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Die Fleischverarbeitung ist ein hart umkämpftes Geschäft (© Getty Images)
Studie Fleischwarenindustrie
15.11.2017

Die Branchenstudie der HSH Nordbank konstatiert Kostenrisiken und Ertragsdruck in der Fleischwarenindustrie. Die Branche steckt in einer Sandwich-Position zwischen marktmächtigen Lieferanten und Abnehmern. Eine klare strategische Positionierung ist nötig.

Es ist ein hartes Jahr für die deutschen Fleischverarbeiter: Hohe Kosten drücken auf die Margen, die gestiegenen Fleischpreise lassen sich angesichts der Marktmacht der großen Lebensmitteleinzelhändler nur schwer weitergeben. Einige größere Unternehmen konnten dem Druck nicht standhalten und rutschten in die Insolvenz. Andere stehen zum Verkauf oder suchen nach einem starken Partner. Zwar ist in den letzten Wochen etwas Druck vom Kessel gekommen, das Grundproblem der fehlenden eigenen Marktmacht besteht jedoch fort. Eine Marktentwicklung wie im ersten Halbjahr könne sich in Zukunft wiederholen, lautet ein Fazit der aktuellen Branchenstudie Fleischwarenindustrie der HSH Nordbank. In einem stagnierenden Gesamtmarkt sollten sich die Fleischverarbeiter mit einer klaren strategischen Fokussierung und einem strikten Kostenmanagement bestmöglich gegen Rohstoffpreisrisiken zu immunisieren.

Doch das dürfte vor allem kleinere Produzenten vor Herausforderungen stellen, die für viele Betriebe aus eigener Kraft kaum zu bewerkstelligen sind. Sie seien in der Regel nicht in der Lage, so kosteneffizient zu produzieren, wie größere Unternehmen. „Wer sich da nicht als Markenhersteller etabliert oder auf wettbewerbsärmere Produktnischen fokussiert, steht besonders unter Druck, größere, stabilere Einheiten zu bilden“, sagt Karsten Maschler, Unternehmensbereichsleiter Mergers & Acquisitions der HSH Nordbank. „Wir sehen seit 2008 einen deutlichen Anstieg von Transaktionen mit deutschen Zielunternehmen, mehr Akquisitionen von Betrieben und werthaltigen Betriebsteilen aus Insolvenzen.“

Die fleischverarbeitende Industrie ist mit einem Umsatzvolumen von gut 21 Milliarden Euro eine der größten Einzelbranchen in der deutschen Ernährungswirtschaft. Und sie ist trotz des zunehmenden Konsolidierungsdrucks immer noch stark fragmentiert: Nur etwa 70 der insgesamt rund 930 Unternehmen kommen auf ein Umsatzvolumen von jeweils als 50 Millionen Euro oder mehr. Reine Fleischverarbeiter treten auf dem deutschen Markt gegen integrierte Fleischproduzenten, Fleischwerke des Handels sowie Filialisten und traditionelle handwerkliche Fleischereien an – Wettbewerbergruppen, die sich in ihrer strategischen Positionierung deutlich unterscheiden.

Handwerkliche Tradition fehlt

Reine Fleischwarenhersteller haben ihren Produktionsfokus vor allem auf SB-verpackten Erzeugnissen, die etwa 70 Prozent des Absatzes an den Endverbraucher ausmachen. Sie werden sich nach Einschätzung der HSH-Experten noch stärker darauf fokussieren, entweder als großvolumiger Hersteller von Handelsmarken die Kostenführerschaft zu erreichen oder sich alternativ über Marken und Produkte im Wettbewerb zu differenzieren. Vielversprechend ist zu darüber hinaus auch eine Expansionsstrategie in benachbarte Produktsegmente wie fleischbasierte Fertiggerichte.

Bei den größeren Fleischproduzenten erwarten die Autoren der Branchenstudie eine verstärkte Vertikalisierung: Die Unternehmen expandieren zunehmend in die Fleischwarenproduktion als zusätzliche Wertschöpfungsstufe zur Fleischproduktion. Vorreiter sind hier die Tönnies-Gruppe und die PHW-Gruppe, Deutschlands größte Produzenten von Schweine- und Geflügelfleisch. So gehört den Gesellschaftern der Tönnies-Gruppe mit der Zur Mühlen-Gruppe zugleich auch Deutschlands größter Fleischverarbeiter. Und die auf Geflügelfleisch spezialisierte PHW-Gruppe (Marke „Wiesenhof“) hat ihre Wertschöpfungstiefe mit der Herstellung von abgepacktem Fleisch und Wurstwaren für die Selbstbedienungstheken der Supermärkte ausgebaut. Dabei profitiert das Unternehmen davon, dass es hier, anders als bei der Verarbeitung von Rind- und Schweinefleisch, keine handwerkliche Tradition in Deutschland und damit kaum konkurrierende Verarbeiter außerhalb der Geflügelfleischproduzenten gibt.

Bei einem insgesamt stagnierenden bis leicht rückläufigen Pro-Kopf-Verzehr an Fleisch und Fleischerzeugnissen sieht Clemens Tönnies, Gesellschafter der Zur-Mühlen-Gruppe, für fokussierte Produzenten durchaus noch weitere Wachstumspotenziale auf dem heimischen Markt. Ein wesentlicher Nachfragetreiber bleibe der Megatrend „Convenience“: „Fleischerzeugnisse und Tellergerichte, die dem Verbraucher Zubereitung und Verzehr leichter machen, werden weiter zulegen.” Zu den weiteren positiven Trends zählt er die sich erfreulich entwickelnde Grillkultur: „Grillen wird zunehmend als soziales Event zelebriert”, sagt Tönnies. „Hier werden sich neue Produkte in der Bedientheke und im SB-Bereich entwickeln.”

„Grillen wird zunehmend als soziales Event zelebriert”

Clemens Tönnies, Gesellschafter der Tönnies-Gruppe und der Zur-Mühlen-Gruppe

Zuwächse seien auch bei Fleischprodukten zu erwarten, die gestiegene Erwartungen der Verbraucher an gesunde und nachhaltig hergestellte Lebensmittel erfüllen. So werde die Nachfrage nach Bio-Fleisch und Bio-Fleischprodukten weiter zulegen, wenn auch auf begrenztem Niveau: „Für die Verarbeiter kommt es jetzt darauf an, eine ausreichend große Bio-Fleischerzeugungsbasis an sich zu binden, um verlässlich liefern und hier wachsen zu können.”

In dem harten Wettbewerbsumfeld liege der Schlüssel zum Erfolg für die Volumenhersteller aber im Erreichen der Kostenführerschaft. Im Vorteil sieht er dabei spezialisierte Produzenten, die in ihren Werken mit hocheffizientem Maschineneinsatz produzieren können. Breit aufgestellte Sortimenter würden dagegen bei weiter fortschreitender Konsolidierung in der Branche Probleme bekommen.

Zusammenschlüsse als Ausweg

Denn trotz der kritischen Berichterstattung über die Massentierhaltung in den Medien, der Protestaktionen von Tierschützern und des wachsenden Bewusstseins für eine umweltschonende Fleischproduktion ist für die Verbraucher beim Einkauf vielfach immer noch der Preis das entscheidende Kriterium. „Das, was die Kunden kaufen, ist nicht unbedingt das, was sie laut eigener Aussage bevorzugen”, sagt Klaus Martin Fischer, Partner bei Ebner Stolz Management Consultants. So bleibe billiges Fleisch für den Handel auch weiterhin ein wichtiges „Lockprodukt“.

Um unter anhaltendem Wettbewerbsdruck und bei stagnierender Nachfrage zu bestehen, müssten die Unternehmen angesichts hoher Fixkosten ihre Kapazitäten voll auslasten. Da trotz der fortschreitenden Konsolidierung aber immer noch Überkapazitäten bei Schlachtung, Zerlegung und Weiterverarbeitung im deutschen Markt bestehen, kann das nicht überall gelingen. „Sind alle finanz- und leistungswirtschaftlichen Potenziale ausgeschöpft, müssen die Entscheider weiterdenken und das gesamte Geschäftsmodell hinterfragen”, rät Fischer. Das bedeute, im ersten Schritt auf weiteres Wachstum zugunsten steigender Profitabilität zu verzichten oder sogar Kapazitäten abzubauen. „Dabei geht es nicht mehr um Skaleneffekte wie vor einigen Jahren und Jahrzehnten, sondern um eine nachhaltig höhere Wertschöpfung”, erklärt der Berater. Und schließlich müssten sich viele Unternehmen auch die Frage stellen: „Können wir eine wettbewerbsfähige Zukunftsposition alleine erreichen? Oder sollten wir über eine Allianz oder Fusion nachdenken?“

Auch kleine und mittelgroße Betriebe können von der Konsolidierung profitieren – selbst wenn dafür kein ausreichendes Kapital zur Verfügung steht. „Zunächst einmal muss eine Beteiligung nicht zwingend teuer sein“, sagt der M&A-Experte der HSH-Nordbank Karsten Maschler. „Durch einen Zusammenschluss von zwei gleichgroßen Unternehmen kann mit wenig Kapitaleinsatz ein Mehrwert erzeugt werden, etwa in der gemeinsam höheren Auslastung oder im Zugang zu einem erweiterten Vertriebsnetz“, sagt der M&A-Experte der HSH-Nordbank Karsten Maschler. Allerdings müssten die Unternehmer bereit sein, die Alleinherrschaft im Familienunternehmen gegen eine Gemeinschaft mit einem Mitstreiter aufzugeben. „Das fällt in der Praxis jedoch vielen noch schwer.“

Zusammenschlüsse und Übernahmen können nach Einschätzung des Unternehmensbereichsleiters der HSH Nordbank Auswege und Lösungen aufzeigen, die für einen Unternehmer aus eigener Kraft schwer zu bewerkstelligen seien. Etwa mit Hilfe von Finanzinvestoren, die mit Finanzkraft und Plattform- oder Mehrmarkenstrategien Bewegung in den Markt brächten. Beispiele dafür lieferten etwa der Buy-Out beim Familienunternehmen Abbelen durch die Deutsche Beteiligungs AG im April dieses Jahres oder die Bündelung der Anbieter von Convenience-Produkten Eichkamp und Karl Kemper unter dem Dach der European Convenience Food Gruppe.

Eine Leseprobe der Studie lesen Sie hier:

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