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In Syrien bleibt die Lage angespannt (©Getty Images)
Ölmärkte

Preisanstieg durch Spannungen im Mittleren Osten?

20.04.2018

„Geopolitische Spannungen könnten die Ölpreise auf mehr als 80 US-Dollar katapultieren“, sagt Jan Edelmann, Rohstoffexperte der HSH-Nordbank.

Die erneute Zunahme geopolitischer Spannungen im Nahen und Mittleren Osten trieb die Preise für Rohöl in den vergangenen Handelstagen um mehr als 6 US-Dollar auf 74 US-Dollar/Barrel – den höchsten Stand seit Ende 2014 – und damit leicht oberhalb unserer Quartalsprognose von 72 US-Dollar/Barrel. Im öffentlichen Fokus stand dabei der Militärschlag des Westens unter Führung der USA gegen das syrische Regime, nachdem dieses nach aktuellem Stand Giftgas gegen das eigene Volk einsetzte. Gleichzeitig meldete die amtliche saudi-arabische Nachrichtenagentur, dass die vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen aus dem Jemen erneut mehrere Raketen sowohl auf die saudische Hauptstadt Riyadh als auch auf saudische Ölinfrastruktur abgefeuert haben. Bisher konnten alle Raketenangriffe abgefangen werden, jedoch steigt jetzt die Wahrscheinlichkeit einer Disruption der saudischen Ölströme, da die Rebellen auch Rohöltanker ins Visier genommen haben. Die jüngste Eskalation in Syrien sollte zudem nicht unabhängig von den Spannungen zwischen dem Jemen und Saudi-Arabien betrachtet werden, angesichts der Unterstützung, die das Assad-Regime durch den Iran erfährt. Denn damit hat sich der Iran nicht unbedingt Freunde innerhalb der US-Regierung gemacht. Dies ist daher besonders kritisch zu betrachten, da US-Präsident Donald Trump bis zum 12. Mai darüber entscheiden muss, ob die Aussetzung der US-Sekundärsanktionen um 120 Tage verlängert oder die Sanktionen wieder eingeführt werden sollen. Durch die Ernennung von John Bolton zum Nationalen Sicherheitsberater und Mike Pompeo zum Staatssekretär, beides stimmberechtigte Iran-Falken, hat sich das Risiko für die Wiedereinführung der Sanktionen erheblich erhöht.

Sollte es tatsächlich zu einer Wiedereinführung möglicher Sanktionen kommen, dürften zwar nur mehrere hunderttausend Barrel/Tag an iranischen Exporten gefährdet sein, angesichts bereits normalisierter und weiter rückläufiger Öllagerbestände dürfte dies sichtbare Folgen für den Markt haben. Angenommen, es wären rund 600 Tsd. Barrel/Tag über einen Zeitraum von sechs Monaten betroffen – darüber hinaus dürfte ein anderer Produzent die Ausfälle des Iran kompensieren – deutet unser Lagerbestands- vs. „timespreads“- Modell auf einen Anstieg der geopolitischen Risikoprämie um weitere 10 US-Dollar/Barrel hin. Seit dem Ende der Sanktionen zu Jahresbeginn 2016 konnte der Iran die Ölförderung von 2,8 Mio. auf 3,8 Mio. Barrel/Tag ausweiten. Die Exporte stiegen seither von 1,2 Mio. auf 2,2 Mio. Barrel/Tag. Etwa 60 % des gesamten Exportvolumens gehen nach Asien, insbesondere nach China (600 Tsd. Barrel/Tag) und Indien (~450 Tsd. Barrel). Seit dem Ende der Sanktionen wurde auch verstärkt nach Europa exportiert, wobei der europäische Anteil etwa 25 % der gesamten iranischen Ölexporte ausmacht. Das größte Risiko für den Iran im Falle einer Wiedereinführung der Sanktionen könnte die wegfallende Nachfrage aus Europa sein. Weniger weil sich die Länder den möglichen neuen US-Sanktionen anschließen, sondern vielmehr aus Furcht vor möglichen Sanktionsverstößen durch die von den USA verhängten Maßnahmen. Dies würde den Iran dazu veranlassen neue Abnehmer für das produzierte Öl zu finden, was aller Wahrscheinlichkeit nach asiatische Ländern sein dürften, welche auch die Hauptabnehmer während früherer Sanktionen waren.

Entscheidend für den Ölmarkt wird zudem sein, wie sich Saudi-Arabien verhalten wird, sollten die Sanktionen ggü. dem Iran wiedereingeführt werden. Möglicherweise könnte das Königreich die Produktion erhöhen, sodass der Iran die von den USA auferlegten Sanktionen ihre volle Wirkung erfährt. Denn hierbei sind zwei unterschiedliche Dynamiken zu beachten: Sollten dem Iran 500 Tsd. an Exporten nach Europa verloren gehen, wäre dies womöglich mit einem Preisanstieg um 10 % verbunden. Der Preisanstieg würde dem Mengenverlust etwas konterkarieren, wodurch Saudi-Arabien einen starken Anreiz hätte, die eigene Förderung auszuweiten.