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Maximalverlust: Die indische Rupie ist durch den Handelskonflikt belastet. (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
18.09.2018

Handelskonflikt und kein Ende: Die Schwellenländer bleiben unter Druck. Lesen Sie die komplette Entwicklung im aktuellen Schwellenländer-Barometer. 

Die Schwellenländer stehen weiter im Mittelpunkt der Kapitalmärkte. Das Stressniveau in den Emerging-Markets Volkswirtschaften ist in den vergangenen Wochen erneut spürbar gestiegen. Im August stieg das Stressniveau um fünf Punkte auf über 55 Zähler, während dieser Wert seit Jahresanfang sogar um 20 Zähler zulegen konnte. Ursächlich hierfür ist, dass sich die Wachstumsperspektiven in diesen Ländern weitaus herausfordernder darstellen als dies noch zu Beginn des Jahres angenommen wurde. In diesem Umfeld ist die Fragilität einiger Schwellenländer – insbesondere der Türkei und Argentinien – aufgedeckt worden. Das Risiko, dass sich die Marktbedingungen ohne entscheidende politische Maßnahmen weiter verschlechtern, ist in beiden Ländern nach wie vor sehr hoch. Gleichzeitig bleibt der Druck auf diese Länder durch die anhaltende Straffung der Geldpolitik in den USA hoch. Von der September-Zinsentscheidung der US-Notenbank Fed (26.09.) erwarten wir eine weitere Anhebung der Leitzinsen in den USA. Dies dürfte den US-Dollar (zumindest) kurzfristig weiter Unterstützung geben. Zudem lastete der weiterhin ungelöste Handelskonflikt auf den Schwellenländern. Ausgehend von einer Verlangsamung des Emerging-Markets-Wachstums könnte sich das globale Wachstum erheblich abschwächen. Kapitalabflüsse aus den Anleihe- und Aktienmärkten wären die Folge, wodurch sich der Druck auf die Schwellenländer weiter erhöhen dürfte.

Vorerst keine Entspannung in Sicht

Insgesamt bleibt die Lage in den Schwellenländern, insbesondere der Türkei und Argentinien, sehr angespannt. Mit einer Abnahme der Stressniveaus in den Emerging-Markets ist vorerst nicht zu rechnen.

CHINA: Das Stressniveau in China bleibt auf einem recht hohen Niveau. Angesichts der Sorgen vor einer Eskalation im Handelskonflikt mit den USA haben sich die chinesischen Anleger aus Risiko-Assets zurückgezogen, worunter insbesondere die chinesischen Inlandsbörsen in Shanghai und Shenzhen zu leiden hatten. Zudem ist das erhöhte chinesische Stressniveau getragen durch die Abwertung des Yuan gegenüber dem US-Dollar und Euro. Der Ölpreis notiert noch immer auf einem sehr hohen Niveau, was den Nettoimporteur China belastet. Andere Indikatoren im Barometer wie die chinesischen CDS hatten dagegen nur geringen Einfluss auf das Barometer. In China hat man bereits auf die Wachstumsabschwächung mit geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen reagiert. Zum Beispiel kündigte die chinesische Notenbank (PBoC) die Senkung des Mindestreservesatzes um 50 Basispunkte auf 15,5 Prozent an, wodurch dem Markt zusätzliche Liquidität in Höhe von etwa 700 Milliarden Renminbi (RMB) zugeführt wird. Zudem wies die chinesische Finanzaufsicht Banken an, die Kreditvergabe an Infrastrukturprojekte und Exportunternehmen zu erhöhen.

INDIEN: Im Zuge der Währungsturbulenzen in Argentinien und der Türkei hat sich zuletzt auch Indien anstecken lassen. Die Stresswerte stiegen zwischen Mitte August und heute (17.09.) um vier Punkte an und notieren im Bereich von 66 Indexpunkten. Wir schreiben diese Entwicklung vor allem der Abwertung der indischen Rupie gegenüber dem US-Dollar zu. Im bisherigen Jahresverlauf wertete die Rupie um 13,6 Prozent gegenüber der Weltleitwährung ab. Somit verzeichnete die Rupie, abgesehen von der türkischen Lira, den höchsten Verlust aller in Betracht gezogenen Währungen. Mit Blick auf die kommenden Wochen könnte sich die Stresssituation in Indien weiter zuspitzen. Zu erwarten ist, dass sich in Folge der Wiedereinführung der Iran-Sanktionen – Indien ist ein wichtiger Abnehmer iranischem Öls –der Import von Rohöl verteuern sollte.

MEXIKO: Das Stressniveau in Mexiko ist weiterhin konstant auf niedrigem Niveau, womit sich das Land von den turbulenten Entwicklungen rund um die Türkei und Argentinien abkoppeln konnte. Dies wird auch im HSH Krisenbarometer abgebildet, denn die länderspezifischen Stresswerte notieren gegenwärtig bei 40 Indexpunkten. Die relative Stabilität des mexikanischen Pesos (YTD wertete der Peso sogar leicht auf) ist hierfür ursächlich. Mitunter ist das geringe Stressniveau in Mexiko aber auch auf die Einigung in den NAFTA-Verhandlungen zurückzuführen. Nachdem die Verhandlungen um eine Erneuerung des NAFTA-Abkommens in den vergangenen Monaten aus dem Fokus der Marktteilnehmer geraten waren, konnte man die Verhandlungen Ende August mit einer vorläufigen – der US-Kongress muss noch zustimmen sowie Detailfragen geklärt werden – Einigung abschließen. Die beiden Verhandlungspartner, Mexiko und die USA – Kanada ist auf dem Weg ausgebootet worden – haben sich in den wesentlichen Streitpunkten geeinigt. Damit dürfte Mexiko vorläufig außenpolitisch kein Ungemach mehr drohen, daher dürften die niedrigen Stressniveaus aufrechterhalten bleiben.

TÜRKEI: Das anhaltende Sorgenkind unter den Emerging Markets ist weiterhin eindeutig die Türkei. Seit Jahresbeginn hat sich der Indexwert von 35 Punkten auf nun etwa 70 verdoppelt. Maßgeblich hierfür ist der Verfall der heimischen Währung, folglich ist das Währungsrisiko auf sehr hohem Niveau bei 75 Punkten, deutlich über dem langfristigen Durchschnitt. Der Rekordstand von Anfang August, damals betrug das Währungsrisiko maximale 100 Punkte, wurden seitdem jedoch nicht mehr erreicht. Darüber hinaus notieren die CDS-Spreads weiterhin auf Höchstständen, resultierend in einem CDS-Risiko von 60 Punkten, sechsmal so viel wie zu Beginn des Jahres. Auch der dritte innertürkische-Risikofaktor, der Borsa Risiko Faktor, verweilt auf unverändert hohem Niveau zwischen 70 und 80 Punkten.

BRASILIEN: Den Turbulenzen im Nachbarland Argentinien konnte sich Brasilien zuletzt nicht entziehen. Im Vergleich zum Vormonat hat sich das Stressniveau um etwa zehn Punkte erhöht. Bis auf das CDS-Risiko befinden sich alle Risikofaktoren auf erhöhtem Niveau, das trifft sowohl auf Rohstoff-, Wechselkurs und Börsenrisiken zu. Vor allem das Währungsrisiko ist seit Anfang August, wenn zuletzt auch nachlassend, mit fast zehn Punkten stark angestiegen. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im Oktober könnten die Stresswerte für Brasilien künftig weiter zunehmen. Denn das Risiko in Brasilien ist groß, dass ein rechtsradikaler Kandidat nächster Präsident des Landes wird, nachdem das oberste Wahlgericht den ehemaligen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva von den Wahlen ausgeschlossen hat.

RUSSLAND: Entgegen der allgemeinen Ausweitung der Schwellenländer-Stresswerte sind im Falle Russlands bislang keine Ansteckungen zu erkennen. Die Entwicklung der Energiepreise unterstützt die Stabilität der russischen Stresswerte. Allerdings erwarten wir in den nächsten Wochen zunehmende Risikofaktoren für das flachenmäßig größte Land der Erde. Mit Beginn August sind eine Reihe von Wirtschaftssanktionen der USA in Kraft getreten. Zudem konnte sich der russische Rubel der bearishen Stimmung gegenüber den Emerging Markets Währungen nicht entziehen.

INDONESIEN: Die Stresslevels Indonesiens sind zuletzt, wie in zahlreichen anderen Schwellenländern, angestiegen. Bedingt wurde dieser Anstieg durch, wie bei den anderen Schwellenländern auch, die Sogwirkung des Verfalls der türkischen Lira. Die indonesische Rupiah gab gegenüber dem US-Dollar zuletzt spürbar nach, wobei sich das Minus seit Jahresbeginn mit elf Prozent im Vergleich zu den EM-Pendants doch eher moderat entwickelte. Auch der Jakarta Stock Exchange Composite Index ist seit Ende Februar um knapp 850 Punkte auf etwa 5850 zurückgegangen, einhergehend mit einem Anstieg des daraus resultierenden Risikofaktors von 15 Punkten auf 60 Punkte und somit auf ein erhöhtes Niveau.

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 01.01.2004.

Bei den Daten handelt es sich um:

• CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen

• Haupt-Aktienindizes

  o Brasilien: Bovespa

  o China: Shanghai Composite

  o Indien: Sensex o Indonesien: Jakarta Composite

  o Mexiko: Mexico IPC o Russland: MICEX o Türkei: Borsa Istanbul 100

• Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar

• Wichtigste Rohstoffe

  o Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker

  o China: Rohöl (Import)

  o Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)

  o Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl

  o Mexiko: Erdöl (Import)

  o Russland: Rohöl, Erdgas

  o Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie beispielsweise Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.