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Die EU will die Verschmutzung durch Plastikmüll verhindern (©dpa)
Plastikverbot der EU
07.06.2018

Das Plastikverbot der EU kann eine große Chance für Recyclingunternehmen sein. Jetzt werden erstmalig Aufbereitungsmethoden interessant, für die es bisher keinen Markt gab.

Die größte Müllkippe der Welt besteht aus etwa 100 Millionen Tonnen Kunststoffmüll und schwimmt im Meer: „Great Pacific Garbage Patch“ nennen Wissenschaftler den Teil des Pazifiks zwischen Nordamerika und Asien. Keine geschlossene Insel aus Müll, sondern eher eine „Suppe aus Plastikmüll“, wie Wissenschaftler zu diesem Teil des Meeres zwischen Hawaii und Japan sagen.

Hier treiben die Reste der Wegwerfgesellschaft, von Plastikverpackungen über Strohhalme bis hin zu Behältern. Die lange Haltbarkeit von Kunststoffen erweist sich als Nachteil: 20 Jahre dauert es beispielsweise, bis eine Plastiktüte zersetzt ist – und anschließend als Mikroplastik ihren Weg über die Nahrungskette in die Mägen der Menschen antritt. Für einzelne Strände in Südengland wies der Meeresökologe Richard Thompson vor vier Jahren nach, dass bereits jedes zehnte Sandkorn am Strand nicht aus Sand besteht – sondern aus Kunststoff.

Vor diesem Hintergrund will die EU-Kommission nun Wegwerfprodukte aus Plastik verbieten oder ihren Gebrauch stark zurückdrängen. Zusammen mit Fischernetzen stellen sie einen Großteil des Mülls dar, der die Meere und Strände verschmutzt. Jenseits der Verschmutzung der Meere soll der durch die Kommission geforderte Umstieg auf Alternativprodukte auch dazu führen, dass der Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen reduziert wird. Bis ins Jahr 2025 sollen die EU-Staaten mindestens 90 Prozent der Einwegplastikflaschen getrennt sammeln, beispielsweise über die Einführung eines Pfandsystems. „Bisher handelt es sich hier nur um Pläne“, sagt Patrick Miljes, Leiter des Bereichs Unternehmenskunden bei der HSH Nordbank. Er verweist darauf, dass das Verbot von Plastikverpackungen nur einer von mehreren Schritten der EU sei. „Parallel dazu wird auch der Gedanke einer `circular economy` in der EU immer wichtiger, bei dem es darum geht, Produkte, Materialien und Rohstoffe länger als bisher zu nutzen. Für Unternehmen kann das insbesondere bedeuten, dass Recycling auch aus wirtschaftlichen Gründen ein immer wichtigeres Geschäftsfeld werden kann.“

So sollen nach dem Willen der EU bis ins Jahr 2030 alle Kunststoffverpackungen wiederverwendet oder recycelt werden können. Mit diesen Maßnahmen soll Europa eine „globale Vorreiterrolle in Abfallbewirtschaftung und Recycling“ einnehmen, wie die EU- Kommission mitteilt.

Chinesischer Impuls für besseres Recycling

Eine Entwicklung, die nach Ansicht vieler Experten auch durch eine Entscheidung der chinesischen Regierung Anfang des Jahres begünstigt wird. So verzichtet China künftig auf den Import von Altplastik und gut 20 anderen Abfallarten aus dem Ausland. Bisher exportierten deutsche Unternehmen weite Teile des hierzulande anfallenden Mülls nach China, im Jahr 2016 mit rund 1,5 Millionen Tonnen Kunststoffmüll mehr als die Hälfte der Gesamtmenge. In China wurde der Müll sortiert und zur Produktion neuer Güter benutzt – oder verbrannt. Ob dabei die hohen Maßstäbe deutscher Müllverbrennungsanlagen erreicht werden, wird von vielen Experten bezweifelt. Da die boomende chinesische Wirtschaft künftig eine eigene Kreislaufökonomie aufbauen will, ist der Müll aus Europa für das Land mittlerweile verzichtbar geworden.

Bezogen auf deutsche Unternehmen ist der chinesische Importstopp für Abfälle keineswegs die einzige Herausforderung. So ist der weltweite Anteil deutscher Technik-Patente in der Kreislaufwirtschaft zwischen 2010 und 2014 jedes Jahr um knapp fünf Prozent gesunken, wie der unlängst veröffentlichte „Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft“ feststellte. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl chinesischer Patente in diesem Segment um jährlich 13,1 Prozent. Das Ergebnis: Chinas weltweiter Anteil an Patenten ist mittlerweile größer als der Deutschlands. Der Bericht entstand als Kooperationsprojekt mehrerer Verbände, unter anderem des Bundesverbandes der Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE), des Maschinenbauverbandes VDMA und des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU).

Unter technischen Patenten werden beispielsweise Innovationen im Bereich der Sortierung und Trennung von Wertstoffen verstanden. Bereiche, in denen Länder wie China einen großen Innovationsrückstand haben. Gleichwohl aber sehen die Autoren des Berichtes hier einen wachsenden Konkurrenzdruck – und daraus resultierenden Innovationsbedarf für deutsche Unternehmen, die traditionell zu weiten Teilen aus dem Mittelstand stammen.

„Viele Abfallentsorgungsunternehmen haben in den letzten Jahren Schritte unternommen, ihr Geschäftsmodell in Richtung Energieerzeugung und Recycling zu erweitern“, sagt Patrick Miljes. Die aktuellen Entwicklungen – ob in Fernost oder Brüssel – haben das Potenzial, diese Transformation deutlich zu beschleunigen.“ Da die Preise für Müllentsorgung und Recycling künftig mit hoher Wahrscheinlichkeit steigen werden, stiege auch das Potenzial für verbesserte Recyclingmethoden, „die momentan wegen ihrer hohen Startinvestitionen schlicht und einfach zu unsicher waren“, sagt Miljes.

Dabei ist die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft in Deutschland in den letzten Jahren stetig gewachsen. Nach Angaben des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) beschäftigt die Branche derzeit mehr als 290.000 Menschen und erzielt einen Umsatz von etwa 76 Milliarden Euro. Gut denkbar, dass dieser Anteil künftig noch steigt.

Sie interessieren sich für innovative Finanzierungsmodelle im Bereich der Energieerzeugung? Dann lesen Sie hier mehr über „Power Purchase Agreements“ (PPA) als Strategie einer nachhaltigen Energierzeugung aus erneuerbaren Energiequellen in einer aktuellen Studie der HSH-Nordbank.