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Der europäische Kfz-Aftermarket ist im Umbruch (© iStock)
Studie zum Kfz-Aftermarket
18.04.2018

Insgesamt ist der europäische Kfz-Aftermarket auf stabilem Wachstumskurs. Der Strukturwandel bietet Chancen, vor allem für Unternehmen, die selbst aktiv mitgestalten. Das ist das Ergebnis der neuen Marktstudie "Konsolidierung im europäischen Kfz-Aftermarket" von Roland Berger und der HSH Nordbank.

Der europäische Kfz-Aftermarket ist im Umbruch. Fahrzeugbestand und Neuwagenverkäufe ziehen an, was für kontinuierliches Wachstum sorgt. Gleichzeitig treten im Rahmen der Digitalisierung am Markt neue Akteure mit disruptiven Geschäftsmodellen auf. Zudem hat der Markt in den letzten Jahren zahlreiche Übernahmen und Fusionen gesehen. Eine massive Konsolidierung der Branche ist die Folge. Dieser Strukturwandel bietet aber auch Chancen, vor allem für Unternehmen, die selbst aktiv mitgestalten. Das ist das Ergebnis der neuen Marktstudie "Konsolidierung im europäischen Kfz-Aftermarket" von Roland Berger und der HSH Nordbank. Die Studie ist die Grundlage, auf deren Basis in den kommenden Monaten weitere Studien zu Teilaspekten des Kfz-Aftermarkets entstehen.

Bei allen Veränderungen durch die Digitalisierung dürfen aber auch die stabilisierenden Faktoren nicht außer Acht gelassen werden. "Grundsätzlich ist der Markt stabil, ein alles verändernder Game Changer ist nicht in Sicht", sagt Jens Thiele, Leiter Handelskunden der HSH Nordbank. Die stationären Anbieter blieben, ein reiner Online-Anbieter mit voller Marktmacht, also eine Art Amazon im Kfz-Aftermarket, sei derzeit nicht absehbar.

Die Tendenz zur Konzentration, wie etwa in den USA, zeichne sich aber auch in Europa ab. Während die drei größten Anbieter in Europa zusammen rund 15 Prozent Marktanteil vereinen, kommen die Top-3-Player in den USA auf knapp 50 Prozent. "Es zeichnet sich ab, dass der europäische Aftermarket einen ähnlichen Konzentrationsprozess durchlebt wie der Markt in den USA vor einigen Jahren", sagt Thiele. "Deshalb ist zurzeit sehr viel Dynamik im Spiel. Das Übernahme-Karussell kommt in Fahrt und dreht sich immer schneller." In einzelnen Ländern, vor allem im deutschsprachigen Raum und in Frankreich, ist die Zahl kleiner, lokaler Teilegroßhändler bereits stark gesunken.

"Allein in den vergangenen fünf Jahren gab es mehr als 20 große Firmenübernahmen oder -zusammenschlüsse auf dem europäischen Markt", sagt Thiele. "Dennoch ist das erst der Anfang: Im Vergleich zu den USA ist der Kfz-Aftermarket in Europa immer noch wesentlich kleinteiliger strukturiert." Der Experte erklärt sich das unter anderem durch langjährige Geschäftsbeziehungen der Anbieter untereinander, woraus spezielle Kundenkenntnisse entstanden sind. Zudem hätten Intermediäre wie Versicherungen, Automobilclubs und Vermietungsgesellschaften auf dem deutschen Markt eine starke Stellung und könnten Vorgaben für die Werkstattzuweisung von Fahrzeugen machen.

Die Macht der Intermediäre

Insgesamt ist der Markt auf stabilem Wachstumskurs: Bis 2022 werden in der EU, in Russland und der Türkei voraussichtlich rund 600 Millionen Fahrzeuge gemeldet sein, die im Schnitt rund neun Jahre alt sind. Und jedes Jahr kommen rund 20 Millionen neue Fahrzeuge dazu. Wartung und Reparatur sowie Herstellung und Vertrieb von Ersatzteilen summieren sich auf ein Marktvolumen von rund 248 Milliarden Euro bei einem jährlichen Wachstum um ca. ein Prozent. Andererseits werden einige Spielregeln im Aftermarket neu geschrieben, und der Wettbewerbsdruck steigt. Online-Händler, Versicherungen, Automobilclubs oder Online-Plattformen versuchen, mit neuen Geschäftsmodellen die Kundenschnittstelle zwischen Werkstatt und Endkunden zu besetzen und so die Ineffizienzen des mehrstufigen Vertriebssystems für sich zu nutzen. All diese Intermediäre verändern die althergebrachten Beziehungen zwischen den Gliedern der Wertschöpfungskette und untergraben so die Marktmacht der traditionellen Akteure. Von M&A-Deals versprechen sich die Beteiligten in erster Linie Skalen- und Synergieeffekte, etwa niedrigere Kosten beim Einkauf von Teilen sowie eine optimierte Logistik und Lagerhaltung. Außerdem erleichtert Größe den Wettbewerb mit neuen Akteuren und Online-Playern und hilft beim Auf- und Ausbau einer internationalen Präsenz.

Fest steht, dass die Megatrends Mobilität, Autonomes Fahren, Digitalisierung und Elektrifizierung den europäischen KFZ-Aftermarket grundlegend verändern werden. "Modelle wie die Share Economy erhöhen die Nutzungsintensität des einzelnen Fahrzeugs und lassen die Ausgaben pro Auto zunehmen, was dem Kfz-Aftermarket zugute kommt", sagt Thiele. Die Fahrzeuge werden länger auf der Straße sein, was die Reparaturanfälligkeit erhöht. Andererseits ist zu erwarten, dass autonomes Fahren die Unfallzahlen reduzieren wird. Auch wenn mit höheren Kosten für die Reparatur zu rechnen ist, wird der Nettoeffekt beim Autonomen Fahren auf den künftigen Aftermarket wohl eher negativ ausfallen.

Dennoch sieht die Studie Chancen für Marktteilnehmer, die Turbulenzen im Kfz-Aftermarket nicht nur zu überstehen, sondern sie als Rückenwind für die eigene Entwicklung zu nutzen. "Um zu den Siegern zu gehören, sollten Unternehmen sich jetzt intensiv mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen", empfiehlt Thiele. Dazu gehören Aspekte wie eine gute Kenntnis von Kunden und Wettbewerbern, aber auch das Hinterfragen der eigenen Position am Markt. Nach den Unternehmensübernahmen gibt es für die Konkurrenz in der Regel gute Chancen. Warenwirtschaft und Logistik sind nicht leicht übereinander zu bringen. Hier gibt es die Möglichkeit, gezielt die temporären Schwächen auszunutzen und neue Kunden zu gewinnen.

Eine Leseprobe zur Studie finden Sie hier.