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Katharina Jünger gründete TeleClinic im Jahr 2015 (© Heinrich Holtgreve)
Strategietag Gesundheit
18.04.2018

Ärztlichen Rat bequem per Video von zu Hause aus einholen - dieses Modell interessiert Ärzte, Investoren und Patienten gleichermaßen. 

Statt im Wartezimmer auf seinen Behandlungstermin zu harren, sich lieber vom Arzt per Video am Bildschirm konsultieren lassen - Telemedizin ist für Ärzte und Patienten attraktiv. Der Arzt muss weniger Bagatellkrankheiten behandeln, der Patient spart Zeit und Nerven. Eine Ärzteumfrage aus dem MLP Gesundheitsreport ergab, dass 73 Prozent der Krankenhausärzte den Ausbau telemedizinischer Angebote befürworten. Zudem ist das Einsparpotenzial durch Telemedizin enorm. Dem Statistischem Bundesamt zufolge entfallen auf die Arztpraxen in Deutschland mehr als 50 Milliarden Euro der Gesundheitsausgaben - jede zeitliche Entlastung der Ärzte schlägt sich somit positiv bei den Kosten nieder. Wenig erstaunlich, dass in der Telemedizin derzeit viele neue Geschäftsmodelle entstehen. Die Gründer von Anbietern wie TeleClinic, Dr. Ed oder Kry fiebern derzeit dem Deutschen Ärztetag im Mai entgegen. Denn dort wird entschieden, ob das ausschließliche Fernbehandlungsverbot in Deutschland in Zukunft entfällt. Dieses besagt, dass der Arzt über die Ferne keine abschließende Diagnose stellen darf und auch keine Rezepte ausstellen darf. "Das ändert sich gerade", sagt Katharina Jünger.

"Baden-Württemberg ist das erste Bundesland, was das Fernbehandlungsverbot bereits im Dezember 2017 aufgehoben hat."

Jünger rechnet damit, dass es im Mai bundesweit aufgehoben wird.

Vor drei Jahren gründete Jünger den Telemedizin-Anbieter TeleClinic. Über die Telemedizin-Plattform können Ärzte aller Fachrichtungen per Video Patienten beraten. "Ich komme aus einer Medizinerfamilie und hatte immer jemanden, den ich bei einer medizinische Frage anrufen konnte", sagt Jünger. "Diesen Luxus wollte ich gerne auch anderen Menschen ermöglichen." Angesichts voller Arztpraxen macht Telemedizin durchaus Sinn. So kann ärztlicher Rat zum Beispiel bei Insektenstichen, Heuschnupfen oder Erkältungen bequem von zu Hause aus eingeholt werden. Ein gängiges Szenario ist auch die Video-Kontrolle des Verlaufs einer Wundheilung. Jünger zufolge benötigen ungefähr 50 Prozent aller Behandlungen kein persönliches Erscheinen beim Arzt, etwa zum Abtasten. Bei der Hälfte der Behandlungen reiche ein Gespräch oder ein hochgeladenes Foto aus, um eine Diagnose zu stellen. Gute Voraussetzungen also, um TeleClinic zu einem ernsthaften Konkurrenten der Notfallnummer 112 zu machen, die oft auch bei wenig schweren Fällen angerufen wird.

Derzeit hat TeleClinic 10.000 registrierte Patienten und circa 200 Ärzte im Portfolio. Erste private und gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Fernbehandlung.

Anfangs Skepsis bei Ärzten

Allerdings trifft Telemedizin nicht bei allen Ärzten auf Zustimmung. Bei den niedergelassenen Ärzten sind die Zustimmungswerte deutlich niedriger als bei den Krankenhausärzten. Jünger gibt zu, dass viel Kommunikationsarbeit geleistet werden muss, um kritische Ärzte zu überzeugen. Die hatten Anfangs Bedenken, Patienten an andere Ärzte zu verlieren. "Dabei ist das einfach eine Plattform, über die Ärzte ihre Leistung auf digitalem Wege anbieten können," sagt Jünger. Mittlerweile hätte ein Großteil der Ärzte umgedacht und würde Telemedizin als Chance begreifen.

Investoren jedenfalls glauben an das Potenzial des Segments. So investierte Allianz X, die digitale Investment-Einheit des Versicherers kürzlich 59 Millionen Dollar in die US-Telemedizin-Plattform American Well aus Boston. Gemeinsam wollen der Versicherer und das amerikanische Technologieunternehmen in Zukunft digitale Gesundheitslösungen entwickeln.

Sie interessieren sich für die Zukunft der Gesundheitsbranche? Dann lesen Sie hier mehr über aktuelle Entwicklungen und informieren sich in der "Branchenstudie Gesundheitswirtschaft" der HSH Nordbank.