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16.02.2018

„Eine künstliche Überhitzung der US-Wirtschaft wäre der falsche Weg“, meint Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Würden Sie ihren Wagen beschleunigen, wenn Sie bereits 180 km pro Stunde fahren und nicht genau wissen, was hinter der nächsten Kurve auf Sie zukommt? So ähnlich scheint es mit dem Budgetvorschlag der Trump-Administration zu sein, der bedingt durch die Steuerreform einen kräftigen Fiskalstimulus vorsieht. Der kommt konjunkturell gesehen zur Unzeit. Wenn man bereits am Limit produziert, bedarf es keines zusätzlichen staatlichen Impulses. Aber es gibt auch eine andere Argumentationslinie, die unter anderem vom Wirtschaftsmagazin Economist ins Spiel gebracht wird und über die es sich zumindest nachzudenken lohnt. Demnach schafft es nur eine sich überhitzende Wirtschaft, Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen, die sich eigentlich resigniert aus dem Arbeitsleben zurückgezogen hatten.

Zu den Fakten: Die USA wächst seit nunmehr achteinhalb Jahren. Im Zuge dieser langanhaltenden Erholung ist die Arbeitslosenrate von über 10 % auf 4,1 % gefallen. Gemessen an der Schätzung der Fed ist dies niedriger als die so genannte natürliche Arbeitslosenrate, also der Rate, die weder zu einer höheren noch zu einer niedrigeren Teuerungsrate führt. Und in der Tat ist zuletzt die Inflationsrate gestiegen, liegt allerdings in der Kernrate mit 1,8 % immer noch im unbedenklichen Bereich.

Der interessante Punkt ist jedoch der Arbeitsmarkt. Zwar ist die Arbeitslosenrate mit 4,1 % auf einem extrem niedrigen Niveau (das Tief wurde in den vergangenen 40 Jahren zu Beginn des Jahrtausends mit 3,8 % erreicht), jedoch ist der Anteil der 25- bis 55-jährigen, die sich dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben, mit 18,2 % etwa drei Prozentpunkte vom Minimalwert von 1999 entfernt. Je verzweifelter die Arbeitgeber aber neue Kräfte suchen, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch die Menschen erreicht werden, die nach den Erfahrungen des letzten Wirtschaftseinbruchs resigniert aufgegeben hatten. Hinzu kommt: Arbeitgeber, die nicht mehr an Fachkräfte kommen, haben einen Anreiz ihre Mitarbeiter zu schulen und weiter zu qualifizieren. Mit anderen Worten: Läuft eine Wirtschaft heiß, kann dies die Produktivität der Arbeitskräfte dauerhaft erhöhen.

Lohnt es sich daher, die Wirtschaft mit Sondermaßnahmen zu höherem Wachstum anzutreiben? In der Wirtschaftspolitik ist stets abzuwägen. Den möglichen Vorteilen des US-Konjunkturprogramms stehen schwerwiegende Risiken gegenüber. Eine Wirtschaft kann bei überausgelasteten Kapazitäten nicht dauerhaft beschleunigen, sondern wird an der Wachstumsfront über kurz oder lang enttäuschen. Ein plötzlicher Wachstumseinbruch wäre ein gefährlicher Schock für die heute bereits überbewerteten Aktien- und Unternehmensanleihemärkte, was wiederum die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde. Davon wären im Zweifel mehr Menschen betroffen als derzeit möglicherweise von einer gezielten Überhitzung der Wirtschaft profitieren. Hierbei bleibt noch unberücksichtigt, dass die Steuerreform in erster Linie den Menschen in den höchsten Einkommensklassen zugute kommt. Wichtig ist außerdem noch die klassische Überlegung eines Crowding Out. Hiermit ist gemeint, dass der Staat durch seine höhere Verschuldung die Zinsen in die Höhe treibt und dadurch private Investitionen verdrängt, die angesichts höherer Zinsen einen Teil ihrer geplanten Projekte zurückziehen. Schließlich ist in diesem Zusammenhang noch das Risiko einer unkontrollierten öffentlichen Schuldendynamik zu nennen, die angesichts der Demografie ohnehin ein Problem darstellt und den Handlungsspielraum des Staates in der Zukunft stark einengen wird.

Dass Menschen frustriert dem Arbeitsmarkt den Rücken kehren, ist ein gesellschaftliches Problem und muss angegangen werden. Eine makroökonomische Überhitzungsstrategie ist aber der falsche Weg. Vielmehr müssen dafür bildungs- und arbeitsmarktpolitische Instrumente eingesetzt werden. Hier würden die Milliarden, die die US-Administration in Form von Steuersenkungen verteilt, besser eingesetzt sein.