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Der Konjunkturmotor in Deutschland läuft auf Hochtouren (© GettyImages)
Ausblick 2018
22.12.2017

Für viele Marktbeobachter überraschend hat sich der Aufschwung in Deutschland mit unvermindert hoher Dynamik auch in der zweiten Jahreshälfte 2017 fortgesetzt. Auch 2018 dürfte sich das hohe Wachstum in Deutschland fortsetzen.

Die Bedingungen für eine Fortsetzung der hohen Wachstumsdynamik in Deutschland sind insgesamt sehr gut. Der Arbeitsmarkt präsentiert sich in ausgezeichneter Verfassung, was zusammen mit den günstigen Einkommensperspektiven den Privaten Konsum weiterhin zu einem Wachstumstreiber machen sollte. Die Investitionen profitieren von der Niedrigzinspolitik der EZB. Darüber hinaus wächst das Vertrauen der Unternehmen in die Nachhaltigkeit des Aufschwunges, was die Ausrüstungsinvestitionen erhöht. Zudem ist erstmals wieder ein synchroner Aufschwung der Weltkonjunktur zu beobachten, was den deutschen Außenhandel profitieren lässt. Dem steht gegenüber, dass die starke Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar zeitverzögert leichte Bremsspuren in der Exportwirtschaft hinterlassen dürfte. Die langwierige Regierungsbildung in Deutschland sollte etwas für Unruhe sorgen, jedoch keine nachhaltigen Spuren hinterlassen. Unter dem Strich sprechen alle Faktoren für eine Fortsetzung des Aufschwungs. Das Schlussquartal 2017 dürfte im Vergleich zum Vorquartal nur eine leicht niedrigere Wachstumsrate ausweisen, so dass das Wachstum für das Gesamtjahr 2017 bei 2,20 % liegen sollte. Kalenderbereinigt könnte sogar ein Wachstum von 2,50 % zu Buche stehen. Auch 2018 dürfte sich das hohe Wachstum fortsetzen, weshalb wir von einer Wachstumsrate von 2,30 % ausgehen.

Überraschend starkes Wachstum im dritten Quartal

Für viele Marktbeobachter überraschend hat sich der Aufschwung in Deutschland mit unvermindert hoher Dynamik auch in der zweiten Jahreshälfte 2017 fortgesetzt. Nach den veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes ist das BIP im dritten Quartal – preis-, saison- und kalenderbereinigt – um 0,8 % gegenüber dem Vorquartal gestiegen. Die Zahlen für das erste und zweite Quartal wurden sogar mit 0,9 % bzw. 0,6 % leicht nach oben angehoben. Positive Impulse für das BIP im dritten Quartal kamen vom Handel mit dem Ausland. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen erhöhten sich im Vergleich zum Vorquartal um 1,7 %. Die Importe legten ebenfalls zu, nahmen mit 0,9 % jedoch weniger stark zu als die Exporte.

Dadurch hatte der Außenbeitrag – also die Differenz von Exporten und Importen – einen positiven Wachstumsbeitrag für das BIP. Wachstumstreiber waren auch die Investitionen, wobei erfreulicherweise insbesondere die Ausrüstungsinvestitio- nen mit 1,5 % gestiegen sind, während die Bauinvestitionen mit -0,4 % leicht rückläufig waren. Unerwartet kamen vom Kon- sum – anders als noch in den Vorquartalen – keine positiven Impulse für das Wachstum. Sowohl die privaten als auch die staatlichen Konsumausgaben sind minimal zurückgegangen und blieben damit in etwa auf dem Niveau des zweiten Quartals. Damit basierte das starke Wachstum im Gegensatz zum Vorquartal zur Hälfte auf dem sich dynamisch entwickelnden Au- ßenhandel.

Frühindikatoren auf Rekordjagd

Das hohe Tempo des Aufschwungs konnte also auch im dritten Quartal 2017 beibehalten werden. Spannend ist nun natürlich die Frage, ob sich diese Wachstumsgeschwindigkeit noch eine Weile fortsetzt oder ob mit einer Wachstumsverlangsamung in den kommenden Monaten gerechnet werden muss. Die bereits für das Schlussquartal 2017 veröffentlichten Frühindikatoren deuten auf einen anhaltenden Konjunkturaufschwung hin. Der wichtige Ifo-Geschäftsklimaindex ist in den vergangenen Monaten von einem Rekordhoch zum nächsten geeilt, mit leicht nachgebenden Werten im August und September. Im November hat der Index ein neues Allzeithoch bei 117,5 Punkten markiert, wobei der Teilindex für die Geschäftserwartungen den zweiten Monat in Folge gestiegen ist. Der zweite Teilindex – die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage – ist im November zurückgegangen, nachdem er allerdings zuvor ebenfalls ein Rekordhoch nach dem anderen eingenommen hatte. Das äußerst hohe Niveau des Ifo-Geschäftsklimaindexes deutet auf eine Hochkonjunktur in Deutschland hin. Auch im Verarbeitenden Gewerbe erreichte das Geschäftsklima ein neues Rekordhoch: Treiber dieser Entwicklung waren die deutlich optimistischeren Erwartungen. Im Großhandel stieg der Index ebenfalls, hingegen sind die Indizes im Einzelhandel und im Bauhauptgewerbe gesunken.

Die Einkaufsmanagerindizes (Markit) für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor weisen mit ihren Niveaus in dieselbe Richtung: Der Konjunkturmotor in Deutschland läuft auf Hochtouren. Beide Indizes sind seit dem Sommer per saldo angestiegen und haben sich damit von der Expansionsschwelle (50 Punkte), ab der Wachstum signalisiert wird, weiter entfernt. Der Index für den Dienstleistungssektor liegt im November bei 54,3 Punkten, während der für das verarbeitende Gewerbe mit 62,5 Punkten noch einmal deutlich höher steht, ein neues Allzeithoch erreicht hat und damit auf eine exzellente Verfassung hindeutet. Und die Konsumentenstimmung ist angesichts der sehr guten Arbeitsmarktverfassung – die Arbeitslosenquote lag zuletzt auf niedrigen 5,6 % – ebenfalls ausgezeichnet. Das GfK-Konsumklima verharrt im Dezember zwar auf 10,7 Punkten, ist damit aber nicht weit entfernt von seinem Allzeithoch.

Prall gefüllte Auftragsbücher

Doch nicht nur die Frühindikatoren weisen auf eine anhaltend hohe Wachstumsdynamik im Schlussquartal 2017 hin. Die äußerst erfreuliche Lage in der Industrie ¬– im dritten Quartal stieg die Industrieproduktion gegenüber dem Vorquartal mit 1,75 % spürbar – wird untermauert durch hohe Auftragseingänge. So erhöhten sich die Aufträge im Oktober im Vergleich zum Vormonat um 0,5 %, nach rasanten Zuwächsen von 1,2 % und 4,1 % in den vorherigen Monaten. Die gut gefüllten Auftragsbücher sprechen für ein kräftiges Wachstum in der Industrie auch in den kommenden Monaten. Die Baukonjunktur hat eine Verschnaufpause eingelegt. Nachdem die Bauproduktion im ersten Halbjahr sehr kräftig ausgeweitet worden war, sank die Aktivität im dritten Quartal. Jetzt allerdings von einem Ende des derzeitigen Baubooms auszugehen, wäre verfrüht. Denn dagegen spricht die große Reichweite der Auftragsbestände, die so hoch ist wie zuletzt Ende der 1990er Jahre.

Der Aufschwung steht auf breiten Füßen

Der Aufschwung in Deutschland ist breit angelegt, d.h. viele Faktoren tragen zu der hohen Wachstumsgeschwindigkeit bei. Dies ist ermutigend und stärkt das Vertrauen in die Nachhaltigkeit des Aufschwunges. Zudem präsentieren sich viele Bereiche in einem so robusten Zustand, dass sie auch zukünftig zu den Wachstumstreibern zählen dürften. Zwar war der Private Konsum im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal leicht rückläufig, doch zuvor hatte er stets spürbar zum Wachstum beigetragen. Angesichts der sehr guten Situation auf dem Arbeitsmarkt – die Beschäftigung erhöhte sich in den Sommermonaten noch einmal kräftig, die Arbeitslosigkeit verringerte sich von ihrem niedrigen Stand aus weiter und die Unternehmen meldeten noch mehr offene Stellen – sowie der günstigen Einkommensperspektiven dürfte der Private Konsum in den kommenden Quartalen die Wirtschaftsleistung wieder maßgeblich positiv beeinflussen. Die Lohnentwicklung ist bislang moderat geblieben, zukünftige Engpässe am Arbeitsmarkt sprechen jedoch für steigende Löhne. Zudem sollte sich mit den haussierenden Aktienmärkten zunehmend ein Vermögenseffekt bei den Privaten Haushalten einstellen, der sich im Privaten Konsum widerspiegeln dürfte.

Die gesamten Investitionen sind im dritten Vierteljahr mit 0,4 % wesentlich weniger stark gestiegen als in der ersten Jahreshälfte. Dasselbe gilt für die Ausrüstungsinvestitionen, die mit 1,5 % zwar zulegten, aber mit geringerer Geschwindigkeit. Die Bauinvestitionen sind im Gegensatz zu den Vorquartalen sogar gesunken. Für die kommenden Quartale gehen wir jedoch davon aus, dass die Investitionen erneut zu einer größeren Stütze des Wachstums werden könnten. Denn das Vertrauen der Unternehmen in eine Fortsetzung des Aufschwunges ist vorhanden und dürfte die Ausrüstungsinvestitionen anschieben. Der Expansionspfad der Bauinvestitionen könnte sich in der nächsten Zeit abflachen, denn die Kapazitätsgrenze ist mit Blick auf die Geräteauslastung und einem sich allmählich auswirkenden Arbeitskräftemangel wohl weitgehend erreicht. Von einem Ende des Baubooms ist jedoch nicht zu sprechen. Dafür ist sowohl die aktuelle Bauproduktion als auch die Reichweite der Auftragsbestände zu hoch. Zudem wird die Bauwirtschaft weiterhin von der Niedrigzinspolitik der EZB sowie den günstigen Kreditvergabebedingungen unterstützt.

Auch für den Außenhandel sind die Bedingungen äußerst vorteilhaft. Erstmals seit der Finanzmarktkrise 2008/2009 ist ein synchroner Aufschwung der Weltkonjunktur zu beobachten. Das ist positiv für die deutsche Wirtschaft zu bewerten. Allerdings könnte insbesondere die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar sich zeitverzögert in Bremsspuren bei der Exportwirtschaft niederschlagen.

2018: Voraussetzungen für Fortsetzung des Aufschwunges sind sehr gut

Die Bedingungen für eine Fortsetzung der hohen Wachstumsdynamik in Deutschland sind insgesamt sehr gut. Der Arbeitsmarkt präsentiert sich in ausgezeichneter Verfassung, was zusammen mit den günstigen Einkommensperspektiven den Privaten Konsum weiterhin zu einem Wachstumstreiber machen sollte. Die Investitionen profitieren von der Niedrigzinspolitik der EZB, die ihre Anleihekäufe – wenn auch mit verringertem Volumen – zunächst weiter fortführen wird und damit das aktuell niedrige Zinsumfeld weitgehend für 2018 fortschreibt. Darüber hinaus wächst das Vertrauen der Unternehmen in die Nachhaltigkeit des Aufschwunges, was die Ausrüstungsinvestitionen erhöht. Zudem ist erstmals wieder ein synchroner Aufschwung der Weltkonjunktur zu beobachten, was den deutschen Außenhandel Fahrt aufnehmen lassen sollte. Dem steht gegenüber, dass die starke Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar zeitverzögert leichte Bremsspuren in der Exportwirtschaft hinterlassen dürfte. Die langwierige Regierungsbildung sollte etwas für Unruhe sorgen, jedoch keine nachhaltigen Spuren hinterlassen. Unter dem Strich sprechen alle Faktoren für eine Fortsetzung des Aufschwunges.

Das Schlussquartal 2017 dürfte im Vergleich zum Vorquartal nur eine leicht niedrigere Wachstumsrate ausweisen, so dass das Wachstum für das Gesamtjahr 2017 2,20 % betragen sollte. Kalenderbereinigt könnte sogar ein Wachstum von 2,50 % zu Buche stehen, denn im Vergleich zu 2016 gibt es 2017 drei Feiertage mehr. Das befindet sich deutlich oberhalb des Potenzialwachstums von 1,40 % (von führenden Wirtschaftsforschungsinstituten geschätzt). Das Wachstum war letztmalig 2011 mit 3,70 % höher, als sich die deutsche Wirtschaft von dem Konjunktureinbruch während der Finanzmarktkrise 2008/2009 erholte. Auch 2018 dürfte sich das hohe Wachstum fortsetzen, weshalb wir von einer Wachstumsrate von 2,30 % ausgehen (2018 spielt der Kalendereffekt keine Rolle). Das ist ungewöhnlich stark. Derzeit bleibt nur festzuhalten: Deutschland boomt.

Regierungsbildung sorgt für Unsicherheit, sollte aber das Wachstum nicht dämpfen

Die Sondierungsgespräche über eine Jamaika-Koalition als neue deutsche Bundesregierung sind beendet worden, da die FDP diese für gescheitert erklärt und verlassen hat. Grundsätzlich gibt es dadurch vier mögliche Optionen. Die CDU/CSU könnte in eine Minderheitsregierung entweder mit den Grünen oder mit der FDP gehen, es kommt wieder zu einer Großen Koalition aus CDU/CSU und der SPD oder zu einer von der SPD tolerierten Minderheitsregierung von CDU/CSU. Alternativ könnte es Neuwahlen geben.

Neuwahlen können nur über eine gescheiterte Vertrauensfrage oder gescheiterte Kanzlerwahl eingeleitet werden, wobei Merkel die Vertrauensfrage als Instrument nicht einsetzen kann, da sie nicht offiziell vom Bundestag legitimiert, sondern nur geschäftsführend im Amt ist. Damit bleibt nur die gescheiterte Kanzlerwahl, bei der dem Bundespräsidenten eine entscheidende Rolle zukommt. Dabei müsste Merkel zunächst als Kanzlerkandidatin aufgestellt und dann in drei Wahlgängen nicht als neue Regierungschefin gewählt werden. In den ersten beiden Wahlgängen ist eine absolute Mehrheit erforderlich, im dritten würde auch eine einfache Mehrheit reichen. Eine absolute Mehrheit bekommt Merkel wohl nicht, aber eine einfache Mehrheit ist durchaus wahrscheinlich. Dann läge es an Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsident, ob er eine Minderheitsregierung mit Merkel an der Spitze ernennt oder Neuwahlen ausruft.

Vorerst scheinen Neuwahlen jedoch nicht auf der Agenda zu stehen. Nach Vermittlung von Steinmeier steht die SPD der Bildung einer Großen Koalition nicht mehr so ablehnend gegenüber wie direkt nach der Bundestagswahl, denn die SPD hätte bei möglichen Neuwahlen mit Blick auf eine fehlende inhaltliche Neuorientierung und ihrer Weigerung, nach den Wahlen Verantwortung für Deutschland zu übernehmen, keine besonders guten Karten. Daher werden aktuell die Chancen einer Neuauflage der Großen Koalition ausgelotet. Dabei ist die Verhandlungsposition der SPD gut, denn Angela Merkel strebt nach eigener Aussage keine Minderheitsregierung an und dürfte daher zu einigen Zugeständnissen bereit sein, um in einer Großen Koalition die Regierungsgeschäfte weiter führen zu dürfen. Doch die Bildung einer Großen Koalition ist noch keine ausgemachte Sache, da die Parteibasis der SPD darüber abstimmen soll. Wenn man sich darauf nicht einigen kann, bleibt noch eine durch die SPD tolerierte Minderheitsregierung von CDU/CSU, um Neuwahlen zu vermeiden, die aller Wahrscheinlichkeit nach kein grundlegend anderes Ergebnis als im September erbringen dürften.

Die Phase der politischen Unsicherheit sollte sich mit dem Scheitern der Sondierungsgespräche noch eine Weile hinziehen. Panik ist aber nicht angebracht. Die grundsätzliche Stabilität Deutschlands ist nicht in Frage gestellt. Deutschland hat eine geschäftsführende Regierung, so dass der Aufschwung nicht gefährdet ist. Der Konjunkturmotor sollte weiter brummen – die derzeit ausgezeichnete Stimmung in der deutschen Wirtschaft dürfte sich von den politischen Wirren nur wenig beeindrucken lassen. Voraussetzung dafür ist, dass die Phase der Regierungsbildung sich nicht allzu lange hinzieht.