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Kommentar
16.08.2018

Die derzeitigen Entwicklungen in den Schwellenländern zeigen starke Parallelen zur Asienkrise vor 20 Jahren. Wiederholt sich die Geschichte? Ein Kommentar von Cyrus de la Rubia. 

Der massive Verfall der türkischen Lira weckt Erinnerungen an die Asienkrise von 1997/98. Damals startete die Krise mit der plötzlichen Abwertung des thailändischen Baht, breitete sich wie ein Lauffeuer auf die meisten asiatischen Staaten aus, sprang dann über auf Russland und erfasste schließlich auch Brasilien. Die betroffenen Länder gerieten in schwere Leistungsbilanzkrisen, das BIP brach ein, Unternehmensinsolvenzen stiegen rapide an, die Aufholjagd der asiatischen Tigerstaaten wurde jäh unterbrochen und der Internationale Währungsfonds sprang in die Bresche. Kommt es auch jetzt zu einer allgemeinen Emerging Markets-Krise?

Devisenreserven schützen Schwellenländer

Vor dem Hintergrund des breit angelegten Verfalls von Schwellenländerwährungen ist die These nicht ganz abwegig. Eine Krise der Dimension von 1997/98 erscheint angesichts verbesserter Fundamentaldaten jedoch weniger wahrscheinlich. 1997 verfügten die meisten Schwellenländer über relativ niedrige Devisenreserven und hatten gleichzeitig ihre Währungen an den US-Dollar gekoppelt. Das machte diese Länder anfällig für Attacken von Spekulanten. Heute sieht die Konstellation ganz anders aus: Die meisten Zentralbanken haben reichlich Devisenreserven angehäuft, sind aber aufgrund flexibler Wechselkurssysteme keineswegs gezwungen, Dollarreserven zu verkaufen, um die lokale Währung zu stützen. Anleger, die auf eine Abwertung setzen, müssen jederzeit damit rechnen, dass die jeweilige Notenbank interveniert, ein großer Vorteil für die monetären Autoritäten.

Der Leitzins kann als weiteres Instrument zur Stützung der Währung eingesetzt werden. Dass der türkischen Zentralbank derzeit an dieser Front scheinbar die Hände gebunden sind, liegt daran, dass sich Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan unter Missachtung ökonomischer Zusammenhänge gegen Zinserhöhungen ausspricht. Andere Notenbanken reagieren hingegen mit einer Straffung der Geldpolitik – so hat etwa die philippinische Zentralbank vor wenigen Tagen ihren Zins angehoben. Wichtig ist die Beobachtung, dass bei den Schwellenländern insgesamt das Verhältnis von Forderungen zu den Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland ausgeglichener als 1997 ist. Das macht diese Länder weniger verletzlich gegenüber Abwertungen.

Noch keine Entwarnung angesichts türkischer Krise

Risiken sind dennoch reichlich vorhanden. Zum einen kommt die bessere Nettoauslandsposition der Schwellenländer vor allem durch die hohen Währungsreserven der Zentralbanken zustande. Der Privatsektor hat dagegen insbesondere nach 2010 seine Auslandsverschuldung deutlich erhöht und dies teilweise auch in Sektoren, die nur über geringe oder keine Deviseneinnahmen verfügen. In der Türkei sind etwa der Bausektor und der Energiesektor von diesem so genannten Currency-Mismatch betroffen. Dazu kommt, dass einige Länder wie etwa Südafrika und Brasilien weiterhin signifikante Leistungsbilanzdefizite aufweisen, kombiniert mit erheblicher politischer Instabilität. Nicht zufällig sind die Währungsabwertungen in diesen beiden Ländern in den vergangenen Monaten besonders stark ausgefallen. Und schließlich ist noch die Unsicherheit über das multilaterale Handelssystem zu nennen. Emerging Markets dürften aufgrund ihrer Exportabhängigkeit besonders stark von einem Handelskrieg betroffen sein, was eine Ausbreitung der türkischen Krise fördern könnte.

Die Schwellenländer stehen in ihrer Gesamtheit besser da als 1997/98 und die Abwertung ihrer Währungen wirkt in gewisser Weise auch stabilisierend, da sich dadurch die Exportchancen verbessern, Importe weniger attraktiv werden und somit der Devisenbedarf sinkt. Da die Industrieländer weiterhin noch ein solides Wachstum aufweisen, dürfte sich die Türkei-Krise auf dieses Land beschränken und nicht um sich greifen. Eine Eskalation im Handelsstreit hin zu einem umfassenden Handelskrieg würde die Lage allerdings ändern.