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Bedingt durch Einbrüche im Einzelhandel ist der Index für Brasilien erhöht (© Getty Images)
Schwellenländer-Barometer
09.11.2017

Der Wachstumskurs der Emerging Markets geht weiter. Niedrige makroökonomische Risiken und eine stabile Weltkonjunktur deuten sich auch in 2018 an.

Die Gruppe der Schwellenländer zeigt sich zum November ohne wesentliche Risikoeinflüsse. Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank gibt weiterhin ein stabiles makroökonomisches Umfeld wider und liefert wenig Anlass zur Besorgnis. Der Index erhöhte sich zum Vormonat zwar um 0,8 Punkte auf einen Stand von 37,4, jedoch signalisiert das Barometer weiterhin ein geringes Stressniveau für Emerging Markets. Die jüngsten Fundamental- und Wachstumsdaten bekräftigten zudem, dass diese Länder der wichtigste Wachstumstreiber der Weltwirtschaft bleiben werden. In seinem Oktober-Gutachten korrigierte der IWF seine Wachstumsprognose für die Emerging Markets in 2018 um 0,1 % auf 4,9 % nach oben. Auch für die Schwellenländer unseres Barometers wie China oder Brasilien sieht der IWF noch zusätzliches Wachstumspotential und erhöhte seine Wachstumsprognosen für 2018 um 0,1 % bzw. 0,4 %. Der Optimismus für diese Landesgruppe spiegelt sich auch auf ihren Kapitalmärkten wider, die angesichts ihrer hohen Bewertung in Industrieländern verstärkt von internationalen Investoren angesteuert wurden. Als Belastungsfaktor für Schwellenländer bleibt die geldpolitische Wende in den Industrieländern zu identifizieren. Die Abkehr von der expansiven Geldpolitik durch die EZB und die US-Fed könnte das dortige Zinsniveau relativ zu den Emerging Markets erhöhen und die Finanzierungsaktivitäten in US-Dollar oder Euro von Staaten und Unternehmen aus den Emerging Markets beeinträchtigen.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“-Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, in dem die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Unser Länderindex für das größte Land Südamerikas hat sich im vergangenen Monat leicht erhöht. Rückläufige Eisenerzpreise und die gestiegenen Ölpreise (im Oktober notierte Nordsee-Öl auf einem Zweijahres-Hoch bei 61 US-Dollar) haben ihre Spuren in der Risikobewertung Brasiliens hinterlassen. Zudem blieben die Einzelhandelsumsätze im Oktober und auch die Industrieproduktion (4,0 % YoY statt 4,8 % prognostiziert) hinter den Erwartungen zurück. Diese Entwicklungen werden auch auf der brasilianischen Börse Bovespa und in der Wechselkursentwicklung des brasilianischen Reals reflektiert, die beide an Wert zum Vormonat einbüßten. Der leichte Anstieg auf einen Indexstand von 33,1 Punkten drückt insoweit eine Skepsis aus, ob das Land wirtschaftspolitisch auf dem rechten Weg ist.

Indien zeigt sich in unserer Risikobetrachtung nahezu unverändert zum Vormonat. Der gegenwärtige Indexstand von 44,0 Punkten wurde im zurückliegenden Monat von zwei wesentlichen Faktoren getragen. Während sich die indische Börse erfreulich zeigte, wirkten sich die steigenden Ölpreise negativ auf die Risikobewertung des Nettoimporteurs Indien aus. Die Fundamentaldaten signalisieren indes Stabilität: Die Einkaufsmanagerindizes notieren weiterhin oberhalb der Expansionsmarke von 50, auch die Industrieproduktion blieb zuletzt robust (4,3 % YoY). Wir raten dennoch zu relativer Vorsicht. Der IWF hat seine Wachstumsprognose für Indien angesichts der chaotisch verlaufenden Bargeldreform zuletzt um 0,5 % nach unten korrigiert.

Die Stresswerte der Türkei wurden im zurückliegenden Monat maßgeblich von der Ölpreisentwicklung getragen. Teurere Importpreise für Rohöl ließen den Länderindex um fast drei Zähler auf 30,9 Punkte ansteigen. Zusätzlich wirkten die sich ausweitenden Anleihespreads zu US-Treasuries sowie die anhaltende Schwäche der türkischen Lira in unserem Länderindex aus. Hingegen haussiert die Istanbuler Börse ungebremst weiter: Im Oktober stieg der Aktienindex um fast fünf Prozent an, konnte die Gesamtentwicklung des Indexes jedoch nicht maßgeblich umkehren.

Eine leichte Verbesserung der Stresswerte ist für Indonesien zu beobachten. Ausgelöst von steigenden Exportpreisen für Erdöl und Kohle ging der Länderindex auf 39,0 zurück. In den weiteren Assetklassen (Anleihespreads, Aktienmärkte, Währungsmärkte) waren zuletzt keine nennenswerten Veränderungen zu beobachten.

Stabilität signalisieren auch die Stresswerte Russlands. Das Länderbarometer gibt mit 39,0 Punkten den nahezu exakten Wert aus dem Vormonat wider. Die moderat gestiegenen Ölpreise haben zur Entspannung der russischen Stresswerte beigetragen. Die verhaltene Kursentwicklung auf der russischen Aktienbörse sowie die Abwertung des Rubels kehrten diese Entwicklung jedoch wieder um. Die Wirtschaft im ehemaligen Zarenreich bleibt weiterhin in einem Spannungsfeld von Ölpreisen und geopolitischer Entwicklung gefangen.

Die Stresswerte für China blieben im Oktober unverändert. Die steigenden Ölpreise wurden in unserem Länderindex fast vollständig von dem Rückgang in den chinesischen Anleihespreads zu US-Treasuries kompensiert. Der Parteitag der kommunistischen Partei Chinas Mitte Oktober ließ keine wesentlich neue wirtschaftspolitische Agenda erkennen und konzentrierte sich fast ausschließlich auf parteiinterne Entscheidungen. China Wirtschaftswachstum konnte im dritten Quartal überraschen (6,9 % YoY), stützt sich jedoch weiterhin auf enorme Investitionsanstrengungen der öffentlichen Hand. Wichtige wirtschaftspolitische Reformen wurden beim Parteitag nicht verabschiedet.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

Bei den Daten handelt es sich um:

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

     

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.