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Devisen aus Argentinien, China und der Türkei wurden stark abgewertet (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
13.08.2018

Die derzeitigen Handelsstreitigkeiten werfen ihre Schatten auch auf die Schwellenländer. Das könnte das globale Wachstum erheblich schmälern. Gleichzeitig blickt die Welt sorgenvoll auf die Türkei. Das aktuelle Schwellenländer-Barometer klärt auf.

Die Ländergruppe der Schwellenländer erscheint derzeit von vielen Seiten verwundbar. Der US-Zinszyklus schreitet weiter voran und gibt US-Staatsanleihen moderaten Zulauf, was die Risikoprämien ihrer Emerging Markets Pendants mitzieht. Steigende Finanzierungskosten und straffere Finanzierungsbedingungen sind folglich. Auch der US-Dollar erlebt seit Anfang des zweiten Quartals eine Renaissance und konnte gegenüber vielen G10- sowie Emerging Markets-Währungen aufwerten. Besonders Devisen aus Argentinien, China und der Türkei sind von einer starken Abwertung betroffen. Bleibt die Wirtschaftsentwicklung in den USA intakt und schreitet die Fed mit ihrem Zinspfad weiter fort, kommt es sogar zu einem inflationären Schock, droht den Emerging Markets zins- und währungsseitig Ungemach. Zudem schweben die Handelsstreitigkeiten wie ein Damoklesschwert über den Schwellenländern und könnten das globale Wachstum erheblich schmälern. Kapitalabflüsse aus den Anleihe- und Aktienmärkten wären die Folge. In der nahen Zukunft überwiegen gegenwärtig eindeutig die Risiken.

Insgesamt sind die erhöhten Risikowerte im HSH Schwellenländer-Barometer fundamental gerechtfertigt.

©HSH Nordbank

China: Handelsstreit schwebt über Shanghai

Der Anstieg der chinesischen Risikowerte hat sich in den letzten Wochen fortgesetzt und reicht mittlerweile an 60 Indexpunkte heran. Zuletzt wurde dieser Stand Anfang 2017 realisiert. In unserer Länderbetrachtung wirken sich vor allem die Kursverluste an der Shanghaier Börse aus. Das Vertrauen internationaler Investoren leidet insbesondere unter dem Handelsstreit der Wirtschaftsmächte USA und China. Der Leitindex Shanghai Composite hat seit Anfang Februar bereits fast 20 Prozent eingebüßt. Andere Indikatoren im Barometer wie die chinesischen CDS oder der Rohölpreis hatten kaum Auswirkung. Im Juni hat die chinesische Regierung und die Zentralbank ein breit angelegtes Maßnahmenpaket zur Stabilisierung der Wirtschaft verabschiedet (unter anderem Infrastrukturausgaben, zusätzliche Liquidität für den Bankensektor).

Indien: Rupie hält sich wacker

Indien hat sich in den letzten Monaten nicht von den Entwicklungen in anderen Emerging Markets anstecken lassen. Die Stresswerte notieren weiterhin im Bereich der 60 Indexpunkte und zeigen sich seit Anfang März nahezu unverändert. Wir schreiben diese Entwicklung vor allem der relativen Geschlossenheit der indischen Wirtschaft und der indischen Kapitalmärkte zu. So hielt sich die Abwertung der indischen Rupie zum US-Dollar seit Jahresbeginn (rund 8,5 Prozent) verglichen zu anderen Emerging Markets in Grenzen. Seit der Intensivierung der Handelsstreitigkeiten konnte der indische Aktienindex Sensex sogar 17 Prozent zulegen. Lediglich die Rohstoffpreisentwicklung ist nicht negativ für die indischen Stresswerte. Die Teuerung von Rohöl belastet auf der Importseite. Exportseitig wirkten sich die Preisrückgänge für die Agrargüter Reis und Tee aus. Insgesamt nimmt Indien eine beruhigende Entwicklung.

Mexiko: Positive Aktienmarktentwicklung

Überraschend konnte sich Mexiko ebenfalls von den turbulenten Entwicklungen auf den globalen Kapitalmärkten abkoppeln. Dies wird auch im HSH Krisenbarometer abgebildet, denn die länderspezifischen Stresswerte notieren gegenwärtig bei 40 Indexpunkten. Die relative Stabilität des mexikanischen Pesos (YTD wertete der Peso sogar leicht auf) ist zum einen hierfür ursächlich. Allerdings war die Volatilität der mexikanischen Währung im Vorfeld der Präsidentenwahl Anfang Juli auffällig hoch. Auch die Aktienmarktentwicklung in den letzten Monaten war positiv. Das mittelamerikanische Land bleibt jedoch auf unserer „Watchlist“, da vor allem die Handelsbeziehungen zu den USA (Stichwort NAFTA) auf wackeligen Füßen stehen.

Türkei: Massiver Vertrauensverlust nach Erdogan-Wahl

Das Sorgenkind unter den Emerging Markets ist gegenwärtig eindeutig die Türkei. Die Stresswerte in unserem Länderbarometer haben mittlerweile Dimensionen erreicht, die zuletzt während der Finanzkrise 2008 erreicht wurden. Eine Reihe unterschiedlicher Faktoren haben die Zuversicht internationaler Anleger hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung der Türkei im Jahresverlauf erodieren lassen. Der Ausbau der Machtbasis von Präsident Erdogan ging mit einem massiven Vertrauensverlust in die türkische Lira (die Währung hat seit Jahresbeginn rund 40 Prozent an Wert eingebüßt) einher. Auch die Aktienmärkte blieben hiervor nicht verschont (rund fünf Prozent Kurseinbruch seit Anfang Juli, 27 Prozent YTD). Der Druck der Finanzmärkte auf die Türkei bleibt enorm hoch. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Entwicklungen eine umfassende Solvenz- und Wirtschaftskrise auslösen. Schon jetzt notieren die türkischen CDS auf einem 10-Jahres-Hoch.

©HSH Nordbank

Brasilien: Aktienmarkt legt zehnprozentige Kursrallye hin

Die Stresswerte des größten Landes Lateinamerikas bleiben im Vergleich zum Vormonat stabil. Zwar wertete auch der brasilianische Real durch die jüngste US-Dollar-Welle leicht ab (-2,0 Prozent seit Anfang Juli), jedoch zeigte sich der brasilianische Aktienmarkt gleichzeitig erfreulich und legte im selben Zeitraum eine zehnprozentige Kursrallye hin. Die mittel- bis langfristige Entwicklung sehen wir mit gemischten Gefühlen. Der Handelskonflikt könnte Brasilien vor allem über eine Wachstumsabschwächung Chinas treffen. Denn bislang werden die Stresswerte Brasiliens durch die Preisdynamik bei Eisenerz unterstützt. Fällt die Nachfrage infolge der Handelsdiskussion, sehen wir Spielraum für eine Ausweitung der Stresswerte.

Russland: Die Ruhe vor dem Sturm?

Entgegen der allgemeinen Ausweitung der Schwellenländer-Stresswerte sind im Falle Russlands bislang keine Auswirkungen zu erkennen. Die Entwicklung der Energiepreise unterstützt die Stabilität der russischen Stresswerte. Allerdings erwarten wir in den nächsten Wochen zunehmende Risikofaktoren für das größte Land der Erde. Mit Beginn August sind eine Reihe von Wirtschaftssanktionen der USA in Kraft getreten. Zudem wird sich der russische Rubel der bearishen Stimmung gegenüber den Emerging Markets Währungen nicht entziehen können.

Indonesien: Positive Entwicklung der Rohstoffpreise 

Eine relative Stabilität suggerieren auch die Stresswerte Indonesiens. Die für das Pazifikland positive Rohstoffpreisentwicklung (unter anderem zogen die Preise für Kohle jüngst an) half hierbei, die Abwertung der Rupiah gegenüber dem US-Dollar zu egalisieren. Die länderspezifischen Risiken haben sich in der jüngsten Vergangenheit nicht erhöht. Allerdings könnte Indonesien von dem bearishen Sentiment gegenüber Emerging Markets weiter inbegriffen sein, sodass die Stresswerte zur nächsten Periode leicht höher notieren könnten.

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 01.01.2004.

Bei den Daten handelt es sich um:

• CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der zehnjährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen

• Haupt-Aktienindizes

   o Brasilien: Bovespa

   o China: Shanghai Composite

   o Indien: Sensex

   o Indonesien: Jakarta Composite

   o Mexiko: Mexico IPC

   o Russland: MICEX

   o Türkei: Borsa Istanbul 100

• Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar

• Wichtigste Rohstoffe

   o Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker

   o China: Rohöl (Import)

   o Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)

   o Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl

   o Mexiko: Erdöl (Import)

   o Russland: Rohöl, Erdgas

   o Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Das hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie zum Beispiel Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.