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Wochenkommentar
09.07.2015

Der Grexit scheint beschlossen zu sein. Jetzt geht es um aktive Schadensbegrenzung, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Jeder kennt sie, die Szene aus dem Film "Rebel without a cause": Jim (James Dean) und Buzz (Corey Allen) rasen jeweils mit einem Auto auf eine Klippe zu und springen kurz davor aus dem Wagen. So der Plan. Buzz bleibt jedoch mit seinem Ärmel am inneren Türgriff hängen und stürzt den Abgrund hinunter. Ist das auch das Schicksal von der Regierung Tsipras und des griechischen Volkes? Glaubte der Ministerpräsident in seinem jugendlichen Leichtsinn ebenfalls, zusammen mit seinem rebellischen Finanzminister a.D. Varoufakis in der allerletzten Sekunde doch noch das Steuer herumreißen zu können, um dem Exit auszuweichen?

Falls Tsipras immer noch die Hoffnung hat, den Grexit zu vermeiden, dann dürfte er übersehen haben, dass unter ihm bereits der Abgrund gähnt. Auch wenn jetzt noch ein allerletzter Verhandlungsversuch gestartet wird, geht es in diesen Tagen und den nächsten Wochen und Monaten darum, die Folgen des voraussichtlichen Grexit für Griechenland und die Eurozone bzw. die Europäische Union so weit möglich in geordneten Bahnen zu managen.

Die Handlungsprioritäten der nächsten Tage und Wochen ergeben sich aus dem vorhersehbaren Krisendrehbuch, das von Ländern wie Argentinien in der Vergangenheit geschrieben wurde. Zunächst wird sich in Griechenland das Bargeld dem Ende zuneigen. Es ist nur noch eine Frage weniger Tage, dass die Bankautomaten keine Euro-Scheine mehr ausspucken und die wegen der Rezession wegbrechenden Steuereinnahmen es dem Staat nicht mehr erlauben, seine laufenden Ausgaben wie Pensionszahlungen und öffentliche Gehälter zu finanzieren. Das ist der späteste Moment, wo die Regierung sich über alternative Zahlungsmittel Gedanken machen muss, da ansonsten Zigaretten und Ouzo diese Rolle übernehmen werden. Schuldscheine bzw. Versprechen auf Eurozahlungen in der Zukunft wären eine rasche Alternative, die beispielsweise in Kalifornien im Jahr 2009 angesichts des damals herrschenden Finanznotstands begeben wurden. Die Bürger werden feststellen, dass sie für einen 10 Euro-Schuldschein nur Waren im Wert von 5 Euro oder weniger erwerben können. Die Abwertung ist da. Da die Währung im Ausland vermutlich nicht akzeptiert wird, dürfte es bei bestimmten Warengruppen zu Engpässen kommen, insbesondere bei Medikamenten und Benzin bzw. Diesel. Die Rezession wird sich dramatisch verschärfen, soziale Unruhen werden wahrscheinlicher, was viele Touristen davon abhalten dürfte, nach Hellas zu reisen.

Spätestens in diesem Moment sollte die Europäische Union tätig werden. Auch wenn einige griechische Regierungsvertreter es als unwürdig bezeichnen, dass man über humanitäre Hilfe nachdenkt, muss die EU genau dies machen. Zum einen geht es um menschliche Schicksale. Zum anderen ist der politische Schaden möglichst in Grenzen zu halten. Denn unter den gegebenen Umständen erscheint es nicht abwegig, dass Griechenlands nicht nur die Eurozone, sondern auch die Europäische Union verlässt, vielleicht in Richtung Russland.

Das übergeordnete Ziel für die Euromitgliedsländer ist, die mittelfristige Stabilität der Währungsunion zu stärken. Die jahrelange Hängepartie rund um das überschuldete Griechenland dürfte deutlich gemacht haben, dass man mit Hochdruck an einer Insolvenzordnung für Staaten arbeiten muss, die einen kalkulierbaren und damit nicht stabilitätsgefährdenden Schuldenschnitt erlaubt.

Hoffentlich wissen nunmehr alle, was zu tun ist.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank