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Unternehmen und Orchester haben einiges gemeinsam, sagt Gernot Schulz (© HSH Nordbank)
Interview mit Gernot Schulz
07.02.2018

Gemeinsame Ziele anstreben, im Team arbeiten, Egoismen hinten anstellen, Vertrauen aufbauen – das Führen von Teams ist komplex und erfordert viel Fingerspitzengefühl. Welche Parallelen und Lernmöglichkeiten es zwischen Unternehmen und Orchester gibt, erläutern der Dirigent Professor Gernot Schulz und Patrick Miljes, Bereichsleiter Unternehmenskunden bei der HSH Nordbank.

Was zeichnet ein gutes Orchester aus?

Professor Gernot Schulz: Ein gutes Orchester zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht – wie man vielleicht meinen könnte – die besten Musikerinnen und Musiker mit den besten technischen Fähigkeiten in seinen Reihen hat, sondern dass die einzelnen Mitglieder aufeinander hören und aufeinander reagieren. Das ist die Basis eines guten Zusammenspiels. Im Fußball heißt es: Nicht die elf besten Einzelspieler sind erfolgreich, sondern die beste Elf. Aus den Individualisten muss ein Team entstehen. Das gilt für Orchester genauso wie für Unternehmen. Wenn Menschen allerdings unter Stress geraten – beispielsweise auf der Bühne oder beim Kunden – neigen sie zum Tunnelblick. Dann achten sie nur noch auf sich. Wer in so einer Situation noch einen Blick für seine Mitspieler hat, ist der perfekte Orchestermusiker beziehungsweise der perfekte Mitarbeiter.

Was können Manager von Dirigenten lernen?

Professor Gernot Schulz: Meine Aufgabe ist es, die Bedingungen für ein optimales orchestriertes Zusammenspiel zu schaffen. Über eine überzeugende Sinngebung muss ich klar machen, welches gemeinsame Ziel wir haben, denn dieses Ziel hat eine große integrative Kraft. Gleichzeitig muss ich ein Gespür dafür entwickeln, wie direktiv ich das Orchester führen muss. Mit all diesen Punkten befassen sich auch Manager. Insofern sind sich Manager und Dirigent ähnlich. Beiden geht es darum, Menschen zu führen und für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Und: Wir wollen das Publikum beziehungsweise die Kunden begeistern.

Im Orchester ist jeder Individualist, aber ohne Teamwork geht es nicht – wie gelingt gute Zusammenarbeit?

Professor Gernot Schulz: Das ist die größte Herausforderung für den Dirigenten. Die Orchester beginnen allerdings schon bei der Auswahl ihrer Mitglieder auf deren Teamfähigkeit zu achten. Wenn eine freie Stelle in einem Orchester zu besetzen ist, finden Probespiele statt, danach stimmt das Orchester ab – bei diesem Casting achtet das Orchester bereits auf die Sensibilität der Bewerberin oder des Bewerbers. Nach der Auswahl gibt es noch ein Probejahr, in dem geprüft wird, ob der gute Individualist auch langfristig bereit ist, sich dem großen Ganzen unterzuordnen. Generell hat ein Orchester starke Selbstreinigungskräfte – die muss der Dirigent aktivieren.

Wie gelingt eine Balance zwischen Disziplin und freier Entfaltung und welche Rolle spielt der Dirigent dabei?

Professor Gernot Schulz: Er spielt natürlich eine wichtige Rolle. Ich empfehle, nach dem Grundsatz zu handeln: So viel wie nötig, so wenig wie möglich eingreifen. Das gibt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Freiheit, die sie brauchen.

„Gemeinsames Ziel verfolgen, Resultate im Blick haben“

Welche Bedeutung hat Teamarbeit für den Erfolg eines Unternehmens, eines Bereichs?

Patrick Miljes: Ein funktionierendes Team ist der entscheidende Erfolgsfaktor für einen Bereich, für ein Unternehmen. Ich glaube an die Vorteile kultureller Unterschiede, an die sogenannte wisdom of the crowds. Wenn die verschiedenen Zahnräder gut ineinandergreifen, hat man größeren Erfolg als wenn jeder für sich allein arbeitet.

Wie erreicht man gute Teamarbeit?

Patrick Miljes: Vertrauen und Verlässlichkeit sind die Basis für eine gute Zusammenarbeit, zusätzlich ist eine gute Konfliktkultur notwendig. Sie brauchen Menschen, die Lust haben, Verantwortung für das große Ganze zu übernehmen, die nicht nur sich selbst optimieren wollen. Wichtig ist, dass alle ein gemeinsames Ziel verfolgen und dabei stets die Resultate im Blick haben.

Welche Rolle spielt dabei die Führungskraft?

Patrick Miljes: Die Führungskraft ist Steuermann und Impulsgeber, sie hat den Kompass in der Hand. Sie entwickelt Ideen und packt bei der Umsetzung an.

Was können Sie von einem Orchester lernen beziehungsweise dem Dirigenten?

Patrick Miljes: An einem Orchester ist faszinierend, dass es sich immer wieder auf neue Situationen einstellt. Damit meine ich nicht nur, dass es verschiedene Stücke aus unterschiedlichen Zeiten mit komplett anderen Tempi aufführt. Es spielt in verschiedenen Räumen, die komplett anders klingen, es kommen Musiker dazu, andere gehen, selbst der Dirigent wechselt. Das Orchester ist eine Organisation, die sich permanent anpassen muss – genau wie ein Unternehmen.

Welche Elemente kann ein Unternehmen beim Thema Teamarbeit von einem Orchester lernen?

Patrick Miljes: Ein Orchester kommuniziert intensiv miteinander, verbal, aber auch non-verbal. Das sollten wir auch im Unternehmen tun. Darüber hinaus übt ein Orchester sehr viel – auch das sollten wir übernehmen. Wir proben unsere Präsentationen und Pitches für Kunden noch nicht im gleichen Maß wie ein Musiker sein Stück übt. Dann schaffen wir exzellente Kundenerlebnisse und erzielen hervorragende Ergebnisse.