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Richard Thaler arbeitet als Professor an der Universität Chicago. (©GettyImages)
Nobelpreis für Ökonomie
12.10.2017

Prof. Richard Thaler legt seiner Lehre zugrunde, dass der Mensch systematisch irrt. Das Spezialgebiet des amerikanischen Top-Ökonomen ist die Verhaltensökonomik, eine vergleichsweise junge Disziplin der Wirtschaftswissenschaften, die von Thaler maßgeblich beeinflusst und weiterentwickelt wurde. Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der HSH Nordbank, über den neuen Preisträger, der aus seinen Erkenntnissen Empfehlungen für Individuen, Unternehmen und den Staat ableitet.

„…der Homo oeconomicus denkt wie Albert Einstein, (speichert) Informationen wie IBMs Supercomputer Big Blue und [hat] eine Willenskraft wie Mahatma Gandhi.“ Dieser Satz stammt vom neuen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Professor Richard Thaler. Er macht damit deutlich, wie unvollkommen die so genannte Mainstream-Ökonomie an Probleme herangeht. Kein Mensch erfüllt die oben genannten Voraussetzungen und dennoch sind sie die Basis der herrschenden neoklassischen Lehre. So gesehen ist es schon mal sehr erfrischend, dass ein Verhaltensökonom, der die Schwachstellen der Neoklassik schonungslos offenlegt, von dem Nobelpreiskomitee geehrt wurde.

Erfrischend ist auch die Art und Weise, wie Thaler seine Ideen kommuniziert. In dem Bestseller (!) „Nudge“ konfrontiert der Autor seine Leser mit der folgenden Grafik und der Aufforderung, nach Augenmaß die Längenverhältnisse der beiden Tische zueinander abzuschätzen.

Quelle: Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein, Nudge

Quelle: Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein, Nudge

Die überraschende Erkenntnis: Sie können Ihren Augen nicht trauen. Denn weder ist der linke Tisch länger, noch ist der rechte Tisch breiter. Vielmehr sind die beiden Tischplatten identisch in Länge und Breite.

Was lernt man daraus? Das menschliche Gehirn funktioniert in der Regel recht gut, aber es kommt immer wieder vor, dass der Mensch systematisch irrt.

Und diese Grundidee wendet Thaler auf verschiedene Lebensbereiche an und leitet daraus Empfehlungen für Individuen, Unternehmen und den Staat ab. Zum Beispiel stellen die Autoren fest, dass fast 20 Prozent der US-Bürger und Fettleibigkeit leiden. Die Folgen sind bekannt: Herzkrankheiten, Diabetes, verkürzte Lebenszeit. Offensichtlich ernähren sich viele Menschen nicht gut (also irrational). Ein Vorschlag ist daher, in Schulkantinen die Speisen so aufzustellen, dass die gesunde Ernährung (Obst, Gemüse) eher in das Blickfeld der Schüler gerät. Allein durch diese Umorganisation der Schulkantine könne man bewirken, dass die Schüler sich gesünder ernähren. Das Entscheidende dabei: Es gibt keine Verbote, keine Einschränkung der Wahlfreiheit, sondern lediglich einen kleinen „Schubs“ (Nudge) in eine gewünschte Richtung, die der gesamten Gesellschaft hilft (in diesem Fall das Wohlergehen der Kinder und niedrigere Kosten für den Gesundheitssektor).

Ein anderes Beispiel ist die Organspende: Während in einigen Ländern wie Deutschland jeder Bürger explizit einer Organspende zustimmen muss, wird die Logik in Österreich umgekehrt: Dort müssen die Bürger eine Widerspruchserklärung unterschreiben, ansonsten gilt, dass sie bereit sind ihre Organe gegebenenfalls zu spenden. Das Ergebnis: Die Quote der Organspender ist in Österreich bei rund 90 Prozent, in Deutschland unter 20 Prozent.

Und das alleine genügt schon, um einen Nobelpreis zu erhalten? Der gute Professor hat doch nichts anderes als seinen gesunden Menschenverstand verwendet. Stimmt. Und es ist sicherlich nicht die Aufgabe von UP-Nord, die Vergabe des Nobelpreises an diesen oder jenen Menschen zu rechtfertigen. Es sei allerdings anzumerken: Die Tatsache, dass in der Vergangenheit häufig nur die Wissenschaftler einen Preis erhalten haben, die mit hochkomplexen mathematischen Modellen mehr oder weniger interessante Zusammenhänge abgeleitet haben, die aber kaum jemand verstanden hat und sich der praktischen Relevanz häufig entzogen haben, ist keine Bedingung dafür, den Preis anwendungsbezogenen Forschern zu verwehren. Im Gegenteil: Die Lektüre von „Nudge“ und anderen Werken Thalers ermöglicht es in nachvollziehbarer Weise Maßnahmen zu ergreifen, die die Gesellschaft verändern können – das ist preisverdächtig.

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