SUCHE

Kursverfall: Die türkische Lira sank auf ein Allzeittief (©Alamy)
Weltwirtschaft
14.08.2018

Die türkische Lira im freien Fall, umfangreiche US-Sanktionen. Welche Folgen hat das für die Türkei und die EU. Marius Schad, HSH-Währungsexperte, analysiert die Entwicklungen im Interview.

Die türkische Lira ist in den vergangenen Tagen auf ein historisches Tief gefallen. Was sind die genauen Gründe dafür?

Die Gründe für die Abwertung sind vielschichtig. Zum einen drücken die Fundamentalfaktoren auf den Außenwert der Lira: Dazu zählen das hohe Leistungsbilanzdefizit der Türkei, das bei rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegt, die staatlichen Budgetdefizite sowie der kreditfinanzierte Wirtschaftsaufschwung. Zum anderen erschüttern die politischen Entwicklungen in der Türkei aktuell das Vertrauen der Investoren.

Welche Rolle spielen die US-Sanktionen?

Die US-Sanktionen haben eine enorme symbolische Wirkung.

Wie intensiv sind die Handelsbeziehungen zwischen der Türkei und den USA?

Im Jahr 2016 exportierten die USA in die Türkei Waren im Wert von rund neun Milliarden US-Dollar, davon allein Flugzeuge im Wert von drei Milliarden US-Dollar. Umgekehrt sind es rund acht Milliarden US-Dollar. Insgesamt ist der bilaterale Handelsaustausch aber relativ überschaubar.

Was bedeutet der Währungsverfall für die türkische Wirtschaft?

Der Wertverfall verteuert Importe wie Erdöl und Erdgas und kann mittel- und langfristig zu Versorgungsengpässen führen, zumal die Preise für Energieträger seit Jahresbeginn ohnehin gestiegen sind. Durch das chronische Leistungsbilanzdefizit ist die Türkei auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen. Die Währungskrise könnte diesen Zufluss jedoch auf Sicht versiegen lassen. Zwar besitzt die Türkei noch einige Fremdwährungsreserven, aber das Tempo des Werteverfalls der Lira ist alarmierend und die Konsequenzen in ihrer Gesamtheit noch nicht komplett abzusehen.

Wie groß ist die Gefahr, dass türkische Unternehmen ihre Kredite in Euro und US-Dollar nicht mehr zurückzahlen können?

Die Auslandsverschuldung der Türkei ist mit rund 53 Prozent des BIP für einen Emerging Market nicht unerheblich. Setzt man die Fremdwährungsreserven mit den anstehenden auf Fremdwährung lautenden Zahlungsverpflichtungen ins Verhältnis, kommt die Türkei mit gegenwärtig 74 Prozent auf eine der niedrigsten Ratios aller Emerging Markets. Die Prämien zur Versicherung des Zahlungsausfalls einer türkischen Staatsanleihe sind deshalb nicht ohne Grund auf ein Niveau gestiegen, das wir zuletzt während der Finanzkrise 2008 gesehen haben.

Welche Banken in welchen Ländern wären von Ausfällen hauptsächlich betroffen?

Gemessen am ausstehenden Kreditvolumen sind besonders spanische, italienische und französische Banken in der Türkei engagiert. Das Kreditexposure ist zum Teil erheblich.

Schwache Währung, günstiges Urlaubsland: Profitiert der Tourismus in der Türkei von der Abwertung, und wie wichtig ist diese Branche?

Trotz der politischen Entwicklung ist die Türkei weiterhin ein beliebtes Reiseziel. Die Zahl der ankommenden Touristen bewegte sich ein Jahr nach dem Putschversuch im Jahr 2016 auf dem Niveau der Vorjahre. Ähnlich war die Entwicklung zum Beispiel in Ägypten nach dem Arabischen Frühling. Zudem werden die Kontingente in der Hotellerie langfristig ausgehandelt. Mit kurzfristigen Auswirkungen ist nicht zu rechnen.

In der Türkei hergestellte Waren werden günstiger – wie groß ist dieser Export-Vorteil?

Für den produzierenden Sektor überwiegen eindeutig die negativen Seiten. Die Abwertungsspirale macht türkische Güter zwar prinzipiell günstiger, jedoch müssen auch andere Faktoren in Betracht gezogen werden: Die Währungskrise nimmt den Unternehmern Planungssicherheit und eine feste Kalkulationsbasis. Die Zusammenarbeit mit Vertriebspartnern und weiteren Stakeholdern erodiert. Der gesamte Produktionsstandort Türkei könnte durch die jüngsten Entwicklungen eher Schaden nehmen.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Krise in der Türkei auf Nachbarländer beziehungsweise die EU überschwappt?

Die türkische Währungskrise wird maßgeblich von landesspezifischen Faktoren bedingt. Die Leistungsbilanzdefizite, die hohe Auslandsverschuldung und der Kreditboom in der Türkei haben der Währungskrise den Boden bereitet. Mittelfristig rechne ich daher mit keiner umfassenden Krise in den Emerging Markets. Jedoch zeichnet sich bereits ab, dass der Kapitalmarkt Schwellenländer-Risiken wieder stärker einpreist. Der Wertverfall des südafrikanischen Rand, wo ebenfalls ein hohes Leistungsbilanzdefizit herrscht, ist dafür ein Beispiel.

Im Märkte Spezial mit dem Thema „Türkische Währungskrise sorgt für globale Risk-Off-Bewegungen“ erfahren Sie mehr.
Zum Download geht es hier.