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Wochenkommentar

Die Zeit für einen Kurswechsel in Großbritannien drängt

30.04.2014

In Großbritannien nimmt die Gefahr zu, dass die Immobilienblase platzt, meint Stefan Gäde, Analyst der HSH Nordbank.

Großbritannien befindet sich auf der Überholspur. Im ersten Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt auf der Insel um 3,1% gegenüber dem Vorjahr an und Regierung und Notenbank rechnen auch für das Gesamtjahr 2014 mit einer ähnlichen Wachstumsrate. Neidisch muss man in der Eurozone aber nicht sein. Denn die Briten zahlen dafür einen hohen Preis: Sie verschulden sich und pumpen eine neue Immobilienblase auf.

Das Wirtschaftswunder in Großbritannien ist umso erstaunlicher, als noch im vergangenen Frühjahr das in der Thatcher-Zeit etablierte Wirtschaftmodell als gescheitert galt und das von der Finanzkrise schwer gebeutelte Land kaum Perspektiven zu haben schien. Heute ist bei sinkender Arbeitslosigkeit und moderater Inflation neuer Optimismus eingekehrt. Die Konsumlaune ist derzeit kaum zu bremsen. Dabei zeigt sich immer stärker die Kehrseite der Medaille: Die Häuserpreise steigen unaufhörlich und der Immobilienmarkt droht zu überhitzen.

Zwar wollte die Regierung von David Cameron Impulse für die Reindustrialiserung setzen, aber sie hat wohl erkannt, dass die politisch notwendigen Erfolge kurzfristig leichter mit Wahlgeschenken für die Bevölkerung zu erzielen sind. Mit zwölf Milliarden Pfund fördert der Staat unter dem Motto „Help to buy“ den Immobilienerwerb von jungen Briten, die dafür nur noch fünf Prozent des Kaufpreises der Immobilie als Eigenkapital besteuern müssen. Diese Form der Konjunkturbelebung erinnert sehr an die Ursachen der Finanzkrise von 2008.

Bedenklich ist zudem der Anstieg der privaten Verschuldung auf neue Rekordstände bei anhaltend sinkenden Reallöhnen. Außerdem belegt die chronische defizitäre Leistungsbilanz, dass sich der Niedergang der britischen Exportindustrie trotz des immer noch relativ schwachen Pfundes kaum bremsen lässt. Es fehlen Investitionen in den Ausbau der Produktion sowie in Forschung und Entwicklung. Besserung ist hier nicht in Sicht, weil der Spielraum für neue staatliche Programme sehr gering ist, insbesondere vor dem Hintergrund der angespannten Haushaltslage und des strikten Sparkurses von Finanzminister George Osborne.

Aber auch die Bank of England scheint aus den Fehlern der Vergangenheit kaum gelernt zu haben. Sie hält an ihrer ultralockeren Geldpolitik fest und tut sich schwer, die letzten Tage billigen Geldes einzuläuten. Dabei ist eins offensichtlich: Die Gefahr des Platzens der Immobilienblase nimmt zu und damit auch das Risiko, dass Großbritannien in die nächste Krise stürzt. Die Zeit für einen Kurswechsel drängt.