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Anhaltender Protest: Viele Katalanen wollen die Unabhängigkeit (© Getty Images)
Auf einen Espresso mit...
04.10.2017

Die Lage spitzt sich zu. Nach dem Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien am vergangenen Sonntag hat Spaniens König Felipe VI. scharfe Vorwürfe gegen die Regionalregierung in Barcelona gerichtet. Die Situation bezeichnete er als sehr ernst. Unterdessen hat der Chef der Regierung Kataloniens, Carles Puigdemont, angekündigt, dass seine Regierung „Ende der Woche oder Anfang der nächsten Woche handeln“ werde. Der Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Cyrus de la Rubia, sieht „gefährliche Härten“, auf spanischer und katalanischer Seite.

Der Streit um die Unabhängigkeit Kataloniens hat sich nach den Auseinandersetzungen rund um das Referendum am Sonntag zugespitzt. Verliert Spanien bald seine wirtschaftlich stärkste Region?

Dr. Cyrus de la Rubia: Katalonien ist zweifelsohne sehr wichtig für Spanien. Dort werden etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts produziert, 25 Prozent der spanischen Exporte kommen aus Katalonien, das auch eine relativ große industrielle Basis hat. Dennoch sollte man mit einem Missverständnis aufräumen. Katalonien ist nicht die einzige starke Region in Spanien. Madrid ist mindestens genauso stark, mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen, mit einem höheren Anteil an hochwertigen Dienstleistungen. Und auch Madrid ist Nettozahler im innerspanischen Finanzausgleich. Zudem sollte man sich in Katalonien bewusst sein, dass diese Region mindestens so viel zu verlieren hat wie der Rest Spaniens: Kataloniens Unternehmen sind auf Zulieferer angewiesen und wirtschaftlich extrem stark mit den anderen spanischen Regionen verflochten.

Wieso möchte Katalonien Spanien verlassen?

Dr. Cyrus de la Rubia: So ganz klar ist das nicht. 1978, nach dem Ende der Franco-Diktatur, hat Katalonien der spanischen Verfassung mit sehr großer Mehrheit zugestimmt. In den Folgejahren begannen Autonomiebestrebungen, die immer deutlicher wurden – und bei denen die Zentralregierung in vielen Fällen Sonderrechte eingeräumt hat. Katalonien gilt als die Region in Europa mit den größten Autonomierechten, deutlich mehr als Bundesländer in Deutschland. Dennoch wurde die Abspaltungs-Stimmung in den vergangenen Jahren von den regionalen Regierungschefs befeuert.

Will denn tatsächlich eine Mehrheit der Katalanen die Unabhängigkeit?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das ist schwer zu sagen. Von den gut 40 Prozent, die am Wochenende abgestimmt haben, waren etwa 90 Prozent für die Unabhängigkeit. Keiner weiß, was mit den Nicht-Wählern ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele für den Verbleib in Spanien sind, ist hoch – die Region ist gespalten.

Auch die Balearen und das Baskenland würden gerne unabhängig sein. Droht der Zerfall des Spaniens?

Dr. Cyrus de la Rubia: Die Gefahr besteht natürlich. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass der Wunsch nach Unabhängigkeit in den anderen Regionen so stark ausgeprägt ist wie in Katalonien. Generell finde ich die Härte auf beiden Seiten gefährlich. Hier werden alte Emotionen wieder reaktiviert, Populisten setzen sich auf diesen Zug. Es werden auch alte Wunden aufgerissen, die nach dem Bürgerkrieg und der Franco-Zeit allmählich vernarbt waren.

Wie kann der Streit beigelegt werden?

Dr. Cyrus de la Rubia: Das kann wohl nur mit Hilfe eines Vermittlers gelingen. Die beiden Parteien in dem Konflikt wirken sehr ineinander verhakt, kaum zu glauben, dass sie den Konflikt lösen können. So ein Vermittler könnte aus der EU kommen, immerhin geht es den Katalanen nicht darum, die EU zu verlassen. Allerdings ist unklar, wie Katalonien aus Spanien ausscheiden will und dann gleich in der EU sein kann – normalerweise dauert die Aufnahme in die EU mehrere Jahre. Zudem müsste die Aufnahme einstimmig geschehen, Spanien müsste also zustimmen. Das Ganze ist wie beim Brexit – einfach nicht zu Ende gedacht.

Was bedeutet der Konflikt für andere Länder in Europa?

Dr. Cyrus de la Rubia: Klar, es gibt immer das Risiko, dass auch andere Regionen sich anstecken lassen. Norditalien, Schottland – Kandidaten gibt es genug.

Welche Auswirkungen hat der spanische Konflikt auf die EU und den Euro?

Dr. Cyrus de la Rubia: An den Finanzmärkten sind die Risikoaufschläge für südeuropäische Länder gestiegen, für Spanien ganz besonders. Und natürlich sind dies keine guten Nachrichten für den Euro, der in den vergangenen Tagen ohnehin gegenüber dem US-Dollar etwas geschwächelt hat.

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