SUCHE

Xi Jingping führt die KP Chinas (© Getty Images)
Ausblick 2018
09.01.2018

„Kommt es 2018 zu strukturellen Reformen an den chinesischen Finanzmärkten?“ fragt  HSH-Analyst Marius Schad.

China hat das Jahr 2017 wohl mit einem Wachstum von 6,8 % YoY abgeschlossen. Die Zahl soll Stärke und Prosperität suggerieren, was insbesondere vor dem Hintergrund des Parteitags im Oktober 2017 von der Staatsspitze als wichtig empfunden wurde. Die zukünftigen Problemfelder und Herausforderungen haben die Entscheider in Peking längst erkannt, halten sich mit einem breit angelegten Reformbündel jedoch zurück. Kleine Reformmaßnahmen werden das Jahr 2018 begleiten, maßgeblich im Finanzsektor. Die Verlangsamung des Wachstums des Riesenreiches gilt als ausgemachte Sache. Jedoch kann China auch mit einem Wirtschaftswachstum im Bereich der fünf bis sechs Prozent ein stabilisierender Faktor für die Weltwirtschaft sein, wenn man stärker auf Nachhaltigkeit und ökonomische Vernunft setzt. Chinas Wachstum sollte im Jahr 2018 bei 6,2 % liegen.

Konjunktur: Industrie mit schwächerem Jahresende, Einzelhandel vor Comeback

Chinas Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe befand sich in den letzten Monaten auf dem Rückzug. Der Index notierte im November bei 50,8 Punkten. Der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor gab mit 51,9 Indexpunkten ein etwas freundlicheres Bild ab, liegt aber unter den Werten des ersten Halbjahres. Die harten Konjunkturindikatoren wie Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze haben im Einklang mit den PMI-Einkaufsmanagern in der zweiten Jahreshälfte an Dynamik verloren: Die Industrieproduktion legte im Oktober nur noch mit einer Rate von 6,2 % zu und der Einzelhandel wies im gleichen Monat ein Umsatzwachstum von 10,4 % YoY aus. Im Sommer war der Zuwachs höher ausgefallen. Allerdings könnten sich die Zahlen im November und Dezember noch verbessern. Das Weihnachtsgeschäft und der „Singles-Day“ am 11.11. markierten die Jahreshighlights für Chinas Einzelhändler und es wird hier von deutlichen Steigerungen der Umsätze gegenüber dem Vorjahr berichtet. Der „Singles-Day“ hat sich mittlerweile zum weltweit umsatzstärksten Shopping-Tag entwickelt (Branchenführer Alibaba setzte 2017 mehr als 25 Mrd. US-Dollar am „Singles Day“ um). Da beide Tage nicht in den Turnus der chinesischen Feiertage fallen und daher in der Saisonbereinigung nur schwer zu erfassen sind, ist von erheblicher Umsatzdynamik in den Folgemonaten auszugehen.

Inflation: Steigt die Teuerungsrate in 2018?

Der moderate Aufwärtstrend in Chinas Inflation hat sich in den vergangenen Monaten fortgesetzt. Im November stieg die Teuerungsrate auf 1,7 % YoY und übertraf damit die Analysteneinschätzungen. Besonders die Preisentwicklung für Agrarrohstoffe gilt es in den kommenden Monaten zu beachten. Hatte die Preisentwicklung für Lebensmittel im zurückliegenden Monat noch einen deflationären Effekt auf die Gesamtinflation, ist zu erwarten, dass sich dieser Effekt umkehrt. Dies wird die Verbraucherpreisentwicklung in China antreiben. Andere Komponenten, wie die Energiepreise, werden auf die Gesamtinflation nur in den nächsten Monaten nur einen moderaten Effekt haben.

Politik: Kein Paradigmenwechsel nach dem 19ten Parteikongress der KP

Der alle fünf Jahre stattfindende Parteikongress der Kommunistischen Partei Chinas war das politische Highlight des Jahres 2017. Mit wesentlichen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Weichenstellungen ließen die Delegierten jedoch auf sich warten. Parteiintern wurden Staatspräsident Xi Jinping und Premierminister Li Keqiang in den Führungsgremien der KP bestätigt. Personell setzt Chinas Staatsführung auf Kontinuität und dies womöglich über 2022 hinaus, dem Jahr des nächsten Parteitags. Denn bei der Neubesetzung des Politbüros der Kommunistischen Partei lässt sich kein Nachfolger von Xi erkennen, so dass einige Beobachter eine Fortsetzung der Xi/Li-Administration über 2022 hinaus für möglich halten. Inhaltlich adressierte der Parteikongress durchaus einige wichtige Politikfelder: Umweltschutz, Immobilienhausse und die Unternehmensverschuldung werden als Herausforderungen für 2018 erkannt. Auch bei der jüngsten Sitzung des Politbüros Anfang Dezember standen diese Themen auf der Agenda. Insgesamt sind für die genannten Problemfelder erste Maßnahmen zu erwarten, z.B. Unternehmensfusionen im staatlichen Sektor. Innerhalb des Führungszirkels der Kommunistischen Partei reift langsam die Erkenntnis, dass Wirtschaftswachstum auch von einer qualitativen Seite betrachtet werden muss.

Finanzmärkte: Zehnjährige Renditen auf Mehrjahreshoch, Aktienindizes mit Verlusten

Die Renditen für Chinas zehnjährige Benchmark-Anleihe hat im zurückliegenden Jahr kräftig angezogen, speziell nach dem Parteikongress im Oktober. Ausgehend von einem Renditeniveau von 3,6 % im Mai notieren die chinesischen zehnjährigen Bonds mittlerweile auf einem Renditelevel von fast 4,0 %. Die Marktreaktion auf den Parteitag kann insoweit als Enttäuschung interpretiert werden, da groß angelegte Reformen nicht angekündigt wurden. Chinas führender Aktienindex, der Shanghai Composite, gab nach dem Parteikongress kräftig nach. Die chinesischen Finanzmärkte hatten sich offenbar mehr Reformwillen von der Politik gewünscht, wenngleich der chinesische Aktienmarkt extrem unberechenbar bleibt und nicht unbedingt auf Fundamentaldaten reagiert.

Devisenmarkt: Starker US-Dollar setzt zunehmend CNY und CNH unter Druck

Am Währungsmarkt konnte der Yuan angesichts der enttäuschenden Ergebnisse nicht vom Parteikongress profitieren, sondern bewegte sich seitwärts. Perspektivisch ist für das erste Quartal 2018 von einer leichten Abwertung des Yuans gegenüber den US-Dollar auszugehen. Da der auf dem CFTES-Währungskorb basierende Yuan-Wechselkurs keine großen Bewegungen gezeigt hat, scheint es sich weniger um eine Yuan-Schwäche, sondern eher um eine Dollar-Stärke zu handeln. Die Stabilisierungsmaßnahmen im Finanzsektor (s. unten), der Abbau der Kapitalverkehrskontrollen, die graduelle Liberalisierung des Finanzsektors (z.B. Stock-Connect Hong Kong mit Shanghai) und der Rückgang der Kapitalflucht sind grundsätzlich als bullishe Signale für den Yuan zu interpretieren. Eine Wachstumsverlangsamung in China für 2018, der beginnende Politikfokus auf die Entschuldung der Unternehmen, der Zinspfad der Fed sprechen für einen schwächeren Yuan in 2018 und diese Effekte sollten überwiegen. Wir gehen von einem USD/CNY-Kurs von 6,80 Ende per Ende 2018 aus.

Finanzmärkte: Schattenbankensektor im Visier

Um der hohen Verschuldung im Unternehmenssektor Herr zu werden, hat China seine Anstrengungen zur Regulierung im Finanzsektor zuletzt erhöht. Besonders die Schattenbanken standen dabei im Fokus. Auf den chinesischen Kapitalmärkten vergeben eine Vielzahl von Akteuren Kredite, darunter unregulierte Finanzinstitute außerhalb des Bankensektors. Über sogenannte Wealth Management Products (WMPs), über Marktniveau verzinste Einlagen, sammeln besonders letztere Finanzmittel ein, um diese anschließend als Kredit an Privatpersonen und Unternehmen zu verleihen. Die hohe Kreditnachfrage in China (z.B. Immobiliensektor), Restriktionen bei der Kreditvergabe für Privatpersonen sowie der hohe Verschuldungsgrad in einigen Industriesektoren (z.B. Schwerindustrie) haben WMPs ein rasantes Wachstum beschert. Ihr Gesamtvolumen wird auf fast 30 Billionen Yuan geschätzt (rund 4,5 Billionen US-Dollar). Die Kurzfristigkeit dieser Kredite, ihre intransparente Vergabepraxis, die Off-Balancing-Praxis der Finanzinstitute, die Bilanzierung anhand von „erwarteten Gewinnen“ (kein Fair-Value) sowie das implizierte Garantieversprechen durch die Schattenbanken machen WMPs zu einer hochrisikanten Anlageform für Investoren und zum Bedrohungsfaktor für die Stabilität des Finanzsektors. Dies haben die PBoC sowie die Regulierungsbehörden erkannt und im November weitgehende Regulierungsmaßnahmen implementiert. Auf das Kreditangebot und die Kreditvergabe sollten die neuen Maßnahmen einen dämpfenden Einfluss haben. Insgesamt werden durch das Reformpaket wesentliche Finanzmarktrisiken abgeschwächt. Jedoch geht eine rigidere Vergabepraxis im Kreditgeschäft gesamtwirtschaftlich auch mit geringeren Wachstumsimpulsen bei Chinas Anlageinvestitionen einher.