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16.10.2014

Rezessionsangst und Panik werden gerne von den Medien aufgegriffen, sind aber im jetzigen Umfeld nicht angebracht, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Das R-Wort ist wieder da. In Deutschland sind die Auftragseingänge eingebrochen, die Industrieproduktion schwächelt und die Exporte befinden sich im Sinkflug. Gleichzeitig hat sich China von seinen alten Wachstumsniveaus um die 10 Prozent verabschiedet und expandiert mit einer deutlich niedrigeren Rate, während IS-Terror und die Russland-Sanktionen die Unternehmen von Investitionen zurückhalten und die Aktienmärkte global in den Keller rauschen. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ist in seinem jüngsten Weltwirtschaftsausblick pessimistischer. Ganz offensichtlich steht das von den globalen Entwicklungen so abhängige Deutschland wieder vor einer Rezession und die Wirtschaftspolitik sollte unbedingt handeln.

Und jetzt erst mal tief Luft holen. Das obige Bild entspricht ungefähr dem, was uns in den vergangenen Wochen in den Medien vorgesetzt wurde. Wie dramatisch ist die Lage denn nun wirklich? Richtig ist, dass die letzten Konjunkturindikatoren aus Deutschland enttäuscht haben. Zum einen ist dies aber auf Sondereffekte zurückzuführen (z.B. späte Sommerferien). Zum anderen ist in erster Linie der exportorientierte Sektor betroffen, während der Inlandskonsum immer noch recht solide ist und die Wirtschaft stützt. Ein Wirtschaftswachstum von um die 1 Prozent sollte sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr erreichbar sein, zumal der niedrigere Ölpreis konjunkturell positiv ist. Weiter werden vermutlich einige Anleger, die in der Hoffnung auf einen Durchbruch der 10.000er Marke vor einigen Wochen den Dax gekauft haben, derzeit nicht gerade die beste Laune haben. Ein Stand von rund 8550 Punkten, der ungefähr dem Stand von vor einem Jahr entspricht, ist volkswirtschaftlich jedoch keineswegs ein Beinbruch. Und was ist mit China? Ja, was soll schon sein? Die Wirtschaft im Reich der Mitte expandiert in der Tat langsamer als noch vor ein paar Jahren, nämlich mit ungefähr 7 Prozent. Damit ist China aber weiterhin eine wichtige Stütze für die Weltwirtschaft und die deutschen Ausfuhren und wir haben keine Anzeichen, dass sich die Lage von diesem Niveau aus signifikant eintrüben wird. Interessant ist übrigens, dass sich in Indien, dem zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt, das Wachstum gerade beschleunigt, aber niemand davon spricht. Der IS-Terror und die Russland-Krise belasten sowohl die Konjunktur als auch die Psyche, keine Frage. Immerhin scheint die Eskalationsspirale bei den Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine zum Halten gekommen zu sein. Wie es im Grenzgebiet zwischen Syrien, Türkei und Irak weitergeht, ist unklar. Schließlich ist noch der IWF zu nennen. Die Bretton-Woods-Organisation hat ihre Wachstumsprognose weit weniger heruntergeschraubt, als die Medienberichte dies suggerieren. Für das kommende Jahr wird ein globaler BIP-Anstieg von erfreulichen 3,8 Prozent erwartet, eine unseres Erachtens durchaus realistische Einschätzung.

Natürlich ist nicht alles gut. Vielleicht beobachten wir derzeit tatsächlich das Platzen von durch die Liquiditätsschwemme der letzten Jahre aufgepumpten Assetpreisblasen an den Aktienmärkten. Aber die konjunkturellen Zahlen sind weitaus weniger dramatisch als der allgemeine Tenor in den Medien nahe legt. Panik ist nicht angebracht und wir sollten uns daran gewöhnen, dass nach der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit vieles sich anders entwickelt als man es gewohnt ist. Dazu zählt auch der Konjunkturverlauf, der zäher, rumpeliger und unsteter verläuft als in vergangenen Zyklen. Überhastete staatliche Eingriffe würden die Ausschläge vermutlich noch verstärken und zu einer langfristigen Verschlechterung des Investitionsklimas beitragen und gleichzeitig den öffentlichen Ausgabenspielraum in der Zukunft einschränken. Darauf sollte die Bundesregierung verzichten - und etwas ruhiger atmen.


Cyrus de la Rubia
Chefvolkswirt der HSH Nordbank