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Konjunktureinbruch: 2020 könnten die USA in eine Wachstumslücke fallen (© Getty Images)
USA
19.09.2018

Immer aufwärts geht nicht. Also stellt sich auch für die USA die Frage, wann die Konjunktur kippt. Derzeit mehren sich die Anzeichen, die auf eine Rezession für das Jahr 2020 deuten. Ein Überblick.

Es ist die 100-Billionen-Dollar-Frage: Wann kommt der Wendepunkt in der US-Konjunktur? Denn von dieser Frage hängt es ab, wie sich Anleihemärkte entwickeln (Staatsanleihekurse werden steigen, wenn sich die Konjunktur abkühlt), welche Performance die Aktien zeigen (der Beginn einer Rezession ist typischerweise der schlechteste Zeitpunkt, um in den Markt einzusteigen) und ob Unternehmensinsolvenzen deutlich zunehmen werden (was den Markt für Unternehmensanleihen unter Druck bringen würde). Gemäß unserer Analyse dürfte es 2020 zu einer milden Rezession kommen, da schon jetzt die Outputlücke geschlossen ist und der bereits ungewöhnlich lange anhaltende Konjunkturaufschwung vor allem von den jüngsten Steuersenkungen am Leben gehalten wird. Abgesehen davon dürfte auch bald die Zinsstruktur das Nahen einer Rezession signalisieren, während die Verschuldungssituation im Unternehmenssektor allmählich unkomfortabel aussieht. Auch der sich weiter zuspitzende Handelskonflikt mit China (und möglicherweise auch mit der EU und Kanada/Mexiko) sowie die politische Unsicherheit rund um die Russland-Affäre der Trump-Administration sehen wir als Belastungsfaktoren für die Konjunktur. In diesem Umfeld dürfte die Fed ihre Leitzinserhöhungen vorsichtig fortführen und in diesem Jahr zwei (bisherige Prognose: nur noch ein Zinsschritt) und im kommenden Jahr drei Zinsschritte durchführen. Die zehnjährigen Renditen werden vermutlich weiter steigen, aber weniger stark als die kurzfristigen Renditen, da die Unsicherheit Investoren von einem allzu risikofreudigen Anlageverhalten abhält. Wir haben für das laufende Jahr die Wachstumsprognose leicht nach oben angepasst, für 2019 unverändert gelassen und für 2020 deutlich nach unten angepasst.

Konjunkturwendepunkte

Zu den typischen Indikatoren, um Wendepunkte im Konjunkturzyklus zu identifizieren, gehören die Arbeitslosenrate, die Inflation und die Kapazitätsauslastung in der Industrie. Die Steilheit der Zinsstruktur ist ein Faktor, der in den vergangenen Jahrzehnten relativ zuverlässig Rezessionen angekündigt hat. Darüber hinaus lehrt uns die Erfahrung, dass Rezessionen häufig durch Krisen in der Finanzsphäre ausgelöst werden, sei es durch eine Bankenkrise und/oder Finanzmarktturbulenzen. Die vor zehn Jahren ausgebrochene Finanzmarktkrise ist das jüngste Beispiel für diesen Zusammenhang. Vor diesem Hintergrund sind auch die Verschuldungsindikatoren sowie die Entwicklungen an den Kreditmärkten und einzelnen Finanzmarktsegmenten zu beobachten.

ISM Einkaufsmanagerindex und Arbeitslosenrate

© HSH Nordbank Economics, Macrobond

Die hohe Auslastung der US-Wirtschaft manifestiert sich insbesondere an der historisch sehr niedrigen Arbeitslosenrate von 3,9 Prozent. Zeitweise lag diese sogar schon bei 3,8 Prozent, ein Wert, der zuletzt im Jahr 1969 unterschritten wurde. Unternehmen berichten verstärkt von Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu bekommen, während die Entwicklung der Löhne und Gehälter nicht so recht ins Bild passen möchte. So hat sich der Anstieg der durchschnittlichen Löhne und Gehälter laut Atlanta-Fed zwar in den vergangenen Jahren beschleunigt, liegt jedoch mit einer Rate von 3,3 Prozent YoY (Juli) unter dem Durchschnittswert der letzten beiden Aufschwünge (1991 bis 2000: 4,5 Prozent; 2001 bis 2007: 3,8 Prozent). Die Inflation (ohne Lebensmittel und Energie) zeigte in den vergangenen Monaten hingegen eine etwas stärkere Dynamik als in der letzten Aufschwungphase. Eine Erklärung ist die strukturell und auch im Vergleich mit früheren Aufschwungphasen niedrigere Produktivität bei gleichzeitig verstärktem Preiswettbewerb insbesondere im beschäftigungsintensiven Einzelhandel.

Wir gehen davon aus, dass die Arbeitslosenrate noch weiter sinken, bei spätestens 3,4 Prozent aber der Boden erreicht sein wird. Der Anstieg der Löhne und der Inflation sollte sich noch etwas beschleunigen.

Gleichzeitig dürfte auch die Kapazitätsauslastung, die mittlerweile den langfristig durchschnittlichen Auslastungsgrad überschritten hat, weiter steigen. Während dies per se die Investitionstätigkeit anregen sollte, dürfte es den USA schwerfallen, rasch die Angebotsengpässe zu beseitigen, zumal wenn der Arbeitsmarkt weiterhin angespannt bleibt.

Konjunkturindikatoren USA seit 1997, Min, Max, Median und letzter Verfügbarer Monatswert

© HSH Nordbank Economics, Macrobond

Vor diesem Hintergrund stellen viele Unternehmen fest, dass ihren möglichen Expansionsplänen Grenzen gesetzt sind, was sich in den kommenden Monaten verschärfen wird.

Zinsstruktur als bewährtes Signal für Konjunkturwenden

Von der Zinsstruktur, gemessen als Differenz zwischen den zweijährigen und den zehnjährigen Staatsanleiherenditen, erwarten wir spätestens zur Mitte kommenden Jahres ein Rezessionssignal in der Form einer Inversion der Zinsstruktur. Weiter ist zu beachten, dass der laufende Aufschwung in den USA bereits über neun Jahre dauert, während in der Historie die Erholung der Konjunktur im Durchschnitt nach 5,5 Jahren endete. Eine Rezession ist sozusagen überfällig. Berücksichtigt werden muss außerdem, dass sich im hoch verschuldeten Unternehmenssektor Fälligkeiten konzentrieren, die vielen Unternehmen Schwierigkeiten bereiten dürften. Addiert man dazu noch die Risiken aus den zahlreichen Handelskonflikten – hier geht es unter anderem um US-Zölle auf die Hälfte aller chinesische Importe, die laufenden Nafta-Neuverhandlungen und potenzielle Maßnahmen der USA gegen die EU – sowie eine allgemeine politische Verunsicherung im Zusammenhang mit der Amtsführung von Präsident Donald Trump, erscheint uns eine deutliche Konjunktureintrübung beziehungsweise eine milde Rezession 2020 als realistisch.

Erfahren Sie hier mehr zur prognostizierten Entwicklung der USA.