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Wachstum oder Spaltung: Brasilien steht vor einer unklaren Zukunft (©Getty Images)
Wirtschaft und Politik
23.10.2018

Jair Bolsonaro liegt vor der brasilianischen Stichwahl in Umfragen weit vorne. Welche Folgen hätte ein Wahlsieg des Rechtsradikalen für Demokratie, Wirtschaft und Welthandel? Der Länderfokus Brasilien informiert. 

Der rechts-konservative Kandidat der Sozial-Liberalen Partei (PSL) Jair Bolsonaro verfehlte die notwendige absolute Mehrheit in dem ersten Wahlgang am siebten Oktober nur knapp, sodass die endgültige Entscheidung zwischen ihm und dem Kandidaten der Arbeiterpartei (PT), Fernando Haddad, in einer Stichwahl am 28. Oktober fallen wird. Bolsonaro, der seit der Messerattacke auf seine Person am sechsten September kontinuierlich in den Umfragewerten zulegen konnte, gilt als der Favorit der Märkte. Der Linkspolitiker Haddad steht, nicht zuletzt bedingt durch seine Partei, für weniger ökonomische Liberalität. In aktuellen Umfragen führt Bolsonaro um 18 Prozentpunkte – ein Vorsprung, den noch kein Kontrahent in der noch jungen Geschichte der brasilianischen Demokratie egalisieren konnte.

Die nach der Wahl vorherrschende Rallye brasilianischer Vermögenswerte gilt als Beweis dafür, dass die Märkte eine klare Präferenz für Bolsonaro haben. So hat der brasilianische Aktienleitindex Ibovespa, in dem vor allem große Staatsunternehmen wie Petrobras und die Banco do Brasil am Tag nach der Wahl vom guten Abschneiden Bolsonaros profitiert haben, um 4,6 Prozent zugelegt. Auch die an der New Yorker gehandelten American Depositary Receipts (ADR) brasilianischer Titel konnten die Zufriedenheit der Investoren spüren und machten einige Prozentpunkte gut. Zudem wertetet der brasilianische Real gegenüber dem US-Dollar weiter auf und hat gegenüber dem Jahresbeginn um 17 Prozent aufgewertet. Am Montag nach der Wahl notierte er zwischenzeitlich bei 3,7122 - ein Tiefpunkt, der seit Anfang August nicht mehr erreicht wurde. Außerdem sanken die Risikoaufschläge auf 5-jährige brasilianische Schuldtitel gegenüber den Pendants aus den USA von 7,45 Prozent am Tag vor der Wahl auf mittlerweile 6,0 Prozent.

„Tropen-Trump“ im Aufwind

All diese Zahlen zeigen, dass die Märkte den titulierten „Tropen-Trump“ eindeutig gegenüber Lula-Ersatz Hadddad favorisieren. Wie kommt es dazu, dass ein derart umstrittener Kandidat, der ungeniert mit seinen rassistischen, homophoben und sexistischen Vorurteilen umgeht, so eindeutig von den Märkten präferiert wird?

Allgemein verlief eine Wahl, selbst für brasilianische Verhältnisse, noch nie so chaotisch wie die jetzige: Vom Verbot der Kandidatur des Top-Favoriten auf die Präsidentschaft Lula da Silvas (der im Übrigen im Gefängnis sitzt) bis hin zum Mordanschlag auf Bolsonaro drohte die Wahl zwischenzeitlich im Chaos zu versinken. Vor diesem Hintergrund wirkt das brasilianische auf der Nationalflagge festgehaltene Motto „Ordem e Progresso“, zu deutsch Ordnung und Fortschritt, mit Blick auf die desaströse politische und wirtschaftliche Lage des fünftgrößten Landes der Welt geradezu sarkastisch.

Den kompletten Länderfokus Brasilien lesen Sie hier.