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Auch den Online-Riesen Amazon gibt es analog, als Buchladen (© Getty Images)
Digitalisierung des Handels
18.10.2017

Boris Hedde, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung, über die Zukunft von E-Commerce und stationärem Handel.

Ist seit 2009 Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln: Boris Hedde. Die Schwerpunkte seiner Arbeit sind forschungsbasierte Evaluationen sowie Beratungsansätze in den Bereichen Konzeption und Transformation. (© privat)

Der Online-Handel wächst im Schnitt zwischen zehn und 20 Prozent pro Jahr. Wann gibt es in den Innenstädten keine Geschäfte mehr?

Boris Hedde: Ich glaube nicht, dass wir wegen dem Online-Handel in Städten generell keine Geschäfte mehr haben werden. Den Bedarf an stationärem Handel gibt es, das steht außer Frage. Wir müssen uns jedoch fragen, ob es in manchen Städten künftig nur noch wenige bis keine Geschäfte geben wird, weil dort die Bevölkerung zurückgeht und die Kaufkraft sinkt. Der Lebensmitteleinzelhandel braucht beispielsweise etwa 5.000 Einwohner, um einen Standort ökonomisch sichern zu können. Wir gehen aufgrund des demographischen Wandels und der Migration in die Städte davon aus, dass in den nächsten Jahren etwa 50.000 Betriebe den Markt verlassen – von derzeit etwas mehr als 450.000. Von diesem Schwund werden vorwiegend strukturschwache Gebiete betroffen sein.

Blicken wir in die Innenstädte beliebter Städte. Gucken und probieren die Kunden künftig dort nur noch in den Geschäften, um dann online zu kaufen?

Boris Hedde: Das war vielleicht vor ein paar Jahren so, das hat sich aber gewandelt. Wir haben heute Kunden, die sich viel mehr online informieren, um dann im Geschäft zu kaufen. Beratungsklau im Fachhandel gibt es nicht mehr.

Sind die Produkte online nicht günstiger?

Boris Hedde: Auch das hat sich geändert. Zwar schreiben viele dem Online-Handel einen Preisvorteil zu, aber es gibt immer mehr Unternehmen, die online wie offline die gleichen Preise aufrufen. Zudem stellen viele Firmen fest, dass digitales Geschäft auch ökonomisch ganz schön aufwändig ist – mit Werbung, Logistik, Retouren und anderen Aufwendungen.

Was können Ladengeschäfte tun, um sich zu behaupten?

Boris Hedde In Zukunft wird sich das Einkaufen in zwei Richtungen entwickeln: der klassische Convenience-Einkauf, bei dem ich meinen Bedarf decke und bei dem es vor allem um Geschwindigkeit geht. Der andere große Bereich ist der Event-Einkauf. Hier geht es darum, dem Kunden ein Erlebnis zu vermitteln und eine emotionale Bindung zu ihm aufzubauen. Die Unternehmen müssen sich für ein Konzept entscheiden – Effizienz oder Service. Das ist wichtiger als noch eine Online-Plattform zu gründen, die es dann sehr schwer hat, sich zu behaupten.

Können neue Online-Händler den Vorsprung, den beispielsweise Amazon hat, wettmachen?

Boris Hedde: Das ist sehr schwer. In Deutschland wird knapp die Hälfte des Online-Handels bei Amazon verbucht. Selbst die Zweiten und Dritten wachsen langsamer als Amazon – die Schere geht weiter auseinander. Das Ziel von Amazon ist es, alle Produkte, die es gibt, zu handeln – das ist ein enormes Statement.

Es gibt Online-Händler, die Ladengeschäfte eröffnen – weshalb?

Boris Hedde: Weil die Kunden das wollen. Selbst junge Leute, die sehr viel mit dem Smartphone erledigen, gehen gern in Geschäfte. Viele Händler, die online sind, eröffnen stationäre Geschäfte, um dort Erfahrungen zu sammeln und Erkenntnisse zu gewinnen. Noch in diesem Jahr wird der Anteil der Multi-Channel-Händler, die sowohl stationär und als auch online aktiv sind, das größte Handelssegment in Deutschland sein.

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