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Der E-Roller-Dienst Coup wird nach Paris expandieren (© Coup)
Sharing Economy
20.09.2017

Die Sharing Economy verheißt eine neue Form des Wirtschaftens – eine zunehmende Zahl von Unternehmen nimmt die Dienste in Anspruch.

Wer in einer deutschen Metropole wie Berlin wohnt, braucht kein eigenes Auto mehr. Wenn er eine App wie „MyScotty“ oder „Moovel“ auf dem Smartphone nutzt, sieht er auf einer Umgebungskarte alle Arten von Fahrzeugen, die er für kurze Fahrten nutzen kann. Er hat die Wahl zwischen Carsharing-Anbietern wie Car2Go (Daimler) und DriveNow (BMW). Oder er nutzt einen Elektroroller der Bosch-Tochter Coup oder des Start-ups Emmy. Hinzu gesellen sich zahlreiche Fahrräder von Anbietern wie Nextbike, die ebenfalls per App gesucht und gemietet werden können. Mit lästigen Reparaturen, Laden oder Tanken hat der Kunde nichts mehr zu tun - er zahlt lediglich eine Nutzungsgebühr, die von Fahrtzeit oder der zurückgelegten Strecke abhängt, manchmal errechnet sich der Preis auch aus einer Kombination der beiden Faktoren.

Die Sharing Economy bringt viele neue Geschäftsideen hervor und sie wird zunehmend auch von Unternehmen genutzt. Eine Statista-Umfrage für Geschäftsreisen im Jahr 2016 belegt, dass über die Hälfte der befragten Unternehmen Buchungen von Angeboten aus dem Bereich Carsharing erlauben. Bei der Nutzung von Vermittlungsplattformen für Übernachtungsmöglichkeiten oder Fahrdiensten waren die Unternehmen dagegen zurückhaltender. Aber immerhin 33 Prozent (Übernachtungsmöglichkeiten) und 27 Prozent (Fahrdienste) der Unternehmen über 500 Mitarbeitern erlaubten 2016 diese Sharing-Economy-Angebote.

Kunden wollen zunehmend Dinge nicht mehr besitzen, sondern nur noch den Service haben

Nick Sohnemann, Trendforscher

Mobilität zu teilen, wie es Coup anbietet, ist besser als ein eigenes Fahrzeug zu unterhalten - dieser Trend setzt sich vor allem unter jungen Großstädtern durch. Die Sharing Economy profitiert davon, dass eine zunehmende Zahl von Kunden das Teilen dem Kaufen vorzieht. In der EU setzten die Plattformen und Anbieter der Sharing Economy laut PwC Consulting im Jahr 2015 rund 28 Milliarden Euro um. Der US-Thinktank Brookings Institution rechnet damit, dass das weltweite Marktvolumen dieses Wirtschaftszweiges auf über 335 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 steigen wird. „Kunden wollen zunehmend Dinge nicht mehr besitzen, sondern nur noch den Service haben“, sagt der Hamburger Trendforscher Nick Sohnemann. „Uber besitzt keine Autos, Airbnb keine Hotelbetten.“ Sohnemann glaubt, dass wir in Zukunft auch Handys abonnieren und jedes Jahr das neueste Modell bekommen. „Was ich mir gut vorstellen kann, wäre ein Verleihservice. Ich will doch ohnehin immer das neueste Handymodell haben und das dann nach zwei Jahren wiederum in einen neues tauschen.“

Den Löwenanteil des „Sharing“-Umsatzes werden sich aber wohl die bereits heute größten Unternehmen der Sharing Economy sichern: der Wohnungsvermittler Airbnb und der Fahrdienst Uber. Mehr als 60 Millionen Menschen buchten im Jahr 2015 in 34.000 Städten in 191 Ländern der Welt über Airbnb eine private Unterkunft. Uber schraubte von 2014 bis 2016 seinen weltweiten Umsatz von 500 Millionen auf 6,5 Milliarden US-Dollar hoch.

Gegenwind für Airbnb und Uber

Die beiden Firmen haben früh auf den Trend des Teilens von privatem Besitz mit Fremden gesetzt und beherrschen heute jeweils ihren Markt. In Deutschland brachte Uber allerdings das Taxigewerbe gegen sich auf. Die Möglichkeit, dass Privatleute mit ihren Fahrzeugen sich von Uber an Kunden vermitteln lassen, sorgte für heftigen Streit, der auch vor Gerichten ausgetragen wird. Bis heute können die Amerikaner ihren Dienst in Deutschland nur in abgespeckter Form anbieten. Auch Airbnb spürt Gegenwind. Die Hotelbranche geht gegen die günstige Zimmervermietung durch Privatleute vor und erhält auch Schützenhilfe von der Politik, die verhindern will, dass Wohnungen in Citylagen nur noch an Touristen vermietet werden. Während Taxifahrer und Hoteliers in der Sharing Economy zum Teil eine Bedrohung ihres Geschäftsmodells wittern, sehen Versicherungen ein großes Potenzial – jeder Teilvorgang ist mit Risiken behaftet, die abgesichert werden können. So kooperiert die Versicherung Axa bereits mit dem Mitfahrdienst Blablacar. Zurich hat sich mit Uber verbandelt.

Doch längst sind Wohnungen und Fahrdienste nicht das Einzige, was geteilt werden kann. Seit in Deutschland die Störerhaftung teilweise aufgehoben wurde, erfreut sich das „WLAN-Sharing" steigender Beliebtheit. So ist auch außerhalb der eigenen Firma oder Wohnung ein Internetzugang möglich. Sogar Bücher-Sharing gibt es inzwischen.

Bei deren Bekanntheit lässt sich übrigens einer GfK-Befragung ein deutliches Nord-Süd-Gefälle feststellen. Rund 28 Prozent der Befragten in Berlin und Hamburg gaben an, Sharing-Economy-Angebote zu kennen. Auch in Niedersachen und Bremen gaben sich dies über 25 Prozent der Befragten an. In Bayern und Baden-Württemberg waren es dagegen unter 20 Prozent.

Coup, im Jahr 2015 von einem Team aus 20 jungen Entwicklern und Designern gegründet und im vergangenen Jahr mehrheitlich von Bosch übernommen, hat über das Stadtgebiet in Berlin 800 Elektroroller verteilt. Der Sharing-Anbieter setzt auf ein System aus Stationen, an denen der Akku getauscht werden kann. Das verhindert lange Wartezeiten während des Ladens. Demnächst wird Coup auch 600 Elektroroller in Paris aufstellen; dort, wo in Europa die meisten Einwohner auf der geringsten Fläche angesiedelt sind.

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