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Handelskonflikt zwischen USA und China lässt Risiken in Schwellenländern steigen (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
06.04.2018

Steigende Risikofaktoren erhöhen das Stressniveau in den Schwellenländern. 

Die weltweite Verunsicherung der Märkte, die durch den von den USA ausgehenden Handelskonflikt im vergangenen Monat ausgelöst wurde, ist auch an den Ländern der Emerging Markets nicht spurlos vorbeigezogen. Im Gegenteil, in unserem Schwellenlandbarometer hat sich das allgemeine Stressniveau durch die steigenden Risikofaktoren im Vergleich zur vergangenen Berichtsperiode erhöht und notierte zwischendurch auf dem höchsten Stand seit Sommer letzten Jahres. Aktuell stabilisiert sich das Niveau aber wieder deutlich unter der Marke von 40 Indexpunkten. Nach Ankündigung der US-Regierung von Strafzöllen gegen China in Höhe von 60 Mrd. US-Dollar flüchteten Investoren aus den Märkten der Emerging Markets in sichere Häfen. Die Aktienmärkte sämtlicher Länder verloren in der vergangenen Berichtsperiode, notieren aber noch über ihren Tiefständen nach der Korrektur Anfang Februar. Federn ließ erneut der Leitindex Chinas, der Shanghai Composite. Das Land steht im Mittelpunkt der Neuausrichtung der US-Handelspolitik und verzeichnete deshalb den höchsten Anstieg des Stressniveaus. Mit der Ankündigung von Gegenmaßnahmen der chinesischen Seite ist eine Eskalation des Konflikts und eine noch nicht absehbare Spirale gegenseitiger Handelsrestriktionen zu befürchten. Investoren zeigten sich aus diesem Grund auch auf den Staatsanleihemärkten der Schwellenländer zurückhaltend, was die Renditen in die Höhe trieb und die Spreads zu Titeln der USA massiv ausweitete. Die Streitigkeiten trüben den konjunkturellen Ausblick und könnten den nachhaltigen Aufschwung der letzten Jahre entschleunigen, auch außerhalb Chinas. Andere Länder wie Brasilien, immerhin zweitgrößter Stahlexporteur in die USA, blieben von den Maßnahmen vorerst verschont. Dort, wie auch in Russland, konnte sogar ein abnehmendes Stressniveau im vergangenen Monat notiert werden, was insbesondere an der für Russland erfreulichen Preisentwicklung von Rohöl lag. Aufgrund des fortgeschrittenen Lagerabbaus der Ölförderstaaten und stabiler Nachfrage ist der Ölpreis weiter auf hohem Niveau, auch wenn die Dynamik in den letzten Tagen etwas abnahm. Für die anderen Schwellenländer, die Nettoimporteure von Rohöl sind, ist diese Preisentwicklung ein zusätzlich belastender Faktor.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und die Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie die Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der "Schwellenländer-Barometer"-Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, in dem die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Im vergangenen Monat stiegen die Stresswerte Chinas um über drei Basispunkte, notieren nun auf einem noch immer soliden Wert von 39,1 Indexpunkten. Im Reich der Mitte sorgte die Neuausrichtung der US-Handelspolitik für Turbulenzen. Der Shanghai Composite Index gab im Monatsvergleich erneut stark nach (- 3 Prozent). Auch wenn die Abhängigkeit chinesischer Unternehmen von Exporten in die USA in manchen Branchen gering ist, könnten die US-Zölle besonders den Technologie- und Telekommunikationssektor im Süden des Landes treffen. Angesichts der von China angekündigten Gegenmaßnahmen, die postwendend mit weiteren Strafzöllen von Seiten der USA beantwortet wurden, wächst die Sorge vor einer Eskalation des Handelskonflikts und vor dessen Ausweitung in weitere Industriesektoren. Die Konjunktur Chinas könnte so einen erheblichen Dämpfer erhalten. Auswirkungen waren genauso bei chinesischen Staatsanleihen spürbar, die Unsicherheit der Investoren führte zu einem Nachfragerückgang und einer signifikanten Spreadausweitung im Vergleich zu US-amerikanischen Titeln. Als stabilisierender Faktor konnte in diesem Umfeld die Machtausweitung des Staatspräsidenten Xi Jinping nicht wirken. Bei einem Parteikongress im letzten Monat wurde eine Verfassungsänderung auf den Weg gebracht, welche die Amtszeit von Staatspräsident Xi auch über 2022 hinaus ermöglicht. Dagegen führt der steigende Ölpreis zu einem weiteren Anstieg des Stressniveaus. China ist großer Nettoimporteur von Rohöl und weltweit zweitgrößter Verbraucher des Rohstoffs, weshalb sich ein hoher Ölpreis negativ auf die Volkswirtschaft des Landes auswirkt. Tendenziell ist in den nächsten Wochen ein weiterer Anstieg des chinesischen Stresslevels zu erwarten.

Indiens Stresswerte zeigen sich aktuell im Vergleich zum Vormonat auf nahezu unverändertem Niveau bei 59 Basispunkten. Auf der Negativseite wirkte der indische Aktienleitindex Sensex, der im Zuge der durch den Handelskonflikt ausgelösten globalen Kursverluste im Monatsvergleich nachgab, wenn auch nicht so stark wie die Pendants anderer Schwellenländer. Ähnlich wie in China belasteten zudem die höheren Ölpreise. Dies wurde jedoch durch sinkende CDS-Spreads von indischen Staatsanleihen aufgehoben, deren Kurse nach Ankündigung der Regierung, die Neuverschuldung zu halbieren und die Staatsdefizite herunterzufahren, anzogen. Die indische Rupie gibt kaum Veränderungen im Vergleich zum letzten Monat wider, während sich bei den Exportgütern Indiens der geringe Preisanstieg von Reis mit dem Preisrückgang von Mais in etwa gleichen Umfang ausgleicht.

Bemerkenswert ist die Entwicklung der Türkei, die bei 39,1 Indexpunkten notiert (+ 3,3 bp). Hier wirkten sich alle erfassten Faktoren negativ auf die Stresswerte des Landes aus. Die türkische Lira verlor stark an Wert und ist so günstig zu haben wie noch nie. USD/TRY stieg im März erstmals über die Marke von 4,00. Generell sind Währungen aus den Emerging Markets vor dem Hintergrund des globalen Handelskonflikts unter Druck geraten. Im Falle der türkischen Lira wirkten sich zudem die Leistungsbilanzdefizite des Landes aus, welche deutlich höher ausfielen als erwartet und die Abwertung so beschleunigten. Zusätzlich macht sich hier auch die hohe Dollar-Verschuldung der Türkei bemerkbar, die durch Fortschreiten der US-Fed im Zinserhöhungszyklus als Bedrohungsfaktor wahrgenommen wird. Dies steht im Gegensatz zu der sonst positiven konjunkturellen Entwicklung der Türkei, dessen Wirtschaft 2017 mit 7,4 Prozent YoY sogar stärker wuchs als die Chinas oder Indiens. Weitere Downside-Faktoren auf die Stresswerte des Barometers waren die Kursrückgänge der Istanbuler Börse, die Flucht aus türkischen Staatsanleihen sowie der hohe Ölpreis.

Indonesiens Stresswert stieg im März um 1,1 Basispunkte und notiert nun bei 42,1 Indexpunkten. Ursächlich für den Anstieg ist einerseits die Investorenzurückhaltung auf dem indonesischen Aktienmarkt, andererseits die geringe Nachfrage nach Staatsanleihen des Landes. Investoren zogen ihr Geld aus dem risikobehafteten Indonesien ab und investierten es beispielsweise in als sicher geltende Länder und Assetklassen wie japanische Staatsanleihen. Der Jakarta Composite Index verlor im Monatsvergleich fast über sechs Prozent. Nahezu unverändert zeigten sich die Werte für die indonesische Rupie. Eine ähnliche Entwicklung vollzog der Rohstoffindex des Landes, der Preisrückgang bei Kohle hat nur geringe Auswirkungen auf das Stressniveau.

Während der hohe Ölpreis die meisten Schwellenländer belastet, profitiert Russland als Nettoexporteur davon. Im März steig der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte WTO um 4,4 US-Dollar auf 65,1 US-Dollar/Barrel an. Dies drückte die Stresswerte des Landes in einen unbedenklichen Bereich von etwa 29 Indexpunkten, was den niedrigsten Stand seit Ende 2016 darstellt. Präsident Vladimir Putin wurde wie erwartet wiedergewählt. Sein Vorhaben, die Wertschöpfung pro Kopf binnen 7 Jahren um 50 Prozent zu steigen, was jährlich Wachstumsraten von fast 6 Prozent bedeuten würde, scheint angesichts der reformscheuen russischen Wirtschaft unrealistisch. Risiken bestehen vor allem in der diplomatischen Krise um den Ex-Agenten Skripal mit westlichen Ländern, insbesondere mit Großbritannien. Sanktionen gegen die russische Wirtschaft von Seiten der EU sind nicht auszuschließen. Dies setzt auch den russischen Rubel unter Druck, genauso wie die Bonds des Landes, deren Spreads zu den USA sich auf 124 Basispunkte ausweiteten. Diese Stressfaktoren wurden jedoch durch die Ölpreisentwicklung mehr als ausgeglichen.

Brasiliens Stresswerte haben sich im Vergleich zum vergangenen Monat signifikant verbessert und sanken um 3 Basispunkte auf ein stabiles Niveau von 35 Indexpunkten. Dies scheint verwunderlich, dabei gab der Preis für Eisenerz im März aufgrund von US-Zöllen und schwacher chinesischer Importnachfrage um gut 19 Prozent nach. Brasilien ist einer der größten Exporteure von Eisenerz weltweit und einer der größten Stahlexporteure in die USA.

Zudem erfuhren die Spreads der brasilianischen zehnjährigen Staatsanleihen zu ihren amerikanischen Pendants einen Anstieg um 16 Basispunkte. Andere Rohstoffe, der Brasilianische Real sowie der Aktienindex Bovespa schlossen den Monat mit einer Seitwärtsbewegung ab. Dass das Stresslevel trotz nicht überzeugender Daten abnimmt, hat methodische Gründe. Die Berechnung folgt über gleitende Durchschnittswerte, so dass das Niveau nicht nur von den aktuellen Werten abhängt, sondern auch von den Werten der Vorperioden. Der Handelskonflikt könnte sich für das bevölkerungsreichste Land Südamerikas noch als erhebliches Bedrohungsszenario entwickeln.

Die Methodik

Für die Erstellung des "Schwellenländer-Barometer" werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der     10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes

    o  Brasilien: Bovespa

    o  China: Shanghai Composite

    o  Indien: Sensex

    o  Indonesien: Jakarta Composite

    o  Russland: MICEX

    o  Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe

    o  Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker

    o  China: Rohöl (Import)

    o  Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)

    o  Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl

    o  Russland: Rohöl, Erdgas

    o  Türkei: Rohöl (Import) 

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in "Echtzeit"), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie beispielsweise Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des "Schwellenländer-Barometers" zu berücksichtigen.