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Der DAX hat ein Jahr mit neuen Rekordständen hinter sich. (© dpa)
Ausblick 2018
13.12.2017

Die Wahl von Donald Trump, die Brexit-Verhandlungen, der Streit über die Unabhängigkeit von Katalonien, steigende Ölpreise – Gründe für wirtschaftliche Erschütterungen gab es 2017 genug. Dennoch boomen die Börsen, die Wachstumsraten sind hoch – weshalb? Antworten von Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank.

Dr. Cyrus de la Rubia: Ja, es stimmt, die Politik hat einige Überraschungen bereit gehalten. Aber nach einer relativ langen konjunkturellen Durststrecke im Zuge der Finanzmarkt- und der Eurokrise erleben wir im natürlichen Konjunkturzyklus eine sehr positive Phase. Aufgeschobene Investitionen und Güterkäufe werden nachgeholt: Die Produktionsmaschine ist veraltet, das Auto funktioniert nicht mehr, das Sofa ist durchgesessen. Dazu kam 2017 ein starkes Wachstum in China, das macht sich in der Weltwirtschaft ebenfalls bemerkbar.

Dennoch scheint es so, als ob politische Entwicklungen ihre Bedeutung für die Ökonomie verloren haben?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das war 2017 so. Das heißt aber nicht, dass es künftig so sein wird. Es gibt politische Entwicklungen, deren Folgen man erst in mehreren Jahren bemerken wird, beispielsweise die protektionistischen Aktionen von Donald Trump, die andere Länder dazu verleiten könnten, ähnlich zu agieren. Dadurch kann das wirtschaftliche Wachstumspotenzial der Welt sinken. Auch der Brexit könnte tiefgreifende Folgen haben – wenn es innerhalb von zwei Jahren kein Ergebnis gibt, muss der Handel zwischen Großbritannien und der EU neu definiert werden.

Noch beeinträchtigt die Präsidentschaft von Donald Trump die wirtschaftliche Entwicklung in den USA nicht negativ, im Gegenteil: Die Börse boomt. Sehen die Europäer Trump zu skeptisch?

Dr. Cyrus de la Rubia: Richtig ist, dass sich der Welthandel gut entwickelt hat. Wir hatten 2017 mit etwa 4,5 Prozent die höchste Steigerungsrate seit 2011. Das ist sehr ordentlich – dennoch müssen wir vor disruptiven Aktionen auf der Hut sein. Mit dem Einwanderungsgesetz hat Trump bereits disruptiv gehandelt, seine Entscheidung betrifft viele Arbeitskräfte aus dem Silicon Valley. Aktuell wird das Nafta-Freihandelsabkommen neu verhandelt, das seit über 20 Jahren zwischen Mexiko, den USA und Kanada besteht. Wenn Trump das aufkündigt, werden tiefe Wertschöpfungsketten unterbrochen. Mittlerweile ist die fünfte Verhandlungsrunde vorbei, eine Einigung ist nicht in Sicht. Das Damokles-Schwert des Protektionismus schwebt immer noch über der Wirtschaft.

Was ist mit den europäischen Patienten Spanien und Italien. Sind die auf dem Weg der Besserung?

Dr. Cyrus de la Rubia: Spanien hat viel mit der Katalonien-Frage zu tun. Ökonomisch steht das Land gut da, das Wachstum lag bei über drei Prozent. In Italien ist die Lage nicht ganz so positiv. Der von Matteo Renzi angestoßene Reformprozess ist nach seiner Abwahl zum Erliegen gekommen. Auch wenn es ein leichtes Wachstum gibt, so sind in Italien doch noch viele Reformen notwendig.

Was ist mit Frankreich?

Dr. Cyrus de la Rubia: Dort ist Präsident Emmanuel Macron angetreten, um das Land zu reformieren – dabei kommt er gut voran. Er bewegt viel, bei den Unternehmern herrscht Optimismus, es geht klar aufwärts.

Alles in allem klingt das nach guten Voraussetzungen für weiteres Wachstum im Jahr 2018.

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Aussichten sind in der Tat weiterhin gut. Der Aufschwung ist breit aufgestellt: in der Eurozone, in den USA, in China – überall expandiert die Wirtschaft. Gerade in Deutschland sind die Aussichten sehr gut. Das Wachstum beträgt 2017 etwa 2,5 Prozent, im nächsten Jahr sollten es 2,3 Prozent werden. Derzeit können wir in Deutschland von einem Boom sprechen, wir befinden uns in vielen Bereichen jenseits der Auslastungsgrenze, es herrscht Fachkräftemangel. Manche Unternehmen überlegen sich: Wenn ich diese Maschine kaufe, habe ich dann überhaupt genug Leute, um sie zu bedienen? Finde ich Mitarbeiter, um die Aufträge, die ich annehmen könnte, auch abzuarbeiten? Diese Knappheit hemmt das Wachstum.

Welche Risiken gibt es für die Weltwirtschaft 2018?

Dr. Cyrus de la Rubia: So ein positiver Konjunkturzyklus läuft nicht ewig, irgendwann erlahmt er. Auch eine mögliche Überhitzung an den Finanzmärkten stellt ein gewisses Risiko dar. Dazu kommen die geopolitischen Risiken beispielsweise im Nahen Osten und in Nordkorea.

Was ist mit den geplanten Zinsanhebungen der amerikanischen Zentralbank?

Dr. Cyrus de la Rubia: Wir bewegen uns immer noch auf einem sehr niedrigen Zinsniveau. Selbst nach den wahrscheinlichen Anhebungen werden wir in den USA Ende 2018 nur bei etwa zwei Prozent liegen. Bei einer gut laufenden Wirtschaft ist das kein Hemmschuh.

Wird die EZB auf die Zinsanhebungen in den USA ebenfalls mit Zinserhöhungen reagieren?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das glaube ich nicht, deshalb wird die Zinsdifferenz zwischen den USA und der Eurozone wachsen. Das kommt nicht überraschend, weshalb ich auch keine großen Auswirkungen auf das Wechselkursverhältnis zwischen dem Euro und dem Dollar erwarte. Wenn die Initiative von Emmanuel Macron, Europa zu stärken, von anderen Ländern unterstützt wird, spricht das sogar eher für einen festeren Euro. Wir sehen die Gemeinschaftswährung zum Jahresende 2018 bei etwa 1,20 US-Dollar.

China ist eine der Lokomotiven der Weltwirtschaft. Aber die Verschuldung steigt weiter an, die Immobilienpreise in einigen Metropolen wie Shanghai steigen stark – das sind Anzeichen einer Spekulationsblase. Droht diese zu platzen?

Dr. Cyrus de la Rubia: Der Verschuldungsgrad der Unternehmen liegt bei 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist im Vergleich zu anderen Schwellenländern sehr hoch und könnte zu Problemen führen. Allerdings sind in China alle großen Banken staatlich kontrolliert, eine Kapitalmarktkrise kann deshalb schnell durch die Regierung eingedämmt werden. Das kann ganz diskret geschehen, indem Kredite einfach verlängert werden. Da es kaum global gehandelte Renminbi-Anleihen gibt, ist die Ansteckungsgefahr für das internationale Finanzsystem nicht sehr groß.

In diesem Jahr hat die Kryptowährung Bitcoin ihren Wert vervielfacht – ist damit die Macht der Zentralbanken über das Geld gebrochen?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Schnelligkeit, mit der sich diese Blase entwickelt, ist historisch. Ich glaube aber nicht, dass die Menschen wollen, dass ihr Geld völlig unreguliert ist. Staaten können das auch nicht wollen. Da die Transaktionen mit Bitcoin anonym sind, können Steuern hinterzogen werden, Kriminelle haben viele Möglichkeiten, Geld zu kassieren und zu transferieren. Dennoch: Kryptowährungen haben eine Zukunft und die Notenbanken werden über kurz oder lang versuchen, diese mitzugestalten.