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Ende November erhöhte die Ratingagentur Moody’s ihr Länderrating für Indien auf Baa2. (©Getty Images)
Schwellenländer-Barometer

Schwellenländer-vor robustem Start in das Jahr 2018

15.12.2017

Nach einer dynamischen Wirtschaftsentwicklung in 2017 dürften sich die Wachstumsaussichten für die Schwellenländer weiter zunehmen.

Die Schwellenländer gehen mit einer stabilen Wirtschaftsentwicklung aus dem Jahr 2017. Erschienen die Wachstumsaussichten zum Beginn des Jahres aufgrund der ungewissen Zukunft des Welthandels noch ungewiss, haben sich diese Befürchtungen im Jahresverlauf nicht bestätigt. Insgesamt prognostiziert der IWF für diese Ländergruppe ein Wirtschaftswachstum auf 4,6 % in 2017 und zeigt sich auch für das Folgejahr optimistisch. In 2018 wird die Weltkonjunktur weiter durch das prognostizierte Schwellenländer-Wirtschaftswachstum von 4,9 % angetrieben. Diese makroökonomische Zuversicht spiegelt sich ebenfalls in unserem Schwellenländer-Barometer wider. Der Gesamtindex notiert zum Beginn Dezember mit 38,6 Punkten nahezu unverändert zum Vormonat und signalisiert weiterhin Stabilität. Derzeit sind geringe Kapitalmarktrisiken für Schwellenländer eingepreist. Sollten die entwickelten Volkswirtschaften bei ihrer geldpolitischen Wende behutsam vorgehen und geopolitische Eskalationen ausbleiben, dürften die Emerging Markets vor einem robusten Jahr 2018 stehen.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“-Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, in dem die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Kaum Veränderungen signalisiert das Schwellenländer-Barometer für Brasilien. Unser Länderindex für das größte Land Südamerikas notiert nahezu unverändert zum Vormonat bei 34,8 Indexpunkten. Die Erholung der Eisenerzpreise auf ein Niveau von über 70 US-Dollar wurde dabei in unserer Länderbewertung von Kursverlusten an der brasilianische Aktienbörse Bovespa fast vollständig aufgewogen. Andere Kapitalmarktindikatoren wie der brasilianische Real oder die Anleihespreads zu US-Treasuries blieben im zurückliegenden Monat ohne Veränderungen.

Indiens Länderbarometer hat sich im zurückliegenden Monat leicht erhöht. Der gegenwärtige Indexstand von 48,6 signalisiert jedoch weiterhin Stabilität. Ende November erhöhte die Ratingagentur Moody’s ihr Länderrating für Indien auf Baa2. Das Upgrade gab den lokalen Aktienmärkten und der Indischen Rupie starken Zulauf. Zudem senkte die Ratingentscheidung die Spreads zu US-Treasuries um fast zwanzig Basispunkte. Allerdings waren diese Entwicklungen nicht von langer Dauer, denn die Marktteilnehmer nutzten die Gelegenheit zu Gewinnmitnahmen. Insgesamt steht Indien vor einer Beschleunigung der Wachstumsdynamik. Für 2018 prognostiziert die UN ein BIP-Wachstum von 7,2 %.

Positive Wachstumszahlen kamen zuletzt auch aus der Türkei. Das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal 2017 betrug 11,1 % im Vergleich zum Vorjahr. Hier kommt ein Sondereffekt zum Tragen, denn im dritten Quartal 2016 schrumpfte das BIP der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 um 0,8 %. Die wirtschaftliche Erholung spiegelt sich noch nicht in dem Länderindex der Türkei wider. Die Stresswerte der Türkei notieren zum Vormonat nahezu unverändert.

Einen leichten Rückgang der Stresswerte konnte Indonesien verzeichnen. Stabile Exportpreise für Öl und Kohle im November sowie ein Rückgang der CDS-Spreads waren im November zu beobachten. Der Inselstaat hat hinsichtlich seiner staatlichen Strukturen erheblichen Aufholbedarf. Das Steueraufkommen Indonesiens liegt gemessen am BIP mit 14,3 % weit unter dem anderer Emerging Markets (z.B. Indien 22,4 %). Langfristig sollten Reformen nicht nur die Effektivität der staatlichen Strukturen erhöhen, sondern auch das Budgetdefizit Indonesiens verringern.

Russlands Stresswerte befinden sich weiter auf dem Rückzug. Von der Erholung der Ölpreise (seit Mitte 2017 stiegen die Ölpreise um fast 30 %) profitiert unser Länderindex und die russische Exportwirtschaft. Exemplarisch konnte der staatliche Ölförderer Rosneft einen Gewinnsprung im dritten Quartal von 80 % verzeichnen. In 2018 erwartet der IWF ein Wirtschaftswachstum von 1,6 %. Mit diesem positiven Wirtschaftsausblick im Rücken hat Präsident Vladimir Putin jüngst seine Kandidatur für eine weitere Amtszeit verkündet.

Die Stresswerte für China erhöhten sich zum Vormonat leicht. In unserem Länderbarometer wirkten sich besonders die Kursverluste auf der Shanghaier Börse aus. Im stark von Finanzunternehmen dominierten Index geriet die Verschuldungssituation Chinas in den Fokus. Die Finanzbehörden in China betonten zuletzt die Verschuldungssituation in vielen staatlichen Unternehmen und wollen der Finanzstabilität mehr Bedeutung einräumen. Die Neukreditvergabe soll in Zukunft verstärkt an qualitativen Faktoren orientiert werden. Da das Wirtschaftsmodell Chinas sich noch stark auf kreditfinanzierte Anlageinvestitionen stützt, erscheint ein Abbau der gesamtwirtschaftlichen Verschuldung ohne eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums derzeit nicht vorstellbar. Eine restriktivere Kreditvergabe würde in der kurzen Frist das Wirtschaftswachstum schmälern und auch die länderspezifischen Stresswerte Chinas ansteigen lassen. Langfristig sollte die Finanzstabilität der Volksrepublik jedoch hiervon profitieren.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

·       CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle),Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen

·       Haupt-Aktienindizes

o   Brasilien: Bovespa

o   China: Shanghai Composite

o   Indien: Sensex

o   Indonesien: Jakarta Composite

o   Russland: MICEX

o   Türkei: Borsa Istanbul 100

·       Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar

·       Wichtigste Rohstoffe

o   Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker

o   China: Rohöl (Import)

o   Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)

o   Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl

o   Russland: Rohöl, Erdgas

o   Türkei: Rohöl (Import)

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.