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Rücktritte und politische Krise in Großbritannien – Stressprüfung für das Pfund (© Alamy)
Devisenmärkte
16.11.2018

„Die Brexit-Verhandlungen als Wechselbad der Gefühle für EUR/GBP“, sagt Marius Schad.

EUR/USD: Nach einem deutlichen Ausverkauf der Gemeinschaftswährung innerhalb der vergangenen Woche – euroseitig bedingt durch Unsicherheit über den italienischen Haushaltsentwurf, negative Brexit-Schlagzeilen und einem zurückgehenden ZEW-Index – notierte EUR/USD in der Spitze unterhalb der Marke von 1,1220. Auf US-Seite profitierte der Greenback von überraschend stark gestiegenen Erzeugerpreisen, die die Aussicht auf eine weitere Zinsanhebung in diesem Jahr bekräftigten. Die Abwärtsdynamik des Währungspaares wurde jedoch durch die vorläufige Einigung zwischen London und Brüssel am 13. August beendet. Das Währungspaar verharrt gegenwärtig bei 1,1338 zwar immer noch im Wochenminus (-0,79 Prozent), hat jedoch inzwischen wieder die wichtige Marke von 1,13 passiert und am 14. November sogar kurzzeitig den Widerstand von 1,135 angetestet. Die Veröffentlichung der deutschen BIP-Zahlen setzte den Euro am 14. August somit nur vorübergehend unter Druck. Die größte europäische Volkswirtschaft musste erstmals seit 2015 wieder eine Kontraktion (-0,2 Prozent QoQ) verzeichnen. Die US-Inflationszahlen (2,1 Prozent YoY) fielen den Markterwartungen entsprechend aus und waren für den Verlauf des Wechselkurses daher von geringer Relevanz. Mit Blick auf die Unsicherheit bezüglich des Haushaltsstreits in Italien, einem weiteren Zinsschritt in den USA in diesem Jahr und der großen Herausforderung für Theresa May, den Austrittsentwurf vom britischen Parlament bestätigen zu lassen, bleibt unser kurzfristiger Ausblick für EUR/USD verhalten. Dafür spricht auf technischer Seite auch die aktuelle Positionierung von EUR/USD unterhalb des 200-Tage-SMAs.

EUR/GBP: Die vergangene Woche stellt – bedingt durch das Auf und Ab in den Brexit-Verhandlungen – ein Wechselbad der Gefühle für EUR/GBP dar. Der Bruder des populären Brexiteers Boris Johnson, Joseph Johnson, betitelte die bisherigen Brexit-Verhandlungen als einen „schrecklichen Fehler“ und „Verrat“ und legte in der Konsequenz sein Amt als Staatsminister für Verkehr am 9. November nieder. Dennoch konnte das Austauschverhältnis einige der seit Anfang November erfahrenen Verluste egalisieren und notierte wieder oberhalb von 0,875. Diese Aufwärtsdynamik wurde von einem Durchbruch in den Brexit-Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU am 13. November vorerst beendet. Die Übereinkunft verhalf dem Währungspaar zwischenzeitig auf ein Niveau, welches seit Ende April nicht mehr erreicht wurde. Gegenwärtig notiert EUR/GBP bei 0,8725 im Wochenplus (+0,23 Prozent). Das britische Kabinett hat am 14. November den Entwurf des Austrittsvertrags bestätigt. Theresa May steht nun vor der Mammutaufgabe, den 600-seitigen Austrittsentwurf vom britischen Parlament verabschieden zu lassen. Sollte die britische PM hier scheitern, sind alle bisherigen Übereinkünfte zwischen London und Brüssel obsolet, wodurch das Pfund alle seit Ende Oktober erfahrenen Gewinne wieder abgeben dürfte. Die Unsicherheit im Euroraum über den Haushaltsstreit in Italien und die zuletzt schwachen Konjunkturdaten (ZEW-Index, BIP Deutschland) dürften hier weniger ins Gewicht fallen, sodass EUR/GBP auch in der kommenden Woche primär von der Dynamik in den Brexit-Verhandlungen getrieben wird und die Entscheidung des britischen Parlaments hier richtungsweisend sein wird. Der Rücktritt des britischen Brexit-Ministers Dominic Raab am 15. November löste eine starke Reaktion im Wechselkurs aus. EUR/GBP stieg nach Bekanntgabe um rund 1,5 Prozent. Die einmonatigen Volatilitäten haben mittlerweile Höhen erklommen, die wir zuletzt im Jahr 2017 wahrnehmen konnten. Der Rücktritt veranschaulicht die Unklarheit über den Ausgang der Brexit-Übereinkunft. In den kommenden Tagen sollten sich Marktteilnehmer auf eine anhaltend hohe Volatilität im EUR/GBP-Wechselkurs einstellen. Erhält die politische Krise im Vereinigten Königreich sogar noch eine Verschärfung – unter anderem ist nach gegenwärtigem Stand ein Misstrauensvotum gegen May nicht auszuschließen –, könnte EUR/GBP sogar in Richtung 0,90 tendieren.