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Digitaler Arbeitsalltag: Markus Albers rät zur Entschleunigung (© Borja Bonaque)
Digitale Erschöpfung
10.10.2017

Unternehmer und Autor Markus Albers hat für sein neues Buch gemeinsam mit Führungskräften aus der Wirtschaft Maßnahmen gegen die digitale Lebensverdichtung erörtert. Herausgekommen ist ein Wegweiser in Zeiten von Burn-out und Dauerstress. Im Interview mit UP Nord rät er dazu, das Smartphone auch mal bewusst in die Schublade zu legen.

Markus Albers ist Autor, Berater und Unternehmer. Seine Bücher „Meconomy“, „Rethinking Luxury“, „Morgen komm ich später rein“ und zuletzt „Digitale Erschöpfung“ wurden in fünf Sprachen übersetzt. Zu den Buchthemen hält er Vorträge, moderiert Panels und Workshops. (© Patrick Desbrosses)

Es ist 12.00 Uhr. Haben Sie heute schon eine digitale Pause eingelegt?

Markus Albers: Gerade heute habe ich einen längeren Spaziergang mit einem Kollegen hinter mir, um ein paar Themen zu besprechen. Da wir im Büro oft unterbrochen werden, sind wir fast eine Stunde lang durch die Berliner Mitte gelaufen und haben Firmenthemen besprochen. Diese digitale Pause hat gut funktioniert.

Wie reagieren die Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie sagen: Ich habe mit Dir etwas zu besprechen – lass uns mal spazieren gehen?

Markus Albers: Erst sind sie etwas verwundert, dann freuen sie sich. Jeder kommt ja gerne mal raus aus dem Büro. Da Steve Jobs früher ebenfalls mit seinen Kolleginnen und Kollegen spazieren gegangen ist, um etwas zu besprechen, ist das als Management-Technik anerkannt.

Sie haben sich jahrelang für eine Flexibilisierung der Arbeitswelt eingesetzt, inklusive Gleitzeit und Homeoffice – nun warnen Sie vor der digitalen Ermüdung. Wie passt das zusammen?

Markus Albers: Nach wie vor glaube ich an das große Emanzipationspotenzial der neuen, digitalen Arbeitswelt. Es ist das Versprechen, uns vom Schreibtischzwang und dem immer gleichen Nine-to-five-Trott zu befreien. Genauso von Anwesenheitspflicht und kleinteiliger Kontrolle. Das Thema, erst nach Hause gehen zu dürfen, wenn beim Chef das Licht aus ist, hat sich ebenfalls erledigt. Wir können dann unsere Kinder von der Kita abholen und Sport machen, wann wir wollen. Unsere Arbeit erledigen wir, wenn wir am produktivsten sind, egal wo. Das ist die Zukunft der Arbeit.

Vor der gerade Sie jetzt warnen?

Markus Albers: Stimmt, weil die Umsetzung nicht klappt und den schönen Gedanken ins Gegenteil verkehrt.

Was läuft schief?

Markus Albers: Lassen Sie uns auf die drei Bereiche schauen: unsere Arbeitsräume, die IT und die Unternehmenskultur. In allen drei Bereichen laufen Dinge falsch. Derzeit werden viele Großraumbüros gebaut – auch wenn sie so nicht mehr genannt werden, sondern „activity based working“ heißen. Am Ende sitzen aber alle zusammen – und keiner hat mehr Ruhe, um zu arbeiten. Alle kollaborieren, kaum einer kann sich konzentrieren. Auf der Technologieebene werden Kollaborations-Software-Systeme angeschafft, die zu einer noch größeren Verdichtung führen. Und was die Arbeitskultur betrifft: Zwar müssen um 23 Uhr Mails beantwortet werden, gleichzeitig wird erwartet, dass die Leute morgens um neun Uhr im Büro erscheinen. Kurz und gut: Das Neue ist schon da, das Alte aber noch nicht weg. Diese Kombination macht die Menschen derzeit kaputt. 84 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer sind auf „stand-by", nachdem sie das Büro verlassen haben. Mehr als 50 Prozent haben regelmäßig Schlafprobleme, die stressbedingte Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle stieg in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent.

Wie schaffen wir es, die beste aller Welten zu bauen?

Markus Albers: Derzeit wächst die Flexibilität schneller als die Freiheit der Einzelnen. Wir müssen der Überforderung entgegenwirken.

Wie geht das?

Markus Albers: Ich glaube nicht, dass eine zu starke top-down-Lösung funktioniert. Es gibt solche Ansätze bei Daimler und Volkswagen, bei denen im Urlaub empfangene E-Mails im Papierkorb landen oder Server am Abend abgeschaltet werden. Mir ist das zu paternalistisch. Das konterkariert das Freiheitsversprechen. Ich glaube an kleine Siege in Teams und Familie. Zum Beispiel kann man sich darauf einigen, mehrmals pro Woche Zeiten ununterbrochener Konzentration einzulegen. Oder man sagt: Es ist okay, wenn Kollegen am Wochenende eine E-Mail schicken – auch der Chef oder die Chefin –, sie dürfen nur nicht erwarten, dass diese vor Montag beantwortet wird. Vor allem ist es wichtig, gemeinsam über das Problem zu sprechen. Wir haben mächtige neue Werkzeuge, es mangelt aber an Kulturtechniken, diese zu benutzen.

Durch die digitalen Tools hat jeder sein Büro immer dabei, abends liegt es auf dem Küchentisch. Da erfordert es viel Disziplin, nicht hin und wieder einen Blick zu riskieren.

Markus Albers: Ja, häufig warten Kolleginnen und Kollegen auf eine Rückmeldung. Man ist fast schon unkollegial und wirkt wie Sand im Getriebe, wenn man abends nicht auf die Mail antwortet. Das ist ein Gruppenzwang. Zudem arbeiten wir zunehmend globalisiert. Wenn wir Feierabend machen, beginnen sie an der US-Westküste im Büro aktiv zu werden. Das ist in Ordnung, solange es im Team klare Absprachen gibt und solange man sich Freiräume erlaubt. Ich arbeite auch manchmal um elf Uhr abends an einer Präsentation. Aber dann muss es okay sein, am nächsten Tag im Café Zeitung zu lesen und erst mittags ins Büro zu kommen.

Das erfordert in den meisten deutschen Unternehmen einen großen Kulturwandel?

Markus Albers: In der Tat. Aber zumindest das Lippenbekenntnis gibt es von vielen Unternehmen. Siemens, Daimler, Bosch und die Lufthansa haben schon auf Geschäftsführer-Ebene gesagt, es sei egal, wann und wo die Leute ihre Arbeit machen. Wir schauen auf das Ergebnis. Microsoft Deutschland hat neben der Vertrauensarbeitszeit sogar den Vertrauensarbeitsort eingeführt. Die Angestellten können laut Betriebsvereinbarung offiziell ihre Arbeit dort erledigen, wo sie wollen. Das heißt: Die Absicht, diesen Kulturwandel herbeizuführen, gibt es. Ab diese Absicht trifft auf die Beharrungskräfte eines existierenden Systems: Kontrollwunsch von Führungskräften und Präsenskultur. Das führt dann nicht zur besten, sondern zur schlechtesten aller Welten. Auf der einen Seite die digitalen Verknüpfungen, auf der anderen die Anwesenheitspflicht, die Meetings, die Jour Fixes.

Wie pathologisch ist unsere Sucht nach digitaler Vernetzung?

Markus Albers: Ich habe einige Weckrufe erlebt. Als ich mit meiner vierjährigen Tochter auf einem Spielplatz war, sagte sie: „Papa, starr nicht immer auf dein Handy.“ Da ich habe gemerkt: Sie hat recht, ich starre wirklich ständig auf mein Handy. Immer nach dem Motto: nur noch diese eine Mail, nur noch diese Nachricht. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, wie zwanghaft ich auf mein Handy schaue. Das ist ein Suchtphänomen.

Wie gehen Sie damit um?

Markus Albers: Anders als beispielsweise beim Alkoholismus ist es bei den digitalen Dingen ja so, dass wir sie nicht auf null runterfahren können. Denn dann können wir – je nachdem, was unser Job ist – nicht mehr arbeiten und kaum mehr mit Freunden kommunizieren. Aber es ist sinnvoll, zwischendurch einen kleinen Entzug zu machen.

Was heißt das konkret?

Markus Albers: Man kann sich digitale Pausen auferlegen. Beispielsweise – das habe ich für das Schreiben am Buch gemacht – in dem man ein Dumpphone kauft, ein dummes Telefon, das nur Anruf und SMS kann. Wenn man nur das dabei, kann man keine Mails checken. Das ist schmerzhaft, das hat mich kirre gemacht – aber nur am Anfang, danach wird es viel besser. Zuhause kann man kleine Routinen einführen: Einfach mal das Handy ausschalten und in eine Schublade legen. Das kann ich nur empfehlen.

Das Buch ist im Hanser-Verlag erschienen und kann hier bestellt werden

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