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Leasingfahrzeuge eines Unternehmens werden neu berechnet (© Getty Images)
IFRS 16
29.09.2017

Die Einführung des neuen Standards zur Leasingbilanzierung IFRS 16 verringert den bilanziellen Gestaltungsspielraum für alle Unternehmen, die ihren Konzernabschluss nach den internationalen Rechnungslegungsstandards auflegen. Der Grund: Ab dem Bilanzjahr 2019 müssen sie nahezu ihre gesamten Leasingverpflichtungen bilanzieren. Die HSH Nordbank analysiert in ihrer Kurzstudie „IFRS 16 – Risiken und Nebenwirkungen für kapitalmarktorientierte Unternehmen und den deutschen Mittelstand“ alle DAX und MDAX-Konzerne sowie weitere 284 kapitalmarktorientierte Unternehmen für das Bilanzjahr 2016. Im Gespräch mit UP Nord erläutert der Autor der Studie, Senior-Analyst Volker Brokelmann, die wichtigsten Eckpunkte.

Was bedeutet IFRS 16 konkret für die Unternehmen?

Volker Brokelmann: Es ist zunächst einmal eine Zäsur in der Bilanzierung für die Unternehmen, die Miete und Leasing stark nutzen, weil sich die Bilanzrelationen deutlich verändern können. Operativ stellt die Einführung einen erheblichen Aufwand dar, denn die Unternehmen müssen ihre internen Prozesse und das Reporting umstellen. Alle betroffenen Leasing-Verträge müssen neu erfasst, bewertet und entsprechend in der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) abgebildet werden.

Volker Brokelmann, Branchenanalyst der HSH Nordbank (© HSH Nordbank)

IFRS 16 gilt doch erst ab 2019. Warum ist es dann jetzt schon ein Thema?

Volker Brokelmann: Damit die Unternehmen 2019 entsprechend bilanzieren können, muss die Einführung spätestens im Jahr 2018 abgeschlossen sein. Denn auch für das Bilanzjahr 2018 müssen bereits Vergleichswerte nach dem neuen Standard erhoben werden. Entsprechend hören wir von vielen Kunden, dass sie sich bereits tief im Einführungsprozess befinden.

Gibt es überhaupt noch bilanzielle Gestaltungsspielräume?

Volker Brokelmann: Es wäre beispielsweise möglich, die Laufzeiten von Leasingverträgen zu verkürzen, denn je kürzer ein Vertrag läuft, desto geringer sind die absoluten Leasingzahlungen, denen sich das Unternehmen beim Bilanzausweis nicht entziehen kann. Anstelle von fixen Zahlungen könnten auch umsatz- oder nutzungsabhängige Leasingzahlungen vereinbart werden. Der Vorteil: Sie werden nicht in der Bilanz aktiviert, sondern immer dann als Aufwand erfasst, wenn sie anfallen. Und die Unternehmen könnten durch Umstellung des Beschaffungsmodells von Leasingverträgen zu Serviceverträgen übergehen, etwa wenn sie anstelle des Leasings einzelner LKW künftig Kapazitäten an Transportvolumen fest kontrahieren, auf die sie je nach Bedarf flexibel zugreifen können. So wird eine Bilanzaufblähung vermieden, da Serviceverträge (um solche handelt es sich in der Regel bei Kapazitätsverträgen) weiterhin nicht bilanziert werden müssen. IFRS 16 kann damit im Leasingmarkt perspektivisch auch zur Nachfrage nach neuen Nutzungsmodellen führen.

Der neue Leasing-Bilanzierungsstandard wird bei vielen Unternehmen zu schlechteren Finanzkennzahlen führen. Wie berührt das die Unternehmensfinanzierung?

Volker Brokelmann: Zunächst gilt es festzuhalten, dass sich die Bonität eines Unternehmens allein durch einen geänderten Bilanzausweis objektiv überhaupt nicht ändert. Das gilt aber leider nicht zwingend auch für die Bonitätswahrnehmung durch Banken und Ratingagenturen. Während die beiden weltweit führenden Ratingagenturen Standard & Poor’s und Moody’s jegliche Leasingverpflichtungen bereits umfänglich in ihren Ratingnoten berücksichtigen und IFRS 16 daher bei ihnen absehbar ratingneutral sein sollte, müssen die Banken ihre internen Unternehmensratingverfahren erst noch an die Standardänderungen anpassen. In den stark an Finanzkennzahlen orientierten bankinternen Ratingverfahren kann das dann im Einzelfall auch zu einer Verschlechterung der Ratingnote führen. Unternehmen mit hohem Leasing-Exposure sollten vor der IFRS 16-Einführung zudem auch ihre Kreditverträge auf einen etwaigen Anpassungsbedarf prüfen, sofern sie aus diesen zur Einhaltung bestimmter Finanzrelationen verpflichtet sind. Hier raten wir, frühzeitig den Dialog mit den Banken zu suchen, um gegebenenfalls eine Präzisierung von Kreditklauseln zu vereinbaren und so möglichen Verwerfungen vorzubeugen.

Ist IFRS 16 nur ein Thema für kapitalmarktorientierte Unternehmen oder sind Mittelständler ebenso betroffen?

Volker Brokelmann: Der Mittelstand, der nach HGB bilanziert, ist davon natürlich nicht direkt betroffen, wird unserer Einschätzung nach aber auf längere Sicht auch berührt. Von den Anpassungen in den bankinternen Ratingmodellen könnten nämlich letztlich auch die Ratingnoten für mittelständische Unternehmen beeinflusst werden, die ja mit denselben Ratingmodellen beurteilt werden. Zudem sollten sich Mittelständler auf einen erhöhten Informationsbedarf ihrer Banken hinsichtlich ihrer außerbilanziellen Miet- und Leasingverpflichtungen einstellen.

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