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Brasiliens Stresswerte liegen weiter im unbedenklichen Bereich (©Getty Images)
Schwellenländerbarometer
05.03.2018

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und die Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie die Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen.

Die Emerging Markets haben die Aktienmarktturbulenzen der vergangenen Wochen abgehakt und signalisieren weiterhin Stabilität. Zwar hat der Kursrutsch an der Wall Street auch die Börsen vieler Schwellenländer mitgezogen, jedoch konnten die entstandenen Verluste mittlerweile wieder aufgefangen werden. Aktien aus China oder der Türkei waren von der Korrektur besonders hart betroffen, bauten ihre Verluste jedoch inzwischen fast vollständig ab. Offenbar sahen internationale Investoren eine vielversprechende Kaufgelegenheit. Vor allem Aktien aus Brasilien erfreuten sich einer hohen Nachfrage. Insgesamt haben die Schwellenländer den Kursrutsch gut abfedern können und sollten ihren Wachstumskurs fortsetzen. Als Achillesferse für die langfristige Wirtschaftsentwicklung identifizieren wir weiterhin die Zinspolitik in den Industrieländern und speziell in den USA. Allgemein geht ein steigendes Zinsumfeld im US-Dollar-Raum einher mit einem festeren US-Dollar-Außenwert und erhöht so die Finanzierungskosten der Emerging Markets. Zudem lässt ein starker US-Dollar tendenziell die Rohstoffpreise zurückgehen, was die Exportfähigkeit vieler Emerging Markets unterminiert und auch die Nachfrage nach Schwellenländer-Aktien bremst. Diese klassische Wirkungskette greift (noch) nicht. Der US-Dollar hat sich seit dem zweiten Halbjahr 2017 deutlich abgeschwächt und konnte bislang noch nicht von dem Zinserhöhungszyklus der Fed profitieren. Bleibt diese Entwicklung auch bei weiteren Zinserhöhungen in 2018 aus, sehen wir von Seiten der US-Zinspolitik nur moderate Gefahren für den Wachstumskurs der Schwellenländer und ihre Kapitalmärkte. Preisen die Finanzmärkte den Zinserhöhungszyklus der US-Fed jedoch deutlicher ein, könnte der klassische Wirkungszyklus einsetzen. Ein steigender US-Dollar würde so die Wachstumsaussichten für viele Emerging Markets trüben und die Stresswerte in unserem Barometer ansteigen lassen.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und die Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie die Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der "Schwellenländer-Barometer"-Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, in dem die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

"Schwellenländer-Barometer" Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Brasiliens Stresswerte liegen trotz einer leichten Erhöhung im zurückliegenden Monat weiterhin in einem unbedenklichen Bereich. Die brasilianischen Aktienmärkte haben die Kursverluste am Monatsanfang bereits kompensiert und konnten seit Jahresbeginn bereits um 14 % zulegen. Auch die Rohstoffpreise entwickeln sich erfreulich für die Wirtschaft des größten Landes Südamerikas. So stabilisiert sich der Eisenerzpreis seit Jahresbeginn konstant oberhalb der 70 US-Dollar Marke, was der rohstoffintensiven Exportwirtschaft Brasiliens Auftrieb gibt. Auf der Negativseite haben sich die Anleihespreads zu US-Treasuries deutlich erhöht und notieren mittlerweile im Bereich von 200 Basispunkten. Hier wirkt sich besonders das Downgrade der Ratingagentur Fitch aus, welche Brasilien tiefer in den Non-Investmentgrade-Bereich verschoben hat (von BB auf BB-). Die Analysten betonen insbesondere die Staatsdefizite, die Reformmüdigkeit und das großzügige Pensionssystem, welches eine Verrentung mit 55 Jahren und zu 70 % des letzten Erwerbseinkommens vorsieht, als mittelfristige Belastungsfaktoren auf die Finanzstabilität.

Indiens Stresswerte zeigen sich unverändert zum Vormonat. Die Aktienmarktturbulenzen von Anfang Februar haben auch an den indischen Börsen Spuren hinterlassen. Der Leitindex Sensex brach zeitweise um mehr als fünf Prozent ein, konnte jedoch seine Verluste mittlerweile auf rund drei Prozent reduzieren. Konsequenterweise erlebte auch die Indische Rupie einen Nachfragerückgang. Die robusten Rohstoffpreise für Agrargüter verhinderten doch größere Auswirkungen auf die Stresswerte unseres Risikobarometers. Indes haben führende Investmentbanken ihre Wachstumsprognosen für Indien in 2018 auf 7,0 % angehoben, was Indien zum am stärksten wachsenden Land unter den BRIC-Staaten machen würde.

Die bemerkenswerteste Entwicklung in den Länderstresswerten zeigt Indonesien. Das Länderbarometer stieg im zurückliegenden Monat um mehr als drei Indexpunkte. Ursächlich für den markanten Anstieg war die Ausweitung in den CDS-Spreads des Pazifikstaates. Der Länder-CDS stieg im Februar in der Spitze um 16 Basispunkte auf einen Jahreshöchststand von 95. Die Ausweitung hat sich inzwischen wieder auf acht Basispunkte relativiert. Die Entwicklung verwundert zunächst, denn Ratingagenturen ließen Indonesiens Länderbonität unverändert im Investmentgrade-Bereich und betonten zuletzt den positiven Ausblick. Wir schreiben die CDS-Spreadentwicklung maßgeblich der erhöhten Volatilität zu Monatsbeginn zu, welche internationale Investoren offenbar verstärkt zur CDS-Absicherung ihrer Anleihepositionen veranlasste. Die Börsenturbulenzen der vergangenen Wochen gingen an den indonesischen Aktienmärkten fast spurlos vorbei.

Ein leichter Rückgang zeigt sich in den türkischen Stresswerten. Da der Wallstreet-Kursrutsch nicht auf die Istanbuler Börse überschwappte, blieben die relevanten Kapitalmarktindikatoren im zurückliegenden Monat ohne nennenswerte Veränderungen. Die türkische Lira oder die CDS-Spreads der Türkei notieren auf Vormonatsniveau, auch weil die wesentlichen Fundamentalindikatoren (u.a. die Industrieproduktion) auf einem hohen Level bleiben.

Auch das russische Länderbarometer blieb auf einem stabilen Niveau und konnte einen leichten Rückgang erzielen. Durch die Erholung der Ölpreise konnte Russland in 2017 zum ersten Mal seit drei Jahren wieder ein positives Wirtschaftswachstum erreichen. Nach dem Negativwachstum in 2015 und 2016 machen sich die erfreulichen wirtschaftlichen Entwicklungen auch bei der Bonitätsbeurteilung Russlands bemerkbar. Die Ratingagentur S&P hob das Länderrating in den Investmentgrade-Bereich. Die russischen CDS-Spreads sollten von dieser Entscheidung in den nächsten Monaten profitieren. Am 18. März findet zudem die Präsidentenwahl statt, bei welcher die Wiederwahl Vladimir Putins als ausgemachte Sache gilt.

"Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des "Schwellenländer-Barometer" werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
  • - Brasilien: Bovespa

    - China: Shanghai Composite

    - Indien: Sensex

    - Indonesien: Jakarta Composite

    - Russland: MICEX

    - Türkei: Borsa Istanbul 100

  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe
  • - Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker

    - China: Rohöl (Import)

    - Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)

    - Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl

    - Russland: Rohöl, Erdgas

    - Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex.

Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der "Schwellenländer-Krisenbarometer" Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in "Echtzeit"), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des "Schwellenländer-Barometers" zu berücksichtigen.