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Trump will die heimische Stahlindustrie schützen (© Getty Images)
US-Handelspolitik
07.03.2018

Der US-Präsident Donald Trump hat in der vergangenen Woche Importzölle auf Stahl und Aluminium angekündigt. Überrascht? Dazu besteht kein Anlass. Die Maßnahme reiht sich nahtlos in die bisherige Außenwirtschaftspolitik der aktuellen US-Regierung ein: Aufkündigung des Transpazifischen Handelsabkommens (TPP), Neuverhandlungen des Freihandelsabkommens mit Mexiko und Kanada (Nafta), Einschränkungen der Zuwanderung und der geplante Bau einer Mauer an der Grenzen zwischen den USA und Mexiko. Zuletzt kamen noch Zölle auf Waschmaschinen und Solarpanels dazu. 

Was bedeuten die angekündigten Importzölle auf Stahl und Aluminium für die USA?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das Ergebnis scheint auf den ersten Blick einfach zu sein: Die Wettbewerbsbedingungen für die US-amerikanische Stahl- und Aluminium-Industrie werden sich verbessern, denn die Unternehmen werden in der Lage sein, höhere Preise durchzusetzen, mehr zu investieren und zusätzliche Beschäftigung zu schaffen.

Das klingt gut für die USA.

Dr. Cyrus de la Rubia: Ja, aber diese Analyse greift eben zu kurz. Während sich die betroffene Schwerindustrie über die höheren Preise für Stahl und Aluminium freut, werden die metallverarbeitenden Industrien mit höheren Vorleistungspreisen konfrontiert sein und gegenüber ausländischen Anbietern zurückfallen. Die Autoindustrie wäre beispielsweise betroffen. Per Saldo gehen daher vermutlich Arbeitsplätze verloren, da den rund 300.000 Arbeitsplätzen in der Stahl- und Aluminiumindustrie rund fünf Millionen Arbeitsplätze in Sektoren gegenüberstehen, die Stahl als Vorleistung benötigen. Hierbei bleibt noch unberücksichtigt, dass andere Länder Gegenmaßnahmen ergreifen werden.

Die EU erhebt selbst Zölle auf importierte Waren. Wieso regen sich europäische Politiker überhaupt auf?

Dr. Cyrus de la Rubia: Natürlich ist die EU kein reiner Freihändler. Der durchschnittliche Außenzoll der EU ist sogar etwas höher als der von den USA. In den USA liegt er bislang bei etwa 3 Prozent, in der EU bei etwa 5 Prozent. Und richtig ist auch, dass die EU bei Autoimporten mit einem Zollsatz von 10 Prozent erhebt, während die USA Zollimporte mit 2,5 Prozent belegen.

Was die Zölle und Antidumpingmaßnahmen gegenüber China angeht, so nehmen sich hier die USA und die EU nicht viel. Das Lobbying der US-Stahlindustrie für größere Schutzmaßnahmen ist legendär und es ist kein Zufall, dass Stahlimporte aus China lediglich 2 Prozent der gesamten Stahlimporte der USA ausmachen. Bei Aluminium geht der Anteil gegen Null, hier sind es die Aluminium-Produkte, die eine wichtigere Rolle spielen.

Ist die EU-Aufregung nicht ein übertriebener Reflex?

Dr. Cyrus de la Rubia: Nein, ich denke nicht. Die EU hat stets von der Globalisierung profitiert. Wird diese jetzt zurückgedreht, bedroht dies auch den Wohlstand der Gemeinschaft. Die bisherige Politik der US-Regierung lässt nicht darauf schließen, dass keine weiteren protektionistischen Maßnahmen zu erwarten sind.

Was bedeutet die neue Handelspolitik für Deutschland und die Eurozone?

Dr. Cyrus de la Rubia: Auf den deutschen Stahlsektor bezogen wird die neue Handelspolitik der USA durchaus spürbar sein. Immerhin gehen 20 Prozent der deutschen Stahlexporte in die USA. Dazu kommt, dass die Stahlindustrie regional recht konzentriert ist, nämlich im Ruhrgebiet. Gesamtwirtschaftlich dürfte der direkte Effekt dagegen relativ überschaubar bleiben. Metalle machen nur 4 Prozent der deutschen Exporte aus, in Summe wären weniger als 1 Prozent der deutschen Exporte betroffen. Für die Eurozone stellt sich das ähnlich dar. Hier sind es 16 Prozent der Stahlexporte, die in die USA gehen.

Was bedeutet dies für die Finanzmärkte?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Aktienmärkte in den USA sind unseres Erachtens ohnehin überbewertet. Die Bewertungen sind - gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis auf einem ähnlich hohen Stand wie 1929. Viele Unternehmen wie Boeing, General Electric, die Automobilhersteller und auch Bauunternehmen werden Kostennachteile erleiden, womit ein Teil der positiven Effekte der Steuerreform wieder verpufft. Außerdem kann die Erwartung weiterer protektionistischer Maßnahme die Inflationserwartungen ansteigen und die Angst vor einer rascheren Gangart der Fed bei den Leitzinsveränderungen aufkommen lassen. Auch das würde den Aktienmärkten zusetzen.

Bei den langfristigen Zinsen werden zwei gegenläufige Effekte wirken. Auf der einen Seite dürften höhere Inflationserwartungen zu höheren Renditen führen, auf der anderen Seite bedeutet die mit der neuen Handelspolitik einhergehende Unsicherheit, dass Investoren verstärkt wieder die sicheren Häfen suchen, und das sind traditionell die US-Staatsanleihen.

Sind diese Anleihen tatsächlich sichere Häfen? Immerhin haben die USA mittlerweile eine höhere öffentliche Verschuldung als die Eurozone, sie liegt etwa bei 105 Prozent des BIP.

Dr. Cyrus de la Rubia: Das ist eine berechtigte Frage. Wir sehen viele disruptive Veränderungen. Aber so weit ist es denke ich noch nicht, dass man die USA wie ein Emerging-Market-Land betrachten sollte, das durch Kapitalflucht destabilisiert werden könnte. Das liegt einfach daran, dass die vielen institutionellen Anleger in den USA wie auch im Ausland, in ihren Anlagerichtlinien einen hohen Anteil an Dollar-Anleihen als Anlage vorsehen, womit eine strukturelle Nachfrage nach US-Staatsanleihen praktisch garantiert ist.

Welche Auswirkungen können die protektionistischen Maßnahmen für die Weltwirtschaft haben?

Dr. Cyrus de la Rubia: Der weltweite Aufschwung ist stark. Die USA wachsen mit einem Tempo von 2 bis 3 Prozent, die Eurozone expandiert in einer ähnlichen Größenordnung und China als dritte Lokomotive erhöht sein BIP mit einer Rate von 6 bis 7 Prozent.

Aber das ist keine Garantie für ein unbeschwertes Fortsetzen dieses synchronen Aufschwungs. In den USA ist der Aufschwung bereits achteinhalb Jahre alt. Historisch gesehen ist in den USA ein Aufschwung im Durchschnitt nach guten fünf Jahren zu Ende gegangen. In der Tat sind die Kapazitäten am Arbeitsmarkt auch schon recht gut ausgelastet, die Arbeitslosenrate liegt auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000. In Deutschland sind wir schon im Überhitzungsbereich, der Fachkräftemangel lässt sich mit den Händen greifen und auch die Auslastung der Kapitalstocks liegt deutlich über dem Durchschnitt. Und China hat mit einer Kreditblase zu kämpfen, das zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass der Finanzriese Anbang unter staatliche Aufsicht gestellt wurde.

Was passiert mit dem US-Dollar?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Lehrbuchtheorie besagt, dass sich mit der Anhebung der Zollsätze die Leistungsbilanzsituation der USA bessert und daher weniger Fremdwährung nachgefragt wird, was im Umkehrschluss einen stärkeren Dollar bedeutet. Aber bei dieser Argumentation wird außer Acht gelassen, dass die neue Handelspolitik der USA das Vertrauen in die US-Wirtschaft und damit letztlich in den US-Dollar untergräbt.

Ich rechne zum Jahresende mit einem stärkeren Euro, zumal bei uns das Vertrauen in die Währungsunion mit der Wahl von Präsident Macron in Frankreich wieder zurückkehrt. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt Italien, wo eine stabile Regierung nicht in Sicht ist.

Sollte die EU Gegenmaßnahmen ergreifen?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Situation ist nahezu tragisch. Wehrt man sich, provoziert man einen Handelskrieg, der verbal ja auch schon begonnen wurde. Der amerikanische Präsident hat damit gedroht, im Gegenzug zu Gegenmaßnahmen der EU Autoimporte aus der EU mit einem höheren Zoll zu belegen.

Wehrt man sich nicht, kann das von der US-Regierung als Signal gedeutet werden, dass man den Protektionismus gefahrlos auf andere Sektoren ausweiten kann. Der Schaden für die EU wäre dann noch größer.

Ich fürchte, ein Stillhalten würde von den USA als Schwäche gewertet. Von daher ist es glaube ich richtig, dass die EU plant, auf 25 Produkte Importzölle zu erheben, dazu gehören nicht nur Harley Davidson, Levis Jeans und Jack Daniels beziehungsweise Jim Beam, sondern voraussichtlich auch Agrar- und Stahlprodukte. Gleichzeitig wird man vor der WTO klagen.

Bei einem Handelskrieg gibt es in der Regel keinen Gewinner. Abgesehen davon bleibt festzuhalten: Die EU und China, von denen Gegenmaßnahmen zu erwarten sind, vereinen etwa 35 Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts auf sich. Die USA hat einen Anteil von etwa 17 Prozent.

Was bedeuten die Zölle für die Nafta-Staaten Mexiko und Kanada?

Dr. Cyrus de la Rubia: Wir wissen noch nicht verbindlich, ob die USA bei Kanada und Mexiko, von denen die meisten Stahleinfuhren stammen, von der Regelung ausgenommen werden. Für den Fall, dass das nicht der Fall ist, hat Kanada angeblich schon gedroht, die laufenden Verhandlungen platzen zu lassen. Das wäre vielleicht sogar im Sinne von Donald Trump, der mit dem Ende der Nafta ein weiteres Wahlversprechen einlösen könnte. Ein derartiger Schritt wäre allerdings insbesondere für die Autoindustrie disruptiv, nicht nur in Mexiko, wo die meisten Zulieferer sitzen, sondern auch in den USA. Immerhin sind hier über die letzten 24 Jahre Wertschöpfungsketten aufgebaut worden, die aufwendig neu organisiert werden müssten und in jedem Fall zu höheren Produktionskosten führen würden.

Ein Ende von Nafta beträfe natürlich auch deutsche Unternehmen, die wie BMW, Daimler und VW sowohl in den USA als auch in Mexiko produzieren. Ich glaube, dass ein Nafta-Aus ein enormer Schock für die Weltfinanzmärkte wäre, der einen globalen Abschwung einleiten könnte.