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Wochenkommentar
05.08.2016

Eigentlich war der Plan der US-Notenbank klar: Wenn die Arbeitslosenquote unter 6,5% liegt und die zweijährige Inflationsprognose weniger als einen halben Prozentpunkt unter dem Zielwert von 2% liegt, hebt die Fed die Zinsen an. Aktuell liegt die Arbeitslosenquote in den USA unter 5% und die Inflationsrate liegt mit 0,9% nur aufgrund des Ölpreises unter dem entsprechenden Schwellenwert. Nach dem ersten Zinsschritt Ende letzten Jahres rechneten sowohl die Märkte als auch die amerikanischen Notenbanker selbst mit vier Zinserhöhungen in diesem Jahr, doch es ist anders gekommen. Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass das Bild, das die Arbeitslosenquote und die Inflationsentwicklung von der US-Wirtschaft zeichnen, verzerrt ist. Daran ändert auch nichts, dass der S&P 500 Aktienindex auf einem Allzeithoch angekommen ist und viele bereits über eine neue Blasenbildung spekulieren und diese auf die anhaltende Niedrigzinsphase zurückführen. Die Fed hat auf jeder ihrer Sitzungen gute Gründe gefunden, den nächsten Zinsschritt aufzuschieben: waren es Anfang des Jahres die Risiken aus China, im Juni schwache Arbeitsmarktdaten, so sind es nun die Risiken, die sich aus dem Brexit-Votum ergeben. Doch in Wahrheit sind es nicht nur diese einzelnen Ereignisse, die der amerikanischen Notenbank das Leben schwer machen. Wo genau liegt das Problem?

Die US-Wirtschaft hat seit 2009 ein beeindruckendes Comeback hingelegt. Obwohl die Finanzkrise ihren Ursprung im amerikanischen Immobilienmarkt hatte, erholte sich die größte Volkswirtschaft – insbesondere im Vergleich zur Eurozone –schnell und kräftig. Dennoch liegt in den USA die Produktion weiterhin etwa 2% unter dem angenommenen Potential, obwohl dieses nach der Krise ohnehin schon niedriger angesetzt wurde. Das bedeutet, dass die US- Wirtschaft erst einmal 2% stärker wachsen muss als ihr Potential, bis die Kapazitäten ausgelastet sind. Ein ähnliches Bild ergibt sich trotz der gesunkenen Arbeitslosenquote auch für den Arbeitsmarkt. Die Partizipationsrate, d.h. der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter, die tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, ist etwa genauso stark zurückgegangen wie die Arbeitslosenquote. Wenn die Arbeitslosenrate demnach seit ihrem Höhepunkt um 5% gesunken ist, im gleichen Zeitraum aber 4% der Menschen aufgehört haben nach einem Job zu suchen, ist die Aussagekraft dieser Zahl für die Dynamik der Volkswirtschaft eher begrenzt.

Auch in den USA ist also nicht alles Gold was glänzt und die Zurückhaltung der Fed-Chefin ist nach einem Blick auf die Daten nicht mehr ganz so verwunderlich. Obwohl der Aufschwung nun schon seit 2010 ohne Unterbrechung läuft, geht die Angst um, dass einzelne Störfeuer den fragilen Aufschwung abwürgen werden. Diese Gefahr wird derzeit höher gewichtet als die möglichen Konsequenzen einer Blasenbildung. Die Fed wird in diesem Umfeld weiterhin ihr Vorgehen von der Datenlage abhängig machen und in keinem Falle vorschnell agieren. Um zumindest kurzfristig ein Bild von den Auswirkungen des Brexit-Votums auf die Konjunktur zu bekommen, werden sie mindestens noch das Ende des dritten Quartals abwarten. Sollten  sich bis dahin die negativen Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaft in Grenzen halten, kann man gegen Ende des Jahres den nächsten Zinsschritt einleiten. Sollte sich jedoch in Großbritannien eine tiefe Rezession mit schweren Turbulenzen für den US-Markt abzeichnen, wird man froh sein, heute nicht die Zinsen erhöht zu haben.