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Die Suche nach Fachkräften wird immer schwieriger (© Getty Images)
Deutsche Wirtschaft
16.05.2018

Die deutsche Wirtschaft brummt. Sinkende Kapazitäten und die schwierige Suche nach Mitarbeitern prägen das Bild. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, berichtet im Interview über den Personalmangel – und was man dagegen tun kann.

Herr de la Rubia, gut ausgebildete Fachkräfte sind eine Stärke der deutschen Wirtschaft. Doch die guten Mitarbeiter scheinen auszugehen. Wie groß ist die Bedrohung, die daraus erwächst?

Sämtliche Indikatoren zeigen, dass sich die Industrie am Auslastungslimit befindet – das betrifft die Kapazitäten von Maschinen genauso wie die Möglichkeit, qualifiziertes Personal zu finden. Für viele Unternehmen ist es eine Herausforderung, in diesem Umfeld zu wachsen. Jede Investition in eine Maschine ist mit der Frage verknüpft: Habe ich die Leute, um diese zu bedienen? Wenn die Unternehmen diese Leute nicht bekommen, überlegen sie sich, ob sie die neue Maschine kaufen oder nicht.

Vor ein paar Jahren war Arbeitslosigkeit ein großes Thema. Jetzt herrscht Arbeitskräftemangel – wie kam es zu diesem schnellen Wechsel?

Das hängt mit dem normalen Konjunkturzyklus zusammen. Die letzte Rezession war vor fünf Jahren, seitdem werden Jahr für Jahr mehr Güter produziert - und deshalb werden mehr Beschäftigte benötigt. Klar ist aber auch: Die Zeit wird kommen, in der sich das ändert und die Konjunktur wieder nicht so gut läuft.

Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank

Es gab auch früher Phasen, in denen die Wirtschaft gut lief. Hat der Mangel an Fachkräften tatsächlich nur mit dem Konjunkturzyklus zu tun?

Natürlich spielt auch die demographische Entwicklung eine wichtige Rolle – es gibt einfach nicht mehr so viele junge Leute wie früher, die auf den Arbeitsmarkt streben.

Kann die Zuwanderung dieses Problem lösen?

Die Qualifikation unter den Zuwanderern ist im Durchschnitt nicht sehr hoch. Gleichzeitig sind viele junge Menschen unter ihnen, die motiviert und offen sind für eine Weiterbildung. So gesehen sollte die Zuwanderung der vergangenen Jahre von den Unternehmen und dem Staat als Chance begriffen werden, das demografische Problem zumindest etwas zu entspannen. Ich warne hier aber vor einer Überbewertung.

Was können Unternehmen tun, um mehr qualifizierte Arbeitskräfte zu bekommen?

In Deutschland gibt es immer noch über zwei Millionen Arbeitslose, darunter viele junge Leute. Viele davon haben offenbar nicht die richtige Qualifikation für die offenen Jobs. Viele Unternehmen müssten sich überlegen, mehr Nachwuchs auszubilden – und das zu guten Konditionen und mit guten Aussichten auf eine Weiterbeschäftigung. Mein Eindruck ist, dass nicht wenige Unternehmen fürchten, dass sie zwar junge Leute ausbilden, diese den Betrieb aber dann verlassen. Die Unternehmen sollten sich darum bemühen, interessante Arbeitgeber zu sein. Dazu gehören berufliche Perspektiven, aber auch eine angemessene Entlohnung. Das Machtverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hat sich ein Stück weit verschoben. Früher waren die Jugendlichen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Jetzt müssen sich die Unternehmen um die Arbeitskräfte bemühen.

Haben die Firmen das schon so verstanden?

Es gibt wohl einige, die das nicht realisiert haben. Häufig höre ich von Unternehmern: Ich finde keine Leute. Dann kommt der Satz: Ich könnte ein paar hundert Euro mehr zahlen, aber das ist mir zu teuer. Aber in einigen Fällen muss tatsächlich einfach mehr gezahlt werden. Damit tun sich die Firmen schwer.

In einigen Branchen ist die Bezahlung so schlecht, dass es schwierig ist, mit einer Familie damit über die Runden zu kommen. Sind viele Jobs im Handwerk oder in der Produktion zu unattraktiv?

Das tendenziell moderate Lohnniveau trägt auf der einen Seite zur hohen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen bei. Auf der anderen Seite müssen sich die Firmen fragen, ob sie die richtigen Anreize setzen. Wenn ein Unternehmer nicht genügend Leute findet, muss er über verschiedene Dinge nachdenken. Dazu gehört auch, das Gehalt anzuheben.

Das passiert aber nicht.

Auf jeden Fall nicht in einem ausreichenden Maß. Es gab schon Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren. Aber da weiterhin Fachkräftemangel herrscht, ist offenbar zu wenig geschehen.

Viele Jugendliche brechen ihre Ausbildung ab. Weshalb?

Das hat verschiedene Ursachen. Natürlich gibt es immer Jugendliche, die sich mit einer regelmäßigen Beschäftigung schwertun. Wir müssen uns aber auch überlegen, ob wir in Deutschland bei der frühkindlichen Erziehung und in der Schulausbildung alles richtig machen. Ganztagsschulen wären beispielsweise eine Alternative. In der schulischen Ausbildung werden viele Potenziale nicht genutzt. Wir müssen gerade die Chancen für Kinder aus bildungsfernen Haushalten verbessern.

Das können Unternehmen aber nicht leisten.

Nein, hier ist der Staat gefordert. Die Jugendlichen müssen eine gute Grundlage haben, um überhaupt den Weg ins Berufsleben zu finden. Ich finde auch, Haupt- und Realschule sollten wieder einen höheren Stellenwert bekommen und entsprechend ausgestattet werden – das ist in manchen Bundesländern nicht der Fall.