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Wochenkommentar
08.10.2015

Der Internationale Währungsfonds lässt bei der Vorstellung seiner halbjährlichen Publikationen zur Lage der Weltwirtschaft die entscheidende Frage unbeantwortet, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seinen halbjährlichen Publikationen zur Lage der Weltwirtschaft mal wieder sorgfältig ausgearbeitete Analysen präsentiert: Neben den akkurat hergeleiteten Wachstumsprognosen werden die Auswirkungen des niedrigen Ölpreises erörtert und ganze 13 Seiten widmet der Fonds den Entwicklungen an den Metallmärkten. Risiken für die Weltwirtschaft werden ausführlich dargestellt und nach der Meinung der Institution aus Washington sind diese deutlich gestiegen. Die Kernbotschaft lautet: Die Weltwirtschaft wächst zwar, aber die Fragilität der Erholung hat zugenommen. Und doch fehlt etwas in den Flagship-Veröffentlichung des IWF, der sich als wirtschaftspolitischer Ratgeber versteht.

Es mangelt an einer kritischen Auseinandersetzung mit den Entwicklungen, die zu eben dieser Fragilität beigetragen haben. Der IWF begründet das unausgewogene Wachstum der Weltwirtschaft mit der rückläufigen Dynamik in den Schwellenländern, die ihrerseits mit den gefallenen Rohstoffpreisen zu tun habe. Die Risiken seien außerdem gestiegen, weil der Unternehmenssektor - erneut in den Schwellenländern - seine Verschuldung massiv ausgebaut habe. Gleichzeitig würde die Liquidität in vielen Marktsegmenten austrocknen. Mit anderen Worten: Die Handelbarkeit vieler Wertpapiere ist nicht mehr gewährleistet.

Das ist jedoch keine echte Begründung für das instabile Wachstumsbild. Warum beispielsweise sind die Rohstoffpreise in den vergangenen Monaten eingebrochen? Sie werden vielleicht sagen, es sei wegen des Überangebots an Rohstoffen. Das ist richtig, aber offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Überangebot und der ultralockeren US-Geldpolitik, von der sich kein Land angesichts globalisierter Finanzmärkte frei machen kann: So dürften die Unternehmen in Australien ihre Milliardeninvestitionen in den Eisenerz- und Kohlebergbau nicht nur aufgrund einer Überschätzung der Nachfrage aus China durchgeführt haben, sondern auch durch das Gratisgeld auf den Kapitalmärkten dazu verleitet worden sein. Wenn jetzt die Preise für Kohle und Eisenerz im Keller sind und vielen Ländern Probleme bereiten, dann hat dies zu einem wichtigen Teil mit dem monetären Kurs aus den USA zu tun. Ähnliches gilt für den Ölmarkt: der Boom im US-Schieferölsektor, der zu der deutlichen globalen Angebotsausweitung und einem Verfall der Preise geführt hat, hätte ohne die Nullzinspolitik sicherlich nicht das bekannte Ausmaß angenommen. Hieraus lässt sich im Übrigen auch eine andere Aussage ableiten: Die ultraexpansive Geldpolitik, die von den USA ins Leben gerufen wurde, wirkt deflationär und nicht, wie eigentlich gewünscht, inflationär.

Der Fonds stellt zwar in seinem Stabilitätsreport fest, dass die lockere Geldpolitik der Vergangenheit zu der hohen Verschuldung von Unternehmen beigetragen hat. Dennoch warnt die Institution in alter Tradition vor Zinserhöhungen, denn – so die Begründung – dadurch würde das Risiko von massiven Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern und von Turbulenzen an den Devisenmärkten deutlich steigen. Statt also die Gefahren der aktuellen Geldpolitik für die Weltwirtschaft zu thematisieren und auf einen Strategiewechsel zu drängen, ermuntert der IWF im Gegenteil die Notenbanken dazu, die Zügel möglichst locker zu lassen - und lässt die entscheidende Frage unbeantwortet: Wo ist der Exit?

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank