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„Sowieso schon die internationalste Stadt in Deutschland.“ (© Getty Images)
Brexit und die Folgen
28.06.2018

Der Brexit stellt all jene Finanzdienstleister, die ihr europäisches Geschäft aus London heraus betreiben, vor große Herausforderungen. Neue Standorte müssen gefunden werden. Der Finanzplatz Frankfurt wird dabei von vielen Finanzinstituten als Favorit genannt. Stefan Goronczy, Senior-Analyst Immobilien-Research der HSH Nordbank, gibt einen Ausblick.

Stefan Goronczy, welche Auswirkungen wird der Austritt Großbritanniens aus der EU auf den deutschen Immobilienmarkt haben?

Der Brexit schafft zusätzliche Nachfrage für den deutschen Immobilienmarkt. Konkret für Frankfurt, weil vor allem Banken in Großbritannien für ihr europäisches Geschäft einen Standort im EU-Binnenmarkt brauchen. Für internationale Investoren dürfte in Zeiten eines zunehmend unsicheren globalen Umfelds die Bedeutung des deutschen Immobilienmarktes als „sicherer Hafen“ für ihre Anlagen zudem weiter zu- und die Großbritanniens eher abnehmen.

Welche Städte neben Frankfurt werden die steigende Nachfrage besonders stark spüren?

Im Kontext mit den Geschäftsverlagerungen der Banken sind das in Europa Paris, Dublin und Amsterdam. Andere deutsche Städte spielen hierbei keine Rolle. Und Frankfurt muss man in diesem Zusammenhang größer sehen. So profitiert die gesamte Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main. Zunächst werden die Effekte vor allem in Frankfurt und Offenbach spürbar sein, mittelfristig im Umland zwischen Wiesbaden, Hanau, Darmstadt und Bad Homburg.

Beschreiben Sie bitte die Auswirkungen auf den Frankfurter Büroimmobilienmarkt.

Auf diesem Büroimmobilienmarkt sind die hohen Leerstände in den letzten Jahren zwar schon ohne Brexit-Effekte allein dank der guten Binnenkonjunktur merklich zurückgegangen. Gleichwohl ist der Leerstand mit rund 9 Prozent beziehungsweise 900.000 m² immer noch relativ hoch, im Vergleich zu München mit nur 1,9 Prozent. In einigen Stadtteilen gibt es Vakanzraten deutlich über 10 Prozent. Somit könnten die bis zu gut 7.000 Beschäftigten aus dem Finanzbereich, die mittelfristig in Frankfurt erwartet werden, aus den vorhandenen Büroflächenreserven und geplanten Projekten bedient werden. Doch gerade die Banken zielen auf moderne, größere und zusammenhängende Büroflächen im Innerstadtbereich. Diese sind jedoch knapp. Es wird hier Angebotsengpässe und weitere deutliche Mietpreissteigerungen geben.

Schließlich ist festzuhalten, dass die steigende Nachfrage nach Büroraum nicht alleine durch den Brexit verursacht wird, sondern auch in Zukunft zum überwiegenden Teil durch die Beschäftigtenzuwächse anderer Branchen im Zuge der anhaltend guten Konjunkturentwicklung. Der Brexit gibt also lediglich zusätzlich starke Impulse.

„Frankfurt ist sowieso schon die internationalste Stadt in Deutschland. Das gilt nicht nur für die Finanzwirtschaft, sondern generell."

Stefan Goronczy, Senior Analyst Senior Immobilien-Research HSH Nordbank

Und was bedeutet das für den Wohnimmobilienmarkt?

Der wird besonders stark betroffen sein, denn hier gibt es heute schon faktisch keinen Leerstand und somit auch keine Reserven. Wenn die Brexit-bedingt Zuziehenden nach Frankfurt kommen, werden viele zunächst Interimslösungen nutzen. Zum Einstieg dürften Boarding-Häuser und auch die neuen Wohnhochhäuser genutzt werden. Gerade für Letztere entwickelt sich die Mainmetropole mit mehreren geplanten und im Bau befindlichen Projekten zum bevorzugten Standort in Deutschland. Die sehr hohen Mieten deutlich über 15 Euro beziehungsweise Kaufpreise über 5.000 Euro je m² in diesen Wohnhochhäusern zielen auch auf Nachfrager aus dem Bankenbereich. Alsbald wird die Nachfrage zudem im Umland zunehmen und die Bautätigkeit weiter stimulieren.

Entscheidend für die Abgrenzung des profitierenden Umlands wird die akzeptierte Pendlerzeit sein. Mit Blick auf den großen Einzugsbereich Londons dürften sich in Frankfurt die Entfernungen zwischen Wohnort und Arbeitsstätte verkürzen. Langfristig dürfte der Nachfragezuwachs zudem Impulse für den Bau eines weiteren Stadtteils im Nordwesten zwischen Niederursel und Praunheim geben. Die Stadt wird also langfristig weiter kräftig wachsen.

Wird Frankfurt durch den Zuzug internationaler Finanzexperten noch angelsächsischer?

Ja, etwas mehr. Aber Frankfurt ist sowieso schon die internationalste Stadt in Deutschland. Das gilt nicht nur für die Finanzwirtschaft, sondern generell. Die Angelsachsen bringen überdurchschnittliche Einkommen und damit eine Kaufkraft mit in die Stadt, die, gemessen an den deutschen Verhältnissen, viel erlaubt.

Was erwarten Sie mit Blick auf die nächsten Monate bis zum offiziellen Austritt am 30. März 2019?

2019? Anhaltend harte und langwierige Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien, ohne dass schon bald Klarheit besteht. Denn obgleich beide Seiten kein Interesse an einem ‚harten‘ Brexit – also einem ungeregelten Austritt – haben, könnte es darauf hinauslaufen. Folgende Szenarien sind möglich: Am unwahrscheinlichsten ist der Verbleib im EU-Binnenmarkt, eher kommt es zu einem ‚Soft-Brexit‘. Dieser würde mit längerer Übergangszeit und hohen EU-Beitragszahlungen der Briten zwar einen Verbleib in der Zollunion beinhalten, aber keinen dem heutigen Stand entsprechenden Marktzugang für die Banken. Die EU wird dann kein ‚Passporting‘ – also den EU-Binnenmarktzugang – für die Londoner Finanzwelt einräumen. Banken und Finanzdienstleister müssten, wenn sie ihr Geschäft im EU-Binnenmarkt fortführen wollten, für die entsprechenden Bereiche den Standort in die EU verlagern.

Herr Goronczy, wir danken für das Gespräch.

Sie wollen mehr erfahren zum aktuellen Stand der Brexit-Verhandlungen und der Lage in Großbritannien? Unseren aktuellen Marktbericht „Fokus Brexit“ lesen Sie hier.