland oder im Ausland.

Die Empfehlung, mehr Geld in inländische Projekte zu stecken, geht eigentlich in eine andere Richtung: Wenn Unternehmen stärker im Inland investieren würden, stiegen die Importe und der Leistungsbilanzüberschuss würde sinken. Dieser Ratschlag ist jedoch nur dann sinnvoll, wenn im Inland tatsächlich ein signifikanter Investitionsbedarf herrscht. Dies darf man für den öffentlichen Sektor – denken Sie beispielsweise an renovierungsbedürftige Schulen, den Lehrermangel sowie für schwere LKW nicht befahrbare Brücken – durchaus unterstellen, wie das DIW-Forschungsinstitut nachweist.

Ganz gleich wie der Leistungsbilanzsaldo ist: Ein Investitionsstau führt zur Schwäche, die Behebung der Investitionslücke zur Stärke eines Landes. Überschüsse in der Leistungsbilanz haben für sich gesehen keinen Wert und Merkantilisten sind keine Vorbilder.