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Die Risiken in Schwellenländern steigen (© Imago)
Schwellenländerbarometer
29.06.2018

Viele Gründe, aber eine Tendenz: Das Stressniveau in den Schwellenländern steigt seit Jahresbeginn. Das aktuelle Schwellenländer-Barometer klärt auf.

Seit Anfang des Jahres ist das allgemeine Stressniveau für Emerging Markets kontinuierlich angestiegen. Gegenwärtig misst das Schwellenländer Barometer der HSH Nordbank ein Risikoniveau von rund 50 Indexpunkten. Der Anstieg der Stresswerte beträgt seit Jahresbeginn bereits rund acht Zähler. Die Hintergründe der verschärften Rahmenbedingungen für sich entwickelnde Volkswirtschaften und die höheren Stresswerte sind dabei vielseitig. Die Zunahme der Handelsstreitigkeiten zwischen China und den USA sowie zwischen der EU und den USA wirken sich folglich auch auf viele exportorientierte Emerging Markets aus, die vielfach in die Wertschöpfungskette zahlreicher Industriesektoren fest integriert sind. Geht das Wirtschaftswachstums infolge des Handelskonflikts in den USA, in China oder in der EU um einen Prozentpunkt zurück, verlangsamt sich das Wachstum in den Emerging Markets laut einer Analyse der Weltbank um 1,1 Prozentpunkte.

Handelskonflikt mit enormer Sprengkraft

Der Handelskonflikt hat also enorme Sprengkraft für die Schwellenländer. Diese Unsicherheit im Wachstumspfad belastet vor allem die Preise für Assets aus Schwellenländern, allen voran die Aktienmärkte. Zudem sind der Zinserhöhungszyklus der US-Notenbank und ein stärkerer US-Dollar unangenehme Begleiterscheinungen für die Stresswerte vieler Emerging Markets. Länderspezifische Belastungsfaktoren, wie die Währungskrise der Türkei und entscheidende Wahlen, spielten beim Anstieg der Stresswerte auch eine Rolle. Die Ölpreisentwicklung, die Nordseesorte Brent überschritt zuletzt die Marke von 75 US-Dollar, ist ein weiterer Belastungsfaktor für die meisten Schwellenländer-Stresswerte. Insgesamt birgt das spannungsgeladene welt- und handelspolitische Umfeld gegenwärtig ein hohes Gefahrenpotential für die Gruppe der Schwellenländer. Investoren und Marktteilnehmer müssen sich auf mehr Risiken und volatilere Schwellenländer-Kapitalmärkte einstellen.

©HSH Nordbank

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Russland und die Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie die Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“-Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 2005 gewählt.

China: Nervosität im Reich der Mitte

Im vergangenen Monat stiegen die Stresswerte Chinas um über drei Basispunkte auf rund 39 Indexpunkte. Im Reich der Mitte sorgte die Neuausrichtung der US-Handelspolitik für Nervosität. Der Shanghai Composite Index gab im Monatsvergleich erneut stark nach (- 3 %). Auch wenn die Abhängigkeit chinesischer Unternehmen von Exporten in die USA in manchen Branchen gering ist, könnten die US-Zölle besonders den Technologie- und Telekommunikationssektor im Süden des Landes treffen. Angesichts der von China angekündigten Gegenmaßnahmen, die postwendend mit weiteren Strafzöllen von Seiten der USA beantwortet wurden, wächst die Sorge vor einer Eskalation des Handelskonflikts und vor dessen Ausweitung in weitere Industriesektoren. Die Konjunktur Chinas könnte so einen erheblichen Dämpfer erhalten. Erste Warnsignale geben die weniger dynamische Industrieproduktion, die schwächeren Einzelhandelsumsätze und der Rückgang der Verbraucherpreisentwicklung im April wieder. Auswirkungen waren bei chinesischen Staatsanleihen spürbar, die Unsicherheit der Investoren führte zu einem Nachfragerückgang und einer signifikanten Spreadausweitung im Vergleich zu US-amerikanischen Titeln. Außerdem verstärkt der steigende Ölpreis den Anstieg des Stressniveaus. China ist großer Nettoimporteur von Rohöl und weltweit einer der größten Verbraucher des Rohstoffs. Tendenziell ist in den nächsten Wochen ein weiterer Anstieg des chinesischen Stresslevels zu erwarten.

Indien: Weitgehend unbeeindruckt in der Krise

Indiens Stresswerte zeigen sich aktuell im Vergleich zum Vormonat auf nahezu unverändertem Niveau bei 59 Basispunkten. Auf der Negativseite wirkte der indische Aktienleitindex Sensex, der im Zuge der durch den Handelskonflikt ausgelösten globalen Kursverluste im Monatsvergleich nachgab, wenn auch nicht so stark wie die Pendants anderer Schwellenländer. Ähnlich wie in China belasteten zudem die höheren Ölpreise. Dies wurde jedoch durch sinkende Spreads von indischen Staatsanleihen teilweise aufgehoben, deren Kurse nach Ankündigung der Regierung, die Neuverschuldung zu halbieren und die Staatsdefizite herunterzufahren, anzogen. Die indische Rupie gab kaum Veränderungen im Vergleich zum letzten Monat wieder, während sich bei den Exportgütern Indiens der geringe Preisanstieg von Reis mit dem Preisrückgang von Mais in etwa gleichen Umfang ausglich. Aufgrund des vergleichsweise geringen Grads an wirtschaftspolitischer Öffnung sollte Indien vom globalen Handelskonflikt weniger betroffen sein als andere Emerging Markets.

Türkei: Hohe Inflation lässt Lira erodieren

Die Stresswerte der Türkei waren im letzten Monat von einer hohen Volatilität geprägt und weiteten sich in der Spitze auf über 60 Indexpunkte aus. Die länderspezifischen Risikofaktoren sind mittlerweile durch den Wertverfall der türkischen Lira kräftig gestiegen. Die hohen Inflationsraten der vergangenen Monate sowie die sich ausweitenden Staatsdefizite der Türkei haben den Außenwert der Türkische Lira erodieren lassen. Auch von politischer Seite geriet die Lira unter Druck, da Staatspräsident Erdogan mehrfach öffentlich die Unabhängigkeit der Zentralbank angegriffen hat. Bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am 24. Juni wurde Präsident Erdogan mit einer stabilen Mehrheit im Amt bestätigt und konnte seine Machtbasis so ausbauen. Die ökonomischen und politischen Entwicklungen haben jedoch das Potenzial, eine massive Vertrauenskrise auszulösen. Die türkischen Stresswerte sollten vor diesen Hintergründen weiter ansteigen.

Indonesien: Robuste Wachstumsaussichten

Indonesiens Stresswerte bleiben auf einem ähnlichen Niveau wie im Vormonat und signalisieren so Stabilität. Die Kurseinbrüche an der indonesischen Börse, der Jakarta Composite gab seit Anfang Juni rund drei Prozent ab, belasteten dabei die Stresswerte Indonesiens. Die relative Stabilität der indonesischen Rupie zum US-Dollar im Vormonat und die Ölpreisentwicklung – Indonesien ist Nettoexporteur von Rohöl - wirkten jedoch entgegen, sodass der Länderindex relativ unverändert blieb. Insgesamt bleiben die Wachstumsaussichten für Indonesien weiterhin robust. Für das Kalenderjahr 2018 geht der IWF und die Weltbank von einer BIP-Expansion von 5,3 bzw. 5,2 Prozent aus.

Russland: Teures Erdöl hält Land auf Kurs

Die Stresswerte Russlands blieben im Monatsvergleich ebenfalls unverändert. Von der für die russische Wirtschaft essentiellen Ölpreisentwicklung geht die größte Entlastung der länderspezifischen Stresswerte aus. Das teurere Rohöl macht sich besonders in der Handelsbilanz bemerkbar, deren Überschuss im April auf über 15 Milliarden US-Dollar anwuchs Die Abwertung des russischen Rubels zum US-Dollar und die Kursverluste an der Moskauer Börse konnten so ausgeglichen werden. Grundsätzlich bleiben die Preise für Erdöl und Erdgas die wichtigsten Faktoren in der länderspezifischen Risikobetrachtung für Russland.

Brasilien: Investoren in Sorge

Brasiliens Stresswerte haben sich im Vergleich zum vergangenen Monat erhöht. Treiber dieser Entwicklung waren allen voran die Kursentwicklung an der brasilianischen Börse sowie die Entwicklung der CDS-Spreads des südamerikanischen Landes. Ausgehend von seinem Alltime-High Mitte Mai ist der Leitindex Bovespa seither um fast zwanzig Prozent eingebrochen. Internationale Investoren zeigten sich zuletzt besorgt um den Reformkurs des Landes und betonten die zuletzt gestiegenen politischen Risiken. Denn die Präsidentschaftswahlen im Oktober werfen bereits ihre Schatten voraus und ein klarer Favorit hat sich bislang noch nicht herausgebildet. Weitere aktuelle politischen Belastungsfaktoren sind der landesweite Streik der Lastwagenfahrer sowie der Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden des brasilianischen Ölkonzerns Petrobras. Insgesamt mehren sich die Anzeichen, dass die Stresswerte Brasiliens in der zweiten Jahreshälfte ansteigen werden.

Mexiko: Peso leidet unter Handelskonflikt

Das lateinamerikanische Land haben wir erstmalig in unsere Länderbetrachtung aufgenommen. Die Stresswerte Mexikos haben sich im letzten Monat deutlich ausgeweitet und liegen bei rund 46 Indexpunkten. Besonders der mexikanische Peso hat unter der Zuspitzung des Handelskonflikts gelitten. Mitte Juni konnte der US-Dollar beinahe wieder seine alten Höhen vom November 2016 – dem Monat der US-Wahl - erreichen. Zudem bildet der Wechselkurs gegenwärtig auch den Anstieg der politischen Risiken innerhalb Mexikos ab. Am kommenden Wochenende (1. Juli) wählen die 77 Millionen wahlberechtigten Mexikaner ein neues Parlament sowie einen neuen Präsidenten. Der in den Umfragen führende Kandidat Obrador setzt vor allem auf staatliche Investitionsprogramme, was die chronischen Budgetdefizite Mexikos weiter ausweiten würde. Sollten die NAFTA-Nachverhandlungen mit den USA keine zufriedenstellenden Ergebnisse für Mexiko beinhalten, zeigt sich der Kandidat zudem offen für eine Auflösung des Handelsabkommens. Nicht nur im Falle eines Wahlsiegs Obradors sollte Mexiko unter besonderer Beobachtung stehen. Wir erwarten weiter steigende Stresswerte.

©HSH Nordbank

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 01.01.2004.

Bei den Daten handelt es sich um:

• CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen

• Haupt-Aktienindizes

   o Brasilien: Bovespa

   o China: Shanghai Composite

   o Indien: Sensex

   o Indonesien: Jakarta Composite

   o Mexiko: Mexico IPC

   o Russland: MICEX

   o Türkei: Borsa Istanbul 100

• Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar

• Wichtigste Rohstoffe

   o Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker

   o China: Rohöl (Import)

   o Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)

   o Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl

   o Mexiko: Erdöl (Import)

   o Russland: Rohöl, Erdgas

   o Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.