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Ausschreitungen in Venezuelas Hauptstadt Caracas im Juni 2017 (© Getty Images)
Krisen in Südamerika
16.05.2018

Argentinien muss den IWF anpumpen, in Venezuela grassiert die Inflation: Was ist los in Südamerika? Ein Interview mit Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Herr de la Rubia, mit Venezuela und Argentinien droht gleich zwei südamerikanischen Staaten die Zahlungsunfähigkeit. Droht eine neue Südamerika-Krise?

Zahlungsunfähigkeit ist ein starkes Wort, das im Fall von Venezuela angemessen, bei Argentinien aber etwas verfrüht ist. Tatsache ist allerdings, dass Lateinamerika immer wieder von Schuldenkrisen erschüttert worden ist, nach den 1980er Jahren erneut Ende der 1990er Jahre, dann zu Beginn der 2000er, als Argentinien seine Auslandsschulden nicht mehr bediente. Jetzt scheint sich die Lage wieder zuzuspitzen, aber wir rechnen keineswegs mit einem Flächenbrand. Insbesondere Brasilien und Mexiko, die beiden großen Volkswirtschaften in der Region, stehen deutlich stabiler da, als dies vor einigen Jahrzehnten noch der Fall war. Das liegt vor allem an einer geringeren Auslandsverschuldung.

Venezuela hat mit die größten Ölvorkommen der Welt. Der Ölpreis ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Weshalb gelingt es dem Land nicht, aus der Krise zu kommen?

Venezuela ist durch massives politisches Missmanagement, das bereits unter dem Präsidenten Hugo Chavez in den 2000er Jahren begonnen hat, in einer Dauerkrise. Chavez hatte offensichtlich die Vision, aus Venezuela einen sozialistischen Staat à la Kuba zu machen. Heraus kam eine Umverteilung zugunsten ärmerer Bevölkerungsschichten bei gleichzeitig feindseliger Behandlung des privaten Unternehmertums und vor allem einer Politisierung des früher gut gemanagten staatlichen Ölunternehmens PDVSA. Heute fördert PDVSA im Vergleich zu vor zehn Jahren nur noch rund die Hälfte des Rohöls. Nach dem krankheitsbedingten Tod von Hugo Chavez hat Nicolás Maduro das Ruder übernommen. Die Situation hat sich seitdem nochmals dramatisch verschlechtert. Im Vergleich zu 2013 liegt das BIP Venezuelas heute etwa 25% niedriger. Hunger, hohe Kriminalitätsraten, Hyperinflation und Flüchtlingswellen insbesondere nach Kolumbien sind die greifbarsten Merkmale dieser Entwicklung.

© Wikimedia Commons

In Venezuela wird am 20. Mai gewählt. Wie stehen die Chancen von Präsident Maduro, die Wahl wieder zu gewinnen?

Nach der Einschätzung von Experten vor Ort liegen die Chancen überraschenderweise gut. Die Bevölkerung hat resigniert. Eine gut organisierte Opposition gibt es nicht mehr. Die Parlamentswahl im Jahr 2015, die zugunsten der Opposition ausgefallen war, und zwar mit einer Zweidrittelmehrheit, wurde durch das Oberste Gericht neutralisiert.

Was meinen Sie damit?

Das oberste Gericht hat regelmäßig Beschlüsse des Parlaments blockiert und Anfang 2017 generell alle Beschlüsse des Parlaments für unwirksam erklärt. Wir haben es also mit einer staatlichen Entmachtung des Parlaments zu tun.

Weshalb gibt es überhaupt noch eine so große Zustimmung für Präsident Maduro?

Man muss sehen, wie hoch denn die Wahlbeteiligung ausfallen wird. Eine echte Wahlkampfstimmung ist nicht zu beobachten. Ansonsten sind Klientelpolitik, Bestechung, Einschüchterung und Resignation die Ursachen dafür, dass das Wahlergebnis auf dem Papier Maduro vermutlich eine Mehrheit garantiert.

Nach wirtschaftlich recht schwierigen Jahren, sah es zuletzt so aus, als hätte sich Argentinien erholt. Nun hat der Peso stark an Wert verloren, das Land braucht Hilfe vom Internationalen Währungsfonds. Wie ist es dazu gekommen?

Argentinien kann man zwar nicht mit Venezuela vergleichen, aber unter dem Präsidentenpaar Kirchner litt das Land bis 2015 ebenfalls unter einem erheblichen Missmanagement. Mit dem Beginn der Finanzmarktkrise von 2008 und dem Einbruch der Rohstoffpreise wurden die Schwächen des Landes gnadenlos offengelegt. Statt das Land durch Investitionen in die Infrastruktur, in die Bildung und durch Strukturreformen wettbewerbsfähig zu machen, hat die politische Elite in die eigenen Taschen gewirtschaftet und auf den nächsten Wahlsieg hingearbeitet, den man eher durch Wahlgeschenke als durch eine langfristig ausgerichtete Strategie garantiert sah.

© https://www.zerohedge.com

Weshalb gelingt es Argentinien nicht, sich dauerhaft zu stabilisieren?

Früher hat man gerne von drei Arten von Volkswirtschaften gesprochen, den kapitalistischen Volkswirtschaften, den kommunistischen und die dritte Kategorie ist Argentinien. Das Land gehörte in den 1950er Jahren zu den reichsten Ökonomien dieser Erde. Wenn man die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts in Argentinien mit dem in Australien seit den 1960er Jahren vergleicht – das sind ja durchaus zwei vergleichbare Volkswirtschaften – dann sieht man, wie dramatisch Argentinien zurückgefallen, geradezu verarmt ist.

Aber jetzt wird wieder nach dem IWF gerufen. Muss man da nicht resignieren?

Nein, ich würde das Land nicht aufgeben. Präsident Mauricio Macri hat durchaus mit richtigen Reformansätzen das Land auf einen guten Weg gebracht. Den IWF mit ins Boot zu holen, ist für sich gesehen durchaus ein vernünftiger Schritt. Das Drama an der Geschichte ist, dass der IWF einen miserablen Ruf in Argentinien hat. Das hat damit zu tun, dass der IWF in den 1990er Jahren eine Privatisierungspolitik gefordert hat, die von der damaligen Regierung Carlos Menem in der denkbar schlechtesten Weise umgesetzt wurde. Verkürzt gesagt kann man sagen, dass staatliche Monopole durch private Monopole ersetzt wurden, während die Einnahmen aus den Privatisierungen veruntreut wurden. Darüber hinaus übernimmt der IWF aber auch eine von der Politik angeheizte Sündenbock-Funktion, nachdem das Land zum größten Teil selbstverschuldet im Jahr 2001 kollabierte.

Brasilien hatte auch einige Schwierigkeiten, jetzt wirkt das Land wirtschaftlich wieder stabiler. Warum gelingt dort, was die Argentinier nicht schaffen?

Brasilien ist mit über 200 Millionen Einwohnern und dem größten Industriestandort Lateinamerikas ein ganz anderes Kaliber als Argentinien, das weniger als ein Viertel der brasilianischen Bevölkerung hat. Die Probleme Brasiliens sind allerdings alles andere als trivial und die Stabilität lässt durchaus zu wünschen übrig. In den Jahren 2015 und 2016 hat Brasilien eine sehr tiefe Rezession erlebt, begleitet von politischen Turbulenzen und mammuthaftigen Korruptionsskandalen, die bis in die obersten Spitzen der Politik hineinreichten. Die nächsten Jahre werden erst zeigen, ob das Land diese Skandale aufgearbeitet werden und das Land politisch auf stabilere Füße gestellt wird.

Stärkerer US-Dollar und steigende Zinsen wirken sich auch auf andere Schwellenländer aus. Drohen auch dort Krisen?

Grundsätzlich sind die meisten Schwellenländer heute besser aufgestellt als noch vor 15 oder 20 Jahren. Aber es gibt immer die üblichen Verdächtigen. Dazu zählen die Türkei, Südafrika und Indonesien, die relativ hohe Leistungsbilanzdefizite haben. D.h. diese Länder benötigen viel Auslandskapital, was bei steigenden US-Dollar-Renditen Schwierigkeiten bereiten kann.

Herr de la Rubia, vielen Dank für das Gespräch.