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Zukunftslabor: Das Futurium, unweit des Berliner Hauptbahnhofs (© Schnepp Renou)
Futurium
23.11.2017

Wie wird die Welt von morgen aussehen, wer bestimmt über wen? Das Berliner Futurium soll zum Nachdenken anregen. Im Jahr 2016 hatte Bundesforschungsministerin Johanna Wanka den Grundstein gelegt. Der Begriff „Futurium“ lasse auch Menschen, die kein Deutsch sprechen, erkennen, worum es in diesem Haus geht, nämlich um die Zukunft, sagte Wanka anlässlich des Richtfests. Vollständige Eröffnung des Hauses soll 2019 sein. Interview mit David Weigend, einem der Macher des Morgenmuseums.

Leiter des Futurium Lab: David Weigend (© privat)

Was ist die Idee des Futuriums?

David Weigend: Im Futurium werden wir über die Zukunft diskutieren und neue Erkenntnisse aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft zeigen. Unter anderem wird es Denkräume zu den Themen Mensch, Technik und Natur geben. Das Futurium möchte zu Debatten einladen – und zwar mit interaktiven und partizipativen Formaten. Unser Programm wird etwa je aus einem Drittel Workshops, einem Drittel Veranstaltung bestehen – und zum letzten Drittel sind wir Kunst- und Wissenschaftsmuseum.

Erfahren die Besucher bei Ihnen, wie die Welt übermorgen aussieht?

David Weigend: Die Ausstellung zeigt nicht eine Zukunft, sondern verschiedene Zukünfte. Die sind zwar teilweise sehr unterschiedlich – können aber alle eintreten. Eine stark nach dem Naturgedanken orientierte Welt würde sich in Richtung Kreislaufwirtschaft entwickeln. Eine High-Tech-Variante wird von künstlicher Intelligenz und Robotik geprägt sein. Es gibt verschiedene Entwürfe, die wir gleichberechtigt nebeneinander stellen. So wollen wir den Horizont unserer Besucher erweitern.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Dinge, die das Futurium zeigt, eintreten?

David Weigend: Eine Wahrscheinlichkeit einzuschätzen ist sehr schwierig. Deshalb zeigen wir verschiedene Zukünfte. Wir wollen das prognostische Denken aufbrechen, denn man täuscht sich schnell, wenn man vorhersagen will, was wann eintritt.

Weshalb?

David Weigend: Nehmen wir die Entwicklung der Akkutechnik. Ich habe mir kürzlich eine zehn Jahre alte Studie angesehen. Die kam zu dem Schluss, dass die Akkutechnik, die wir jetzt bereits haben, erst in zwanzig oder dreißig Jahren vorhanden sein soll.

Wieso lagen die Forscher so daneben?

David Weigend: Die Kollegen haben nicht berücksichtigt, dass Smartphones sehr kompakte, sehr effiziente Akkus benötigen. Weil es dafür einen Massenmarkt gab, ist die Entwicklung viel schneller gegangen – der Innovationsschub war enorm. Eins darf man nicht vergessen: Zeit ist bei der Lösung eines Problems nicht der einzige Faktor – es geht auch um die Zahl der klugen Köpfe, die daran arbeiten. Deswegen ist es sehr schwer zu sagen, wie lange die Lösung eines Problems dauert. Generell gilt: Die eine Zukunft lässt sich nicht prognostizieren. Dieser Versuchung dürfen auch Unternehmen nicht erliegen. Wenn ich als Unternehmen auf ein einziges Szenario setze, das dann aber nicht eintritt, habe ich ein Problem. Besser ist es, von vorneherein in Alternativen zu denken.

Eigentlich wollte ich Sie fragen, wie die Welt im Jahr 2050 aussieht. Würden Sie darauf überhaupt antworten?

David Weigend: Das ist die falsche Frage – warum will ich mich auf eine Welt beschränken? Es ist doch viel interessanter zu sehen, welche Potenziale wir für das Jahr 2050 haben.

Blick in das noch leere Futurium Lab. 2012 gewann das Berliner Architekturbüro Richter Musikowski die Ausschreibung (© Futurium Lab)

Wie kann man eine Ausstellung über etwas machen, das es noch nicht gibt?

David Weigend: Dafür gibt es verschiedene Ansätze. Im Lab arbeiten wir beispielsweise mit spekulativem Design. Dabei werden die Möglichkeiten von Grundlagenforschung weitergesponnen und überlegt, welches Potenzial neue Entdeckungen für zukünftige Produkte haben. Das betrifft Gentechnik genauso wie neue Methoden des Bauens. Aus den vielen Möglichkeiten entwickelt ein spekulativer Designer beispielsweise ein Haus, das organisch wächst – quasi ein genmanipulierter Baum, der mit den Jahren größer wird. Auch wenn das ein wenig wie Science Fiction klingt: Dahinter steht echte Grundlagenforschung. Unser Ziel ist es, Wissenschaft greifbar zu machen und Menschen zu befähigen, neue Entwicklungen zu sehen und eine Vorstellung davon zu bekommen, was daraus erwachsen kann.

Es gibt – etwas vereinfacht – zwei Denkrichtungen: Die einen sehen aufgrund von Umweltproblemen, Bevölkerungswachstum und Kriegen das Ende der Welt voraus. Die anderen prophezeien aufgrund des technischen Fortschritts ein goldenes Zeitalter. Wo stehen Sie?

David Weigend: Ich bin ein Zukunftsoptimist und glaube: Wir kriegen das schon hin. Dennoch haben auch diejenigen recht, die beispielsweise vor den Folgen des Klimawandels warnen. Das sind große Herausforderungen, die konsequent angegangen werden müssen. Die Mahner sind deshalb sehr wichtig.

Inwieweit beeinflusst das Nachdenken über die Zukunft unsere Gegenwart?

David Weigend: Unser Nachdenken über die Zukunft beeinflusst uns ganz massiv! Um innovativ und disruptiv zu sein, reicht es nicht nur das zu verbessern, was ich schon kenne. Genau das tun wir aber oft. Wir stellen uns die Zukunft dann als eine etwas aufpolierte Gegenwart vor. So wird sie jedoch garantiert nicht kommen.

Am 16. September öffnete das Futurium anlässlich „Ein Tag Zukunft“ schon mal seine Pforten

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