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17.01.2018

Der demographische Übergang stellt für alternde Volkswirtschaften ein gravierendes ökonomisches Problem dar, sagt Professor Henning Vöpel, Direktor am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut HWWI.

© HWWI

Deutsche Unternehmen beklagen zunehmend einen Fachkräftemangel. Wie wirkt sich dieser auf das Wachstum in Deutschland aus?

Viele Unternehmen erhöhen gerade wegen der sehr guten Auftragslage ihre Investitionen und weiten ihre Kapazitäten aus. Dadurch steigt auch der Fachkräftebedarf. In einigen Branchen macht sich der Fachkräftemangel schon stark bemerkbar und bremst das Wachstum. Auch das Thema Unternehmensnachfolge muss in diesem Zusammenhang genannt werden. Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist nahe Vollbeschäftigung. Er gibt nicht mehr allzu viel an Fachkräften her. Darunter leidet zuerst der für die deutsche Volkswirtschaft so wichtige Mittelstand, der nicht so leicht wie größere Unternehmen internationale Fachkräfte anlocken kann.

Kurz gesagt: Weniger Wachstum, weil es an Arbeitskräften fehlt?

Momentan ist das auch ein konjunkturelles Phänomen. Die Nachfrage nach Fachkräften ist zurzeit sehr hoch. Entscheidend ist, wie sich der demographisch bedingte, also strukturelle Rückgang an Fachkräften auf das mittelfristige Wachstumspotenzial auswirkt. Es ist schon heute sicher, dass der technische Fortschritt und die Innovationsfähigkeit der entscheidende Hebel für Wachstum und Wohlstand sein müssen.

Ist der Fachkräftemangel ein deutsches Problem oder gibt es den auch in anderen Ländern?

Demographisch gibt es das Problem auch in anderen Ländern, in den alternden Gesellschaften. Konjunkturell ist das Thema aber heute in Deutschland besonders relevant. In Spanien, Italien und anderen europäischen Ländern ist die Arbeitslosigkeit krisenbedingt immer noch hoch, so dass hier der Fachkräftemangel keine akute Begrenzung des Wachstums bedeutet.

Schon heute arbeiten beispielsweise auf dem Bau viele ausländische Arbeitskräfte. Ist eine gezielte Zuwanderung beziehungsweise Anwerbung von Arbeitskräften eine Lösung?

Der demographische Übergang stellt für alternde Volkswirtschaften ein gravierendes ökonomisches Problem dar. Denn er wirkt sich ja nicht nur auf das Angebot an Fachkräften aus, sondern zudem auf die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme und noch etwas weiter gefasst auf die Innovationsfähigkeit einer Gesellschaft aus. Alternde Gesellschaften sind in der Tendenz eher besitzstandwahrend und weniger veränderungsbereit. Insoweit kann qualifizierte Zuwanderung über ein steuerndes Einwanderungsgesetz den demographischen Übergang zumindest lindern. Man darf aber nicht vergessen, dass wir innerhalb der Europäischen Union bereits Freizügigkeit der Arbeitnehmer und der Dienstleistungen haben. Beides sehen wir ja in der Tat sehr gut in der Bauwirtschaft.

In den nächsten zehn Jahren gehen viele geburtenstarke Jahrgänge in Rente. Verschärft sich der Fachkräftemangel in Deutschland dann weiter?

Ja, der demographische Wandel wird erst allmählich spürbar und wird um das Jahr 2030 herum seinen Höhepunkt erreichen. Er wird jedoch durch drei Entwicklungen strukturell zumindest etwas gebremst: Die Geburtenrate zieht an, die Erwerbsquoten von Frauen und Älteren steigen und die Digitalisierung automatisiert viele mechanische Prozesse und zunehmend auch kognitive Tätigkeiten, wodurch traditionelle Arbeitsplätze ersetzt werden. Wir müssen davon ausgehen, dass der demographische Wandel gerade auch in Kombination mit der Digitalisierung enorme Anstrengungen und neue Instrumente in den Bereichen Bildung, Qualifizierung und Sozialpolitik erfordern werden.

Was können die Unternehmen und Politik gegen den Fachkräftemangel tun?

Unternehmen werden nicht auf die Politik warten können. Die Weiterqualifizierung von Arbeitnehmern wird eine zentrale Aufgabe von Unternehmen werden – und zwar nicht als gesellschaftliche Aufgabe, sondern schon aus Eigeninteresse heraus. Das Angebot zur betrieblichen Weiterbildung wird gerade für die jüngeren Generationen ein wichtiges Argument bei der Fachkräftesuche sein. Aber natürlich muss auch die Politik dringend reagieren, eigentlich ist sie schon zu spät dran: Und zwar mit Reformen in der Bildung, mit der gezielten Integration von Menschen in die Erwerbstätigkeit, durch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexiblere Arbeitszeiten oder Lebensarbeitszeitmodelle. Ein weiterer Ansatzpunkt ist aber auch die Einführung eines modernen Einwanderungsgesetzes mit Steuerungskriterien für qualifizierte Zuwanderung.

Fachkräftemangel aus Sicht von Personalverantwortlichen in Deutschland 2016 (© statista)

Besonders gesucht sind derzeit Handwerker. Weshalb haben Jugendliche keine Lust mehr, Schreiner, Klempner oder Maurer zu lernen?

Zum Teil gibt es sicherlich ein Imageproblem des Handwerksberufs. Zu Unrecht allerdings, denn Handwerksberufe sind heute sehr anspruchsvolle, interessante und innovative Tätigkeiten. Das Handwerk ist viel dichter dran als andere Branchen, Assistenzsysteme und Roboter-Mensch-Interaktionen einzuführen. Es gibt also viele Gründe, sich für das Handwerk zu interessieren.

Rächt es sich nun, dass inzwischen sehr viele Schüler Abitur machen und lieber akademische Berufe ergreifen?

Ein wenig ja. Man hat immer gesagt, Deutschland brauche eine höhere Akademikerquote. Das war insofern von Anfang an falsch, als die Vergleichsstatistiken zu anderen Ländern irreführend waren. Denn bei uns gilt als Ausbildungsberuf, was in anderen Ländern ein Studiengang ist. Im Gegenteil: Unsere duale Ausbildung ist ein sehr wertvolles Instrument, den Übergang von der Ausbildung in die Berufe besser zu organisieren und darüber hinaus auch in Zukunft Weiterbildungsangebote besser in dieses System zu integrieren. Auch Ausbildungsberufe sind heute in dem Sinne akademischer geworden, als sie viel technologischer und wissensbasierter geworden sind. Vor diesem Hintergrund ist es an der Zeit, umzudenken. Gerade die Digitalisierung wird eine stärkere Öffnung der Bildungs- und universitären Einrichtungen zur Praxis erfordern.

Bis vor einigen Jahren war Arbeitslosigkeit ein großes Problem, nun hat sich das Blatt komplett gewendet. Wie ist es dazu gekommen?

Tatsächlich hat sich das Blatt sehr schnell gedreht. Zu Beginn der 2000er Jahre war der Arbeitsmarkt ein riesiges Problem in Deutschland. In Teilen hat sicher die Agenda 2010 durch Reformen der Arbeitsmarkt- und der Sozialpolitik dazu beigeragen. Aber man darf die Reformen auch nicht überbewerten. Die Unternehmen haben in dieser Zeit enorm viel zur Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit getan, wodurch sich die Arbeitslosigkeit verringert hat. Nun sorgt seit einigen Jahren der konjunkturelle Boom für einen überraschend lange anhaltenden Beschäftigungsaufbau. Hier dürfen wir nicht vergessen, dass der Konjunkturboom durch Sonderfaktoren getragen wird, etwa durch die sehr niedrigen Zinsen und dem vergleichsweise schwachen Euro. Die gute Konjunktur darf nicht über die weiter bestehenden strukturellen Herausforderungen auch am Arbeitsmarkt hinwegtäuschen.