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08.01.2015

Die Wahlen in Griechenland lassen das Gespenst des Grexit wieder auferstehen. Besonders wahrscheinlich ist ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone jedoch nicht, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Die Diskussion um ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone (Grexit) kommt aus wirtschaftlicher Sicht zu einem überraschenden Zeitpunkt: Das Land wächst seit drei Quartalen wieder, hat im vergangenen Jahr vor Zinszahlungen einen signifikanten Budgetüberschuss erwirtschaftet und weist seit zwei Jahren eine positive Leistungsbilanz aus. Man könnte sagen: Hellas ist auf dem richtigen Weg. Politisch stellt sich die Lage komplett anders dar. Bei den vorgezogenen allgemeinen Wahlen am 25. Januar hat die linksgerichtete eurokritische Syriza-Partei unter der Führung von Alexis Tsipras gute Karten, zur stärksten Kraft zu werden. Tspiras könnte gegebenenfalls den staatlichen Schuldendienst einstellen und auf diese Weise den faktischen Ausstieg aus dem Euro auslösen (wenn etwa die EZB Griechenland den Geldhahn zudreht). Zwei Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang: Erstens, wie wahrscheinlich ist ein derartiges Szenario? Und zweitens, was würde dies für die Stabilität der Währungsunion bedeuten? Zur ersten Frage: Die Einstellung des Schuldendienstes ist im Fall eines Syriza-Wahlsiegs keineswegs eine ausgemachte Sache. Zum einen deuten die jüngsten Umfragen darauf hin, dass Tsipras auf Koalitionspartner angewiesen sein wird, die im Zweifel eine derartige Politik nicht mittragen würden. Zum anderen spricht der politische Aufsteiger in den vergangenen Wochen in der Regel von neuen Verhandlungen und der Möglichkeit einer Umschuldung. Das wäre weit weniger disruptiv als das einseitige Einstellen des Schuldendienstes. Und schließlich sollten die Investoren im Falle eines drohenden Ausstiegs die Kurse griechischer Aktien und Staatsanleihen in den Keller schicken und könnten zu einem Umdenken bei den politischen Entscheidungsträgern führen, die sich im Übrigen über die Gefahr einer gravierenden Rezession immer klarer werden dürften. Zwischenfazit: Bei nüchterner Betrachtung scheint das Risiko eines Griechenland-Ausstiegs eher gering, wenn auch nicht vernachlässigbar zu sein.

Auch im Hinblick auf die Frage nach der Stabilität der Eurozone darf man tendenziell gelassen sein, wenngleich Leichtsinn nicht angebracht ist: Sollte es tatsächlich zu einem Ausscheiden Griechenlands kommen, so sind die institutionellen Voraussetzungen heute in der Form des gut ausgestatteten ESM-Stabilitätsfonds, einer bereitwillig Liquidität zur Verfügung stellenden Notenbank und einer gemeinsamen Bankenaufsicht wesentlich besser als in den Jahren 2010 und 2011. Natürlich kann es bei einem Sturm auf griechische Banken dennoch zu Ansteckungen in den Peripherieländern kommen. Aller Voraussicht nach würden die Euro-Finanzminister und die EZB aber in diesem Fall schwerstes Geschütz auffahren und die Lage rasch beruhigen. Auch die Wahlen in Spanien, wo die europakritische Partei Podemos großen Zulauf hat, stellt eine Unsicherheit dar. Gerade Spanien hat von seiner EU-Mitgliedschaft in den vergangenen Jahrzehnten massiv profitiert, so dass ein Bruch mit der Währungsunion uns nicht mehrheitsfähig erscheint.

Fazit: Der 25. Januar und die Monate danach werden die Märkte beschäftigen
und zeitweise in Atem halten. Selbst im, unserer Einschätzung nach, nicht so wahrscheinlichen Fall eines Grexit dürften keine nachhaltigen destabilisierenden Turbulenzen in der Eurozone zu erwarten sein. Aber keine Frage: Ein Restrisiko bleibt.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank