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Wird nicht funktionieren ohne Schäden: Einschränkung des Freihandels (© Getty Images)
Protektionismus
21.08.2018

Freihandel ist nicht per se gut. Trumps Versuche jedoch, ihn zurückzudrehen, werden den USA schaden. Ein Kommentar von Cyrus de la Rubia.

Als Ökonom ist man stets versucht, die Handlungen von Menschen, Regierungen oder Staatschefs rational zu erklären. Dieser Versuchung nachgebend soll es hier darum gehen, hinsichtlich der Handelspolitik des US-Präsidenten zu überprüfen, ob sie zumindest nachvollziehbar ist. In der Tat gibt es viele Argumente, die auf den ersten Blick für Schutzmauern im Handel sprechen. So möchte man durch Zölle negative Verteilungswirkungen von Freihandel verhindern, die Deindustrialisierung aufhalten und durch einen optimalen Zollsatz die Preise am Weltmarkt derart manipulieren, dass die Wohlfahrt im eigenen Land steigt. Gemeinsam ist all diesen Konzepten, dass sie nicht zu Ende gedacht sind. Gerne geraten auch die klassischen Vorteile des Freihandels in der Debatte aus dem Blick.

Freihandel ist nicht per se gut. Das ist keine neue Erkenntnis. Auch die Welthandelsorganisation WTO hat dies in ihrem Regelwerk berücksichtigt und Entwicklungsländern einen höheren Schutzstatus erlaubt. Die Überlegung dahinter ist, dass Länder mit einem niedrigen Entwicklungsstand keine Chance haben, entlang einer Lernkurve neue Industrien anzusiedeln, wenn sie von vornherein mit reiferen Volkswirtschaften auf Augenhöhe im Wettbewerb stehen. Und so haben es insbesondere asiatische Länder - Südkorea ist hierbei ein prominentes Beispiel - erfolgreich geschafft, eigene Industrien in einem zunächst relativ geschützten Umfeld durch Zölle und/oder Subventionen wettbewerbsfähig zu machen und dann dem Weltmarkt auszusetzen. Smartphones von Samsung (Südkorea), Flugzeuge von Embraer (Brasilien) oder Autos von Toyota (Japan) würden vermutlich ohne diese Politik in der globalen Produktpalette keine Rolle spielen. 

Warum Schutzzölle nicht helfen

Jedoch ist es ein Trugschluss zu glauben, dass Industrien entwickelter Volkswirtschaften wie den USA, die im Verlauf der Zeit an Bedeutung verloren haben, durch Schutzzölle nachhaltig und zum Wohl der gesamten Volkswirtschaft aktiviert werden könnten. Das ist so ähnlich, als wollten sie Zahnpasta wieder in die Tube zurückbringen - und zwar in diese altmodischen Zahnpastatuben aus dünnem Blech. Denn in der Zwischenzeit haben die Menschen, die in den besagten Industrien tätig waren, neues Knowhow erworben und das alte vergessen, die Wettbewerber haben die entsprechenden Produkte auf einen neuen technologischen Stand gehoben, der möglicherweise nicht mehr einzuholen ist, und bei den Konsumenten dürfte sich ein Qualitätsanspruch etabliert haben, der von den nationalen und nunmehr geschützten Anbietern nicht einzuhalten ist. Wer gewinnt? Die geschützten Anbieter. Wer verliert? Alle anderen nicht geschützten Industrien und die Konsumenten.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Etwas anders scheint es sich beim so genannten Optimalzoll zu verhalten. Demnach kann in der Theorie eine große Volkswirtschaft seine eigene Wohlfahrt erhöhen, wenn es einen Zoll auf bestimmte Produkte erhebt, da dadurch die Preise dieser Produkte auf dem Weltmarkt nach unten gedrückt werden können. Ist das die Motivation des US-Präsidenten, die hinter den Zöllen auf Stahl oder Autos steht? Sowohl bei Stahl als auch bei Autos geht es - glaubt man Trumps Reden - in erster Linie um den Schutz der heimischen Industrie. Wenn jedoch die Preise auf dem Weltmarkt sinken und die Bruttopreise für die Konsumenten die gleichen bleiben, wäre für die Absatzchancen der heimischen Industrie nicht viel gewonnen. Weiter ist zu beachten, dass Länder, die Netto-Stahlimporteure sind, durch die niedrigeren Stahlpreise auf dem Weltmarkt (und/oder die höheren Stahlpreise in den USA) an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA gewinnen sollten. Bei den Autos ist zusätzlich zu beachten, dass der Exportstandort USA durch ein neues Zollregime gefährdet wäre, weil auch Autoteile von den Handelsschranken betroffen sein dürften. Dadurch müssten globale Wertschöpfungsketten vollkommen neu konzipiert werden. Ausländische Anbieter hätten auf Drittmärkten einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Weniger Welthandel = weniger Wohlstand

Sich unsere Welt mit einem schrumpfenden globalen Handel vorzustellen - im Extremfall könnte eine Zuspitzung der zahlreichen Handelskonflikte zu diesem Ergebnis führen - fällt schwer und wäre in jedem Fall mit Wohlfahrtseinbußen verbunden. Handel ist anders als vom US-Präsidenten propagiert kein Nullsummenspiel. Allein die Tatsache, dass etwa ein Drittel des Welthandels Intra-Unternehmenshandel (internationaler Handel innerhalb eines Konzerns) darstellt, belegt dies. Auch kann die Nullsummentheorie nicht erklären, warum die Deutschen französische Autos kaufen und die Franzosen deutsche Autos. Und selbst wenn die ricardianische Handelstheorie etwas einfach gestrickt ist, ist die Grundaussage nicht falsch: Wenn zwei Menschen zusammenarbeiten, dann sollten sie sich idealerweise jeweils auf die Tätigkeit konzentrieren, die sie relativ am besten können. In einer kleinen Tischlerei wird also die Person mit einem guten Zahlenverständnis die Bücher führen und die Person mit dem handwerklichen Geschick die Möbel bauen. Und selbst wenn der Meister beide Tätigkeiten besser beherrscht, wäre es ineffizient, wenn er auch noch die Buchführung übernähme - dies lässt sich auf Länder übertragen.

China lässt sich nicht ignorieren

Vollkommen übersehen wird in der Debatte zudem die Tatsache, dass internationale Geschäftsbeziehungen sich häufig gar nicht mehr durch den Handel von Gütern manifestieren. Nicht zuletzt durch die Digitalisierung gewinnt der Handel mit Dienstleistungen immer mehr an Bedeutung. Die USA hat beispielweise ein Dienstleistungsüberschuss von 50 Mrd. US-Dollar mit der EU, immerhin ein Drittel des Handelsbilanzdefizits. US-Unternehmen überweisen zudem jedes Jahr Milliarden aus der EU nach Hause und dabei handelt es sich zu einem großen Teil um Unternehmen aus der Digitalindustrie. Wichtig sind zudem auch die dynamischen Effekte aus internationalen Geschäftsbeziehungen. Während der Diebstahl geistigen Eigentums in der Tat verhindert werden muss, gibt es zahlreiche Kanäle, über die legitimer und gewollter Knowhow-Transfer in Länder mit einem geringeren Entwicklungsstatus stattfindet. Sie werden dadurch auf ein höheres Wohlstandsniveau gehievt, was letztlich die Exportchancen anderer Länder wieder erhöht. China ist dafür ein Beispiel und ist schon längst nicht mehr nur die verlängerte Werkbank der Welt, sondern einer der interessantesten Absatzmärkte, den sich kaum ein internationales Unternehmen leisten kann zu ignorieren.

Nachvollziehbar, aber nicht rational

Kurz: Der offensichtliche Wunsch des US-Präsidenten, seine Industrie durch Zölle gegenüber dem Wettbewerb aus China und der EU und anderen Ländern zu schützen, ist nur begrenzt zu verstehen, da die meisten Argumente für Zölle in erster Linie auf Entwicklungsländer zutreffen. Entwickelte Volkswirtschaften wie die USA hingegen haben sich die Möglichkeiten der Globalisierung in fast allen Bereichen - Güter- und Dienstleistungshandel, internationaler Kapitalverkehr, Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte - zunutze gemacht und werden bei einer Umkehr der Globalisierung entsprechend viel verlieren. Und so sind die genannten Argumente zwar nachvollziehbar, aber keineswegs rational.