SUCHE

05.10.2018

Diesel hat sich im Zuge der Abgasdebatte zu einer Art Schimpfwort entwickelt. Dabei ist die Diesel-Technologie besser als ihr Ruf. Ein Kommentar.

Im März jährte sich der Geburtstag von Rudolf Diesel zum 160sten Mal. Doch Happy Birthday wünscht man dem visionären Erfinder des gleichnamigen Zweitakt-Motors schon lange nicht mehr. Die Diesel-Technologie ist für vogelfrei erklärt und mit ihr eine ganze Branche in Sippenhaft genommen worden. Dieselfahrverbote breiten sich explosionsartig aus: Hamburg hat sie, Stuttgart bekommt sie und Frankfurt wahrscheinlich auch. Deutschlands Metropolen mit ihrer krankmachenden Luftverschmutzung werden wohl nur noch von Peking oder Neu-Delhi mit ihrem Extrem-Smog übertroffen. Wann sehen wir in unseren Innenstädten die ersten Atemschutzmasken? Andere europäische Großstädte scheinen dagegen geradezu Luftkurorte zu sein. Oder haben Sie schon einmal etwas von drohenden Fahrverboten in Marseille, Neapel oder Thessaloniki gehört?

Diesel bleibt vorerst alternativlos

Das Image des Dieselmotors ist durch die öffentliche Diskussion um Abgaswerte und Fahrverbote enorm in Mitleidenschaft gezogen worden. Die beschönigenden Messwerte der Hersteller müssen zweifellos gerügt werden, sind aber auch Ergebnis einer immer progressiveren Regulatorik von Schadstoffwerten. Kaum rollten die Euro-5-Diesel aus den Werkshallen Dingolfings, Emdens oder Eisenachs, waren die NOx-Werte für die darauffolgende Euro-6-Generation schon verabschiedet. Die Industrie kam kaum nach und produzierte auf ihren Prüfständen unwirkliche Richtwerte für den Schadstoffausstoß, die die Regulatoren in Brüssel freudig absegneten. Im Prinzip sind die gemessenen Werte ähnlich praxisfern wie der angegebene Treibstoffverbrauch. So verbraucht die achte Generation des VW Golfs mit einem 1.5 TSI-Motor nach Werksangaben angeblich nur fünf Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer. Wohl kaum ein Autofahrer dürfte im Praxistest auf einen solchen Wert kommen. Mehr Realismus würde den Herstellern und der Emissions-Debatte insgesamt gut zu Gesicht stehen.

Eigentlich wirkt sich der Diesel ausgesprochen positiv auf die Umweltbilanz aus. Seine niedrigeren CO2-Emissionen im Vergleich zum Benziner, der niedrigere Treibstoffverbrauch, die längere Nutzungsdauer sowie die geringere Wartungsanfälligkeit ließen den Bestand an Diesel-Pkw in Deutschland deshalb auch von zehn Millionen in 2009 auf über 15 Millionen in 2018 ansteigen. Der Diesel überzeugt die Verbraucher im Prinzip bis heute. Für Vielfahrer und Berufspendler gibt es kaum eine Alternative, ist ihm doch bereits ab einer jährlichen Laufleistung von 15.000 Kilometer der Vorzug zu geben. Zudem ist der Transport von Waren und Gütern national und transnational auf Sicht ohne Dieselantrieb nicht zu bewerkstelligen. Und das E-Auto? Solange das für jedermann erschwingliche und in großen Stückzahlen produzierte Serienfahrzeug Fantasie eines Elon Musk ist, wird der Übergang in eine emissionsfreie Mobilitätswelt andauern und der Dieselantrieb bis dahin Realität bleiben müssen.

Hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet

Die beinahe hysterisch geführte Diesel-Diskussion verliert zudem die Bedeutung dieses Antriebssystems für den Industriestandort Deutschland komplett aus den Augen. Rund 600.000 Industriearbeitsplätze (und somit zehn Prozent aller Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie) stehen mit der Herstellung von Verbrennungsmotoren und deren Bauteilen in Verbindung. Die gesamte Branche kommt auf einen Anteil von etwa 13 Prozent an der Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie. Fast jeder zweite in Deutschland produzierte Pkw hat einen Dieselantrieb, drei von vier der hier produzierten Fahrzeuge werden exportiert. Etwa ein Drittel der DAX-Unternehmen hat eine Kernkompetenz im Automobil- oder Dieselsegment, im MDAX nahezu jeder fünfte Corporate. Und hinter der Spitzenindustrie sorgt eine Vielzahl an hochspezialisierten mittelständischen Zulieferern für einen reibungslosen Produktionsablauf. Wer den Diesel in Frage stellt oder gar ein Ende des Verbrennungsmotors fordert, spielt bereitwillig mit hunderttausenden Arbeitsplätzen und setzt anstandslos die industrielle Wertschöpfung aufs Spiel, auf die unser Land zurecht stolz sein kann.

Eine echte Mobilitätsstrategie fehlt bislang

Die Diesel-Diskussion hat zudem auch eine soziale Komponente. Laut aktuellen Statistiken des Kraftfahrt-Bundesamts ist hierzulande der Durchschnitts-Pkw 9,4 Jahre alt und der Hubraum-Klasse bis 1.800 cm³ zuzuordnen. Klingt oberflächlich nach einem Diesel älterer Bauart. Die Forderungen nach umfangreichen Umtauschoptionen oder Neuwagenprämien gehen an der Lebenswirklichkeit und den finanziellen Möglichkeiten vieler Arbeitnehmer vorbei, die tagtäglich auf ihr Fahrzeug angewiesen sind.

Kurzum: Der Diesel ist eine Schlüsseltechnologie für den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland. Ohne die industrielle Wertschöpfung von heute können wir uns den Umweltschutz von morgen nicht leisten. Forderungen nach einem Ende des Verbrennungsmotors bis 2028 blenden die automobilen Realitäten komplett aus. Nachrüstungen alter Diesel mit Kosten in Höhe des Fahrzeugzeitwerts sind volkswirtschaftlicher Unsinn. Der Bestandsschutz für Euro-4- und Euro-5-Diesel muss gewahrt bleiben. Die Lösungsvorschläge der Bundesregierung lassen leider keine echte Mobilitätsstrategie erkennen. Es fehlt das klare Bekenntnis zur Diesel-Technologie bis eine umfassende Etablierung der E-Mobilität erreicht ist. Und hierfür braucht es Zeit. Und am Ende entscheidet beim Autokauf auch, wie viel Benzin tatsächlich im Blut des Verbrauchers vorhanden ist.