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Wochenkommentar

Ukraine: Schwarze Schwäne und ökonomische Vernunft

05.03.2014

Vor wenigen Wochen sorgten die Währungsturbulenzen der Schwellenländer für Nervosität. Den politischen Spannungen in der Ukraine, Thailand und Ägypten sowie dem Bürgerkrieg in Syrien widmete man dagegen nur eingeschränkte Aufmerksamkeit. Jetzt entpuppt sich eine dieser Krisen, nämlich der Umsturz in der Ukraine, als „schwarzer Schwan“, also eines dieser Ereignisse, die das Potenzial eines Megaschocks für die Weltwirtschaft haben. Krieg, Unterbrechung der Gaslieferungen in den Westen, Handelsembargo, alles scheint möglich. Ein nüchterner Blick auf die wirtschaftlichen Interessen offenbart jedoch die relativ geringe Wahrscheinlichkeit von derart gravierenden Entwicklungen. Insbesondere zwei Szenarien, die vielen Beobachtern Sorge bereiten, würden den langfristigen wirtschaftlichen Interessen Russland diametral widersprechen.

Szenario Nummer 1: Der russische Präsident Putin könnte seine Gaslieferungen in die EU bzw. nach Deutschland einstellen, um dem Westen zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Hat Russland aber tatsächlich die besseren Karten? Deutschland und die EU beziehen etwa ein Drittel ihrer Gasversorgung aus Russland. In den Baltenstaaten sowie Finnland und Schweden sind es sogar 100 Prozent. Dennoch hat Russland bzw. die Sowjetunion es in den vergangenen 40 Jahren kein einziges Mal gewagt, die Gaslieferungen nach Deutschland zu unterbrechen, und das in Zeiten des Kalten Krieges. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Sollten sich die Energielieferungen aus Russland als unzuverlässig erweisen, wird es zu einer Umorientierung in den EU-Staaten kommen. In Deutschland hätte das Fracking wieder eine größere Chance auf Realisierung, in Wilhelmshafen käme es doch noch zu einem Bau eines Flüssiggasterminals und man würde verstärkt Gas aus Nordafrika beziehen. Russland finanziert etwa die Hälfte seines öffentlichen Haushalts mit Steuereinnahmen aus Gas- und Ölexporten. Die Umleitung der Exporte nach Asien, wo bislang lediglich sieben Prozent der Ausfuhren hingehen, dürfte Jahre dauern. Die Pipelines nach Europa würden entwertet. Das alles ist nicht im Interesse Russlands und Putin ist vermutlich klug genug, das zu berücksichtigen.

Szenario Nummer 2: Russland könnte nicht nur die Krim, sondern auch weitere Provinzen der Ukraine durch einen Militäreinsatz annektieren. Glaubt man den Daten des Economist, so gibt es außer der Krim keine einzige Provinz im Osten des Landes (im Westen ohnehin nicht), in der Russen die Mehrheit stellen. Eine Annektierungspolitik ließe sich vor diesem Hintergrund noch weniger rechtfertigen. Vor allem müsste Präsident Putin fürchten, dass die Bereitschaft anderer „Bruderstaaten“ wie etwa Kasachstan oder Aserbaidschan zur Zusammenarbeit mit dem nördlichen Nachbarn leiden würde. Die Isolierung durch eine diplomatische Eiszeit und selektive Wirtschaftssanktionen durch die EU und die USA drohen ohnehin. Wir glauben nicht, dass die russische Regierung demgegenüber unempfindlich ist.

Die jüngsten Entwicklungen wie beispielsweise die Aussage Putins, die Militärübung im Grenzgebiet zur Ukraine zu beenden, könnten ein Hinweis darauf sein, dass der Präsident die ökonomische Ratio nicht vollkommen vernachlässigt. Unsicherheit dürfte die Märkte trotzdem noch eine Weile begleiten. Denn Politik bleibt nur bedingt berechenbar.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank