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Erdgasförderung in Russland (©GettyImages)
Schwellenländer-Barometer
09.10.2017

Die Expansion der Emerging Marktes hält an. Doch die geldpolitische Wende in den USA könnte zur Belastungsprobe werden.

Das Schwellenländer-Barometer der HSH Nordbank signalisiert auch zum Oktober Stabilität. Der Gesamtindex erhöht sich im Vergleich zum September leicht von 35,1 Zählern auf 36,1. Diese Entwicklung ist maßgeblich der Dollar-Erholung geschuldet, denn viele Währungen aus Emerging Markets werteten nach den Zinsanhebungssignalen von Fed-Chefin Janet Yellen im September zum Dollar ab. Das makroökonomische Umfeld bleibt weiterhin robust, verzeichneten doch viele der im Index vertretenen Schwellenländer eine Steigerung ihrer Produktion und Handelsaktivitäten. Auch die Stabilität vieler Rohstoffpreise unterstützt die rohstoffreichen Emerging Markets. In den nächsten Monaten werden die Effekte der US-Geldpolitik zu beachten sein. Die US-Notenbank visiert einen weiteren Zinsschritt im Dezember an. Die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen konnten im September bereits 30 Basispunkte hinzugewinnen. Verschiebt sich die US-Zinskurve weiter nach oben, könnte dies die Schwellenländer-Anleihespreads (Renditedifferenz zu den US-Staatsanleihen) unter Druck und lässt die Stresswerte im Schwellenländer-Barometer ansteigen.

Das Schwellenländerbarometer beinhaltet Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei und beobachtet finanzwirtschaftliche Kennzahlen wie CDS-Spreads, Aktienindizes, US-Dollar-Wechselkurse sowie Preise wichtiger Rohstoffe. Alle Kennzahlen werden auf eine Skala von 0 (relativ geringste Krisengefahr) bis 100 (relativ höchste Krisengefahr) indexiert und dann aggregiert, sodass die Länderindizes entstehen. Fasst man diese wiederum zusammen, ergibt sich der „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex. Als Startzeitpunkt wird das Jahr 1998 gewählt, in dem die Asienkrise ihren Höhepunkt erreichte.

Abbildung 1: „Schwellenländer-Barometer“ Gesamtindex (Dec 2012 bis heute)

Das Länderbarometer für Brasilien konnte sich im vergangenen Monat weiter erholen und liegt gegenwärtig bei 30,1 Indexpunkten. Die wirtschaftliche Erholung Brasiliens setzte sich auch im September fort. Die Einkaufsmanagerindizes behaupten sich über der Expansionsmarke und auch die Industrie setzte mit einem Produktionswachstum von 4,0 % YoY im August ihre Stabilisierung fort. Die positiven wirtschaftlichen Fundamentalfaktoren werden auch auf den Kapitalmärkten wiedergegeben, denn der Leitindex Bovespa konnte im vergangenen Monat gut 0,9 % zulegen.

Der Länderindex für Indien zeigte im letzten Monat höhere Stresswerte an. Der leichte Anstieg von 41,6 auf 43,1 Indexpunkte wird dabei maßgeblich durch die Dollarentwicklung getragen, denn der Greenback konnte gegenüber der Rupie im September fast 2,0 % hinzugewinnen. Auch die Verteuerung des Ölpreises wirkte auf den Länderindex belastend. Gemischte Signale kamen im September von Konjunkturindikatoren. Zwar legte die Inflationsentwicklung im August mit 3,3 % YoY spürbar zu, jedoch blieb die Industrieproduktion deutlich hinter den Erwartungen zurück (nur 1,2 % YoY im Juli).

Die Stresswerte der Türkei stiegen zur Vorperiode. Das Länderbarometer notiert 1,4 Zähler höher und liegt nun bei 27,1 Punkten. Für den Anstieg der Stresswerte waren u.a. Kursverluste an der Istanbuler Börse ursächlich. Erfreulich zeigten sich zuletzt das BIP-Wachstum im zweiten Quartal (5,1 % YoY) und die die Industrieproduktion (14,5 % YoY im Juli). Das politische Klima in der Türkei hat an Eskalationspotential hinzugewonnen, denn der Konflikt mit der kurdischen Minderheit hat nach dem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum im kurdischen Teil des Irak (93% votierten für eine Unabhängigkeit) neue Fahrt aufgenommen. Auch im Syrien-Konflikt hat die türkische Regierung zuletzt eine militärische Intervention ins Auge gefasst. Die politischen Entwicklungen im Mittleren Osten können die Stresswerte im Schwellenländer-Barometer jederzeit beeinflussen.

Das Länderbarometer für Indonesien signalisiert weiterhin Entspannung. Der Länderwert notiert zur Vorperiode nahezu unverändert bei 40,2 Indexpunkten. Die Handelsaktivitäten Indonesiens haben im August stark zugenommen, wie das Wachstum der Exporte (zuletzt 19,2 % YoY) suggeriert. Zur Stabilisierung der länderspezifischen Risiken trugen im vergangenen Monat zudem die feste Wertentwicklung der Indonesischen Rupie und die anhaltende Erholung der Rohstoffpreise für Kohle Erdöl bei.

Die Wirtschaft Russlands konnte im vergangenen Monat mit soliden BIP-Wachstumszahlen für das zweite Quartal in Höhe von 2,5 % YoY überzeugen. Dennoch erhöht sich der Indexwert im Krisenbarometer um fast zwei Zähler, maßgeblich durch die Erdgaspreisentwicklung bestimmt. Der derzeitige Indexstand von 39,5 Punkten könnte insoweit nur eine Momentaufnahme sein, sollte mit Winterbeginn die Gasnachfrage anziehen.

Die Stresswerte für China erhöhten sich um 2,5 Punkte auf 36,9. Der chinesische Yuan hat im vergangenen Monat mehr als zwei Prozent gegenüber dem US-Dollar eingebüßt. Der Downgrade der Ratingagentur S&P im September, Chinas Bonität wurde auf A+ und somit auf ein Niveau von Japan herabgesenkt, hatte keine Auswirkungen auf die Anleihespreads, wohl auch aufgrund der robusten Fundamentaldaten. Im August signalisierten die chinesischen Einkaufmanagerindizes (u.a. der Caixin für das Verarbeitende Gewerbe bei 52,4), die Einzelhandelsumsätze (10,1 % YoY) und die Industrieproduktion (6,7 % YoY) wirtschaftliche Belebung. Im Oktober werden beim Parteikongress der Kommunistischen Partei wichtige poltische und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen, die die Stresswerte im Schwellenländer-Barometer mittelfristig beeinflussen werden.

Abbildung 2: „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex (Aug 1998 bis heute)

Die Methodik

Für die Erstellung des „Schwellenländer-Barometer“ werden finanzwirtschaftliche Daten der Länder Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Türkei untersucht. Der erste Datenzeitpunkt ist der 1.04.1998.

  • CDS Spreads (Preisdifferenz der Versicherungen gegen Kreditausfälle), Brasilien/Indien: Renditedifferenz der 10-jährigen Staatsanleihen gegenüber US-Anleihen
  • Haupt-Aktienindizes
    • Brasilien: Bovespa
    • China: Shanghai Composite
    • Indien: Sensex
    • Indonesien: Jakarta Composite
    • Russland: MICEX
    • Türkei: Borsa Istanbul 100
  • Wechselkurse der Länderwährungen zum US-Dollar
  • Wichtigste Rohstoffe
    • Brasilien: Eisenerz, Soja, Rohrzucker
    • China: Rohöl (Import)
    • Indien: Mais, Reis, Tee, Rohöl (Import)
    • Indonesien: Kohle, Erdgas, Palmöl, Rohöl
    • Russland: Rohöl, Erdgas
    • Türkei: Rohöl (Import)

     

Bei allen Daten (bis auf die Spreads) wird außerdem das Mittel aus der durchschnittlichen Veränderung der Woche gegenüber der Vorwoche und dem Monat gegenüber demselben Monat im Vorjahr gebildet. Hiermit soll verhindert werden, dass längerfristige Niveauverschiebungen dauerhaft auf das Barometer durchschlagen. So ist beispielsweise bei Hochinflationsländern der Wechselkurs von heute nicht mit dem vor 15 Jahren vergleichbar. Auch bei Rohstoffen kommt es immer wieder zu dauerhaften Niveauverschiebungen.

Schließlich wird eine Indexierung vorgenommen, sodass für jede Kennzahl der Wert des minimalen Krisenrisikos den Wert 0 zugewiesen bekommt und der des maximalen Krisenrisikos 100. Falls es sich bei den berücksichtigten Rohstoffen um Exportrohstoffe handelt, wird außerdem ein Gesamt-Rohstoffindex gebildet. Die Gewichtung der einzelnen Rohstoffe stimmt dabei mit dem Exportanteil überein.

Bildet man für jedes Land das Mittel der dazugehörigen Kennzahlen, so erhält man den Länderindex. Bei (gleichgewichteter) Aggregation dieser ergibt sich schließlich der „Schwellenländer-Krisenbarometer“ Gesamtindex.

Die Einzelindizes werden um Extremausschläge bereinigt, um eine Verzerrung für den Gesamtindex zu vermeiden. Die Bereinigung erfolgt, in dem man bestimmte Werte deckelt.

Interpretation

Durch die Normierung der Risikofaktoren auf eine Zahl zwischen 0 (minimales Risiko) und 100 (maximales Risiko) ergibt sich eine relative Risikomessung, die sich an der Historie orientiert. Das ist wichtig für die Interpretation der Ergebnisse: Wenn beispielsweise in einem Land der CDS-Spread zwischen 20 und 80 Basispunkte schwankte, dann bedeutet ein CDS-Spread von 80 Basispunkten ein maximales Risiko von 100. Bei einem anderen Land, dessen CDS-Spread zwischen 100 und 500 schwankte, ist der Indexwert 100 bei 500 Basispunkten erreicht. Wenn also der Gesamtindex einen hohen Wert erreicht, dann heißt das, dass die beteiligten Länder jeweils einen historisch gesehen relativ hohen Risikograd erreicht haben. Man kann nicht ableiten, ob ein Land risikoreicher als das andere Land ist.

Zuletzt ist anzumerken, dass nur finanzwirtschaftliche Daten zur Messung des Krisenrisikos verwendet werden. Dass hat den Vorteil, dass jederzeit aktuelle Daten abgerufen werden können (sozusagen in „Echtzeit“), was die Verzögerung des Indizes auf plötzliche Ereignisse minimiert. Gleichzeitig werden aber fundamentale Daten wie z.B. Leistungsbilanzsalden oder Währungsreserven ignoriert. Es lassen sich somit keine direkten Aussagen über fundamentale Bewertungen treffen. Dies ist bei der Interpretation des „Schwellenländer-Barometers“ zu berücksichtigen.