SUCHE

Rund 100 Teilnehmer beim ersten "Strategietag Gesundheit" der HSH Nordbank (© Heinrich Holtgreve)
Strategietag Gesundheit
03.04.2018

Der Gesundheitsmarkt ist in Bewegung – so lautet das Fazit des ersten „Strategietag Gesundheit“ der HSH Nordbank. Der Grund: Neue Technologien beleben die Geschäfte von Pharmafirmen, Krankenkassen und Krankenhäusern.   

Wer sich ein Bild über die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft in Deutschland machen will, der sollte sich eine Zahl vor Augen halten: Rund zwölf Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts werden in dieser Branche erwirtschaftet. Im Jahr 2016 wurde dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge jeder sechste Euro in diesen Segment verdient. Lange entwickelte sich der Markt eher in kleinen Schritten. Doch die Digitalisierung und das Anfang 2017 auf den Weg gebrachte E-Heath-Gesetz sorgen für frischen Wind und neue Geschäftsmodelle. Stichworte hierbei sind elektronische Gesundheitskarte, elektronischer Medikamentenplan und elektronische Patientenaktie sowie die Telemedizin. Big Data hält verstärkt Einzug in die Medizinbranche und erlaubt Ärzten differenzierte Diagnosen und Heilungsotionen. "Bisher hat man Diagnose und Behandlung vor allem auf Durchschnittsbetrachtungen von Durchschnittspatienten abgestimmt", sagte Viktor Mayer-Schönberger von der Universität Oxford auf dem ersten "Strategietag Gesundheit" der HSH Nordbank, "aber in Zukunft können wir es personalisieren. Das bedeutet nicht nur mehr Effizienz, sondern auch mehr Lebensqualität."

Sorgfalt mit Patientendaten ist in Zukunft ebenso wichtig.

Das Sammeln vieler Daten von jedem Einzelnen ermögliche es, die Behandlung auf eine betroffene Person zuzuschneiden. Heute ist das noch Zukunftsmusik, wie anhand der Medikamenteneinnahme zu sehen ist. "Wir sind permanent fehldosiert, weil wir Medikamente in jener Dosierung nehmen, die für einen durchschnittlichen männlichen Patienten bei einer durchschnittlichen Erkrankung geschaffen wurde", sagte Internetforscher Mayer-Schönberger bei seinem Vortrag: "Das ist sowohl ineffizient als auch für den menschlichen Organismus untragbar."

Einen Wettbewerb der Krankenkassen um die Gesunden hält Mayer-Schönberger für vorstellbar. "Natürlich würde ein Wettbewerb um die gesunden Menschen ausbrechen, wenn die Krankenkassen sehr viele personenbezogene Gesundheitsdaten hätten." Darum sollten eher Forscher im Medizinbereich und behandelnde Ärzte die personenbezogenen Gesundheitsdaten der Patienten bekommen.

Auf dem Weg zu einer modernen Kranken- und Patientenversorgung hätten alle Beteiligten noch eine Menge zu lernen. Das gilt auch für die eher traditionell aufgestellten Apotheken. Die Branche wurde in den letzten Jahren von der Online-Apotheke DocMorris aufgemischt. "Apotheker sind nicht per se innovationsfeindlich", sagte DocMorris-Vorstand Max Müller beim Strategietag Gesundheit der HSH Nordbank. "Wer am Status quo festhalten möchte, sind überwiegend Verbände und Berufsorganisationen, die eines nicht möchten: Ein gut funktionierendes Geschäftsmodell durch Wettbewerb aufgemischt zu sehen." Dass der Europäische Gerichtshof EuGH die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneien für Versandapotheken mit Sitz im EU-Ausland aufgehoben hat, begrüßt Müller. DocMorris habe davon profitiert. "Ein überzeugendes Geschäftsmodell im Gesundheitswesen ist relativ einfach zu definieren: Es ist eines, dass vom Patienten angenommen wird", sagt Müller, der keine Angst vor Künstlicher Intelligenz hat. "Das wäre aus meiner Sicht der falsche Treiber. Auch wir arbeiten rund um das Thema Künstliche Intelligenz. Natürlich muss man dafür den notwendigen Respekt aufbringen."

"Künstliche Intelligenz hilft dabei, dem Arzt Routinetätigkeiten abzunehmen", sagt Arthur Kaindl, Manager bei Siemens Healthineers. "Der Radiologe, der bisher ausschließlich in der Dunkelkammer befundet, wird in Zukunft die Befunde überwachen und dabei durch Künstliche Intelligenz unterstützt werden. Er wird mehr zum Informations-Broker und Berater."

Medizintechnik: "Zug noch nicht abgefahren"

Auch Sandro von Korff, Leiter Gesundheitswirtschft der HSH Nordbank, schätzt das Transformationspotenzial der Technologie hoch ein. "Wir haben sehr viele Kunden, die sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz beschäftigen und das Thema gerade in Richtung bildgebende Faktoren mit einfließen lassen. Ich glaube, KI wird ein sehr starker Treiber in unserer Branche sein und die Einsatzfähigkeit davon ist wirklich multipel", so der Medizintechnik-Experte. Im Gegensatz zum E-Commerce oder zu Sozialen Medien sei im Medizintechnikbereich der Zug für Deutschland noch nicht abgefahren. "Wir haben da eine Sonderstellung, weil ‚Made in Germany' international immer noch sehr anerkannt ist und wir uns sehr gut positioniert haben." Das Segment biete Potenzial, was man auch an den hohen Umsatzsprüngen bei spezialisierten Startups sehen könne.

Ein solches ist der Telemedizin-Anbieter TeleClinic, den Katharina Jünger 2015 gründete. Über die Telemedizin-Plattform können Ärzte aller Fachrichtungen per Video Patienten beraten. "Ich komme aus einer Medizinerfamilie und hatte immer jemanden, den ich bei einer medizinische Frage anrufen konnte", sagt Jünger. "Diesen Luxus wollte ich gerne auch anderen Menschen ermöglichen."

Der Markt nimmt wegen einer Änderung des Fernbehandlungsverbot, nach dem ein Arzt über die Ferne keine abschließende Diagnose stellen und keine Rezepte ausstellen darf, gerade an Fahrt auf. "Baden-Württemberg ist das erste Bundesland, was das jetzt im Dezember 2017 aufgehoben hat", sagt Jünger. "Im Mai wird es aller Voraussicht nach bundesweit aufgehoben."

Angesichts voller Arztpraxen macht Telemedizin durchaus Sinn. Jünger zufolge benötigen ungefähr 50 Prozent aller Behandlungen kein persönliches Erscheinen beim Arzt, etwa zum Abtasten. Bei der Hälfte der Behandlungen reiche ein Gespräch oder ein hochgeladenes Foto aus, um eine Diagnose zu stellen. Gute Voraussetzungen also, um TeleClinic zu einem ernsthaften Konkurrenten der Notfallnummer 112 zu machen.

Sie interessieren sich für die Zukunft der Gesundheitsbranche? Dann lesen Sie hier mehr über aktuelle Entwicklungen und informieren sich in der "Branchenstudie Gesundheitswirtschaft" der HSH Nordbank.